Acht Top-Touren zwischen Mangfall und Chiemgau

Out of Rosenheim

Wenn Sie das nächste Mal am Inntal-Dreieck im Stau stehen, fahren Sie doch einfach rechts ab. Hier locken Traumtouren in Hülle und Fülle!

Der Himmel der Bayern befindet sich nicht etwa auf dem Oktoberfest. Auch wenn eine Brauerei dies hartnäckig behauptet. Der liegt schon eher hier, südlich von Rosenheim. Da sind sich die drei Freunde Kai, Stefan und Christian einig.

In ihrem Rücken ragt der felsige Gipfel des Wendelsteins auf, zu ihren Füßen erstreckt sich das breite Inntal mit seinen Bilderbuch-Dörfern, den vielen Kirchen, den Wirtschaften und Biergärten – und vor ihrer Nase taucht endlich die ersehnte Almhütte auf, die neben einer anständigen Brotzeit auch eine kühle Radlerhalbe bereithält. Einfach himmlisch.

Das ist nur fair. Schließlich liegt hinter Kai, Stefan und Christian auch so etwas wie das oberbayerische Fegefeuer: eine quälend lange Auffahrt mit gut 1000 Höhenmetern, gewürzt mit allersteilsten Rampen. Und ein felsdurchsetzter, matschiger Steig mit Schiebe- und Tragepassagen durfte natürlich auch nicht fehlen.

Für die Region zwischen Kufstein und Rosenheim, nicht einmal eine Autostunde von München entfernt, ist das typisch. Beiderseits des Inntals, zwischen Mangfallgebirge und den Chiemgauer Bergen, liegen Freud und Leid des Mountain­bikers nah beisammen.

Denn das abwechslungsreiche Tourenrevier bietet von allem etwas: Gemütliche Einrollstrecken in den Vorbergen, spannende Trails – aber eben auch die bissig steilen Anstiege. Und all das wird umrahmt von einer fast schon unwirklich idyllischen Landschaft.

Um den schroffen Klotz des Wendelsteins, der diese Szenerie überragt, ranken sich jede Menge Geschichten: etwa jene der Wendelstein-Zahnradbahn. Ende des 18. Jahrhunderts setzte der geheime Kommerzienrat Otto von Steinbeis das Örtchen Brannenburg als Talstation durch.

Am 4. Februar 1910 unterzeichnete der Bayerische Prinzregent Luitpold die Konzessionsurkunde. Um die Bahn vor Steinschlägen und Lawinen zu schützen, hatten die Planer die schwierigste der möglichen Linien gewählt. In nur zweijähriger Bauzeit errichteten rund 800 überwiegend bosnische Arbeiter die 9,95 Kilometer lange Bahnstrecke mit sieben Tunnels, acht Galerien, zwölf Brücken und aufwendigen Stützmauern.

Am 12. Mai 1912 fuhr die erste – elektrisch angetriebene – Bahn nach oben. Seit 1991 werden auf der Strecke moderne Doppeltriebwagen eingesetzt, zu besonderen Anlässen fahren jedoch bis heute Züge aus der Gründerzeit.

Heute Morgen sind die drei Rosenheimer Locals an der Talstation der Wendelsteinbahn in Brannenburg gestartet. Bis zum Sattel auf der Nordseite des Berges waren knapp 1000 Höhenmeter zu überwinden. Normalerweise bringt solch ein Höhenunterschied das Trio nicht aus der Fassung.

Schließlich waren sie alle einmal Leistungssportler: Kai und Stefan im Duathlon, Christian hat Cross-Country- und Marathonrennen bestritten, bevor er aufs Enduro-Bike umgestiegen ist. Heute zeigen die drei als Bike-Guides ihren Gästen die schönsten Touren ihrer Heimat.

Die steilen Rampen sind deshalb keine Überraschung für sie, und doch rauben sie ihnen immer wieder den Atem. „Früher haben wir auf dieser Strecke immer erst Luft aus den Reifen gelassen“, erinnert sich Christian. Kein Wunder, denn ohne optimalen Grip ist die Chance gleich null, diesen Anstieg ohne Schieben zu bewältigen.

Doch auch wer schiebt, dem wird es hier sicher nicht langweilig: Während der Verschnaufpausen lohnt sich ein Blick auf die waghalsig angelegte Bahnstrecke. Der Weg von Brannenburg zur Reindler Alm verläuft nahezu parallel zu den Gleisen. Die bunten Züge kündigen sich durch gemütliches Rattern an, um dann in Galerien oder Tunnels zu verschwinden.

An sonnigen Tagen nutzen viele Ausflügler die Bahn für den Weg nach oben und wandern dann nach unten. Aufmunternde Worte und bewundernde Blicke sind den Bergradlern also garantiert.

Während der Umrundung des Wendelsteins kommt etwas Zuspruch mitunter nicht ungelegen. Unterhalb einer respekt­einflößenden Felswand führt die Strecke nun gegen den Uhrzeigersinn um den Wendelstein herum. Schieben und Tragen ist angesagt, und die Wanderer wundern sich.

„Macht das denn Spaß?“ fragt ein beleibter Herr im klassisch-karierten Hemd. Seine Gesichtsfarbe und sein Schnauben lässt allerdings eher die schleppenden Radler zweifeln, ob ihr Wanderfreund-Gegen­über denn seine mühsame Fortbewegungsart genießt – doch natürlich geben sie ihm eine freundlich-höfliche Antwort: „Manchmal gehört das eben dazu.“ Und insgeheim denken sie sich wohl, dass sie als echte und damit katholische Bayern nicht ohne ein zumindest kleines Fegefeuer in den Himmel kommen. Und da wollen sie ja schließlich hin.

Einen Vorgeschmack darauf bieten die fahrbaren Stücke der Querung. Die zergehen den versierten Mountainbikern auf der Zunge. Dass Stefan, Christian und Kai ihre fahrbaren Untersätze beherrschen, ist unübersehbar. Auf dem schmalen Kurs zwischen kleinen Felsen, Wurzeln und Matsch ist Balancegefühl gefragt.

Doch nach der Kesselalm läuft der Film in anderer Geschwindigkeit ab: Der breite Fahrweg präsentiert sich als Serpentinenrennstrecke vom Feinsten. „Aber Achtung, hier sind auch viele Wanderer unterwegs!“ mahnt Christian zur Vorsicht.

Ein letztes Mal bäumt sich die Tour nun auf. Ein Fahrweg führt hoch in das Traditionsskigebiet Sudelfeld – und der ist eben wieder mal so richtig steil. Zum Ausgleich folgt noch der Weg durch das idyllische Hochtal des Arzmoos mit seinen verstreut liegenden alten Almhütten, dann ist der holprige Steig hinunter zum Fahrweg an der Zahnradbahn erreicht. Bergab lassen die steilen Abhänge über dem Inntal das Herz jedes Enduristen jubeln. Denn mit der richtigen Geschwindigkeit bügeln die stabilen Rösser den rauen Untergrund wunderbar seidig glatt.

„Naja, das war vielleicht doch ein bisschen zu schnell“, räumt Christian allerdings grinsend ein – nach der dritten Zwangspause wegen eines Durchschlags. Doch auch der ist schnell repariert. Und beim Blick nach oben ist trotz Schweißes in den Augen sonnenklar: Das ist er, der Himmel der Bayern. Zumindest für die mit einem Mountainbike.

06.08.2009
Autor: Verena Stitzinger, Ralf Glaser
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 09/2009