Retro-Alpencross

Wer hat an der Uhr gedreht?

Ist es wirklich wieder 1989? Die beiden MountainBIKE-Mitarbeiter Chris Pauls und Thomas Schmitt, die sich im vergangenen Jahr in der Originalausrüstung auf die erste Cross-­Strecke überhaupt aufmachten, hatten genau dies im Sinn.
Foto: Rainer Eder Retrocross

Chris Pauls und Thomas Schmitt: Zeitreisende in Sachen Alpencross.

Dazu im Forum: Abenteuer Alpencross - Was haben Sie erlebt? Perfekte Tage? Sturm, Hagel, Speichenbruch? Wir sind gespannt auf Ihre Geschichten.

Das war eine kalte Dusche: "Einen iPod? Vergiss es, du kannst einen Walkman einpacken – der iPod ist tabu“, schimpft Thomas. „Himmel, was für ein Perfektionist“, denke ich und gebe klein bei. iPod, Walkman? Was hat das Ganze mit einem Alpencross zu tun? Das ist so: Der nostalgische Walkman ist eben genauso aus der Mode gekommen wie ein 20 Jahre altes Mountainbike mit Starrgabel – wir aber wollten genau damit auf große Tour gehen. Wahnsinn? Und vor allem: Warum nur?

Die Idee: MB-Testfahrer Thomas „Professor“ Schmitt und ich, MB-Mechaniker Chris Pauls, hatten gerade die Federung der neuen Testbikes eingestellt und philosophierten darüber, ob wir all die technischen Finessen wirklich brauchen. „So wie die Klunkers, die Biker der ersten Stunde in Kalifornien, müssten wir mal durch die Gegend fahren“, murmelte Thomas.

„Oder so, wie es Andi Heckmair mit seinen Gefährten vor 18 Jahren wagte!“ Auf Mountainbikes der Walkman-Generation von Oberstdorf zum Gardasee, ohne Federung, ohne Scheibenbremsen und ohne Carbon-Rahmen. Ohne zu wissen, was wir uns da vornahmen, planten wir unseren allerersten Alpencross: auf den Spuren der Pioniere und auf Bikes einer anderen Epoche zurück in die Vergangenheit.

Foto: Rainer Eder Retrocross

Tipps vom "Altmeister" Andi Heckmair (rechts).

Die Pioniere: Der Oberstdorfer Bergführer Andi Heckmair, Sohn des Eiger-nordwand-Erstbegehers Anderl, war nach einer Knieverletzung notgedrungen zum Radler geworden. Er bat Wolfgang Renner, Gründer der Bike-Marke Centurion, ihm ein solides Bergrad zu bauen. 1987 diente das Modell „Lhasa-Kathmandu“ bei der Tour durch den Himalaja als Entdecker-Fahrzeug. Zwei Jahre später sollte es über die Alpen gehen.

Im August 1989 starteten Andi Heckmair, Wolfgang Renner und Bahn-Olympiasieger Gerhard Strittmatter in Oberstdorf. Ihr Plan ging auf: Nach fünf Tagen erreichten sie den Gardasee.

Das Material: „Ihr seht ja aus wie Bergsteiger“, ruft uns – 18 Jahre später – ein Biker beim Aufstieg zum berühmt-berüchtigten Schrofenpass zu. Mit stolzgeschwellter Brust treten wir in die Pedale. Und erinnern uns an die Mühe und die viele Zeit, die es gekostet hatte, an solch alte Sachen zu gelangen. Wolfgang Renner hat uns die Original-Bikes von 1989 aus dem Firmenmuseum geliehen. Betteltouren bei Kollegen und Freunden plus Shoppen im Internet brachten uns schließlich das stilechtes Equipment aus den späten 80er Jahren: Helme, Brillen, Trikots, Regenjacken, Rucksäcke, Hosen und natürlich Wanderschuhe – alles musste her.

Andi Heckmair kamen fast die Tränen, als er bei unserem Start in Oberstdorf das schwarz-rote Lhasa-Kathmandu sah. Uns steigen später fast die Tränen in die Augen, als wir auf dem schmalen, rutschigen Pfad vom Schlappiner Joch runterdonnern. „Jetzt bloß keinen Fehler machen“, denke ich mir. Die 1,9 Zoll schmalen, fast profillosen Reifen vermitteln nicht gerade Sicherheit. Doch das ist nur ein Problem unter vielen! Der Trail wird immer steiler – die Hinterradbremse will trotzdem nicht mehr. Mein Bike hatte sich wohl mit der Rente im Firmen-Museum angefreundet und nicht mehr mit solch einer Belastungsprobe gerechnet. Ums Haar, und ich wäre im Abgrund gelandet.

Foto: Rainer Eder Retrocross

Die alten Bergwanderschuhe geben den Geist auf.

Schweißgebadet komme ich im Tal an, zum Glück brauche ich bergauf keine Bremse. Die dritte Tragepassage, der Scalettapass, stellt die Retro-Ausrüstung erneut auf die Probe: Die dünnen Riemen des 18 Jahre alten Rucksacks schneiden tief in meine Schulter. Erschwerend hinzu kommt der geschulterte 15-Kilo-Drahtesel. Von Schmerzen geplagt, lege ich mein Bike weg und nehme einen Schluck – aus der Alu-Trinkflasche. Ich probiere sämtliche Tragetechniken aus, und wenn der Weg es erlaubt, schiebe ich einfach. Was für eine Qual – bis ich endlich die Passhöhe erreiche. Hier verdrängen Glücksgefühle sofort allen Ärger. Doch dann: „Was ist denn mit deinen Schuhen passiert?“ fragt Thomas verdutzt. Nassgeschwitzt wie ich bin, wechsle ich erst mal meine Klamotten.

Eingehüllt in etliche Baumwoll-Schichten, widme ich mich sofort dem Schuhproblem: Der untere Teil der Schuhsohle hat sich zur Hälfte gelöst. „Wir brauchen Klebeband“, murmele ich entmutigt. Denn das haben wir nicht dabei. Vorsichtig stelle ich mich auf die alten Bärentatzen-Pedale und holpere ins Tal. Ein Glück, dass der Fotograf, der dort auf uns wartet, Tape dabei hat. Provisorisch repariert geht es auf die Suche nach Hilfe.
„Il calzolaio“ heißt der kleine Schusterladen am Marktplatz im italienischen Bormio.

Der Inhaber beäugt die Schuhe fassungslos. Ohne ein Wort Italienisch erkläre ich ihm, dass wir noch über den Passo di Campo müssen. Sein Mitgefühl ist groß: Nach einer Stunde und nach dem Einsatz einiger Rollen Garn sehen die Schuhe wieder marschbereit aus. Ich laufe darauf etwas unrund schnell noch zum hiesigen Bike-Händler. „So hast du es hierher geschafft?“ fragt der verwundert. Ich nicke zufrieden und entschwinde mit einem Paar Bremsklötze durch die Ladentür.

Foto: Rainer Eder Retrocross

Geschafft: die beiden Retro-Crosser am Ziel in Riva.

Die Begegnungen: „Das schafft Ihr doch eh ned“, hatte uns Andi Heckmair zum Abschied mit auf den Weg gegeben. Sollte er recht behalten? Immerhin hat er die Route ausgearbeitet. Neben den vielen fahrbaren Pässen schleppen wir unsere Draht­esel über das Schlappiner Joch, den Scaletta-, den Chaschaunapass und dreieinhalb Stunden lang über den gefürchteten Passo di Campo. „Pericolo!“, gefährlich, warnt uns ein alter Italiener oben, doch Thomas fährt beinahe die komplette, extrem schwierige Abfahrt.

Andere Biker bemitleiden und unterstellen uns Geiz oder Geldnot. Einzig ein Eidgenosse erkennt mit typischer Schweizer Cleverness: „Retro, hä?“ Richtig. Und das bis zur Uferpromenade von Riva! Wir sind uns ganz sicher: Dieser Retro-Cross wird uns unvergesslich bleiben. Und der iPod? Habe ich nicht vermisst.

Selbst schon einen Alpencross absolviert? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen ins Forum!

15.02.2008
Autor: Chris Pauls
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 03/2008