MB_Scheibenbremsentest_2_2008_brems189_ret2 (jpg) Manfred Stromberg

Test: 23 Scheibenbremsen im Vergleich

Brakedance

Trails sind die Tanzfläche für Scheibenbremsen. MountainBIKE bat die ­neuesten und interessantesten Bremsen aufs Parkett und war gespannt, welcher der 23 Discstopper dabei so richtig abging.

Zuverlässige und standfeste Scheibenbremsen sind an aktuellen Mountainbikes keine Ausnahme mehr sondern die Regel. Dennoch gibt es noch immer enorme Unterschiede.

Grund genug für MountainBIKE, auch dieses Jahr wieder zum großen Bremsentest zu laden. Interessante Neuheiten gibt es genug: etwa die brandaktuelle „The One“ von Formula, die als einer der heißesten Newcomer 2008 gehandelt wird. Auch Shimano und Hayes treten mit kompletten Neuentwicklungen an. Avid kontert mit abgespeckter Code, Magura schickt die neue Louise ins Rennen, Hope lanciert das CC-Leichtgewicht Mono Mini Pro. Mit dem Preisknaller Auriga Comp versucht Tektro zu punkten: Schlappe 75 Euro kostet das gute Stück.

Keine Frage, Scheibenbremsen haben sich in den letzten paar Jahren zu absoluten Hightech-Produkten entwickelt – immer standfester, immer zuverlässiger. Bremsflüssigkeiten, Hebelverhältnisse, Belagmaterialien – der Fortschritt macht vor nichts halt und steckt im Detail. Gut so, müssen doch die Bremsen immer extremeren Ansprüchen standhalten.

Was noch vor wenigen Jahren als Tragepassage galt, dient manchem Freerider heute als Aufwärmrunde. Satte Federwege und abfahrts-orientierte Rahmengeometrien vermitteln selbst in ruppigem Terrain noch Sicherheit. Wohl dem, der sich dabei hundertprozentig auf seine Bremse verlassen kann!

Eine ganze Woche lang waren fünf Tester unterwegs, um neun Modelle in 23 Varianten zu testen. 74 Messfahrten mit insgesamt 35.000 Abfahrtshöhenmetern verzeichnete das Testprotokoll. Drei Testfahrer fuhren alle Varianten über anspruchsvolle Trails und notierten nach jeder Fahrt ihre Eindrücke. Auf Asphalt mussten sich alle Bremsen am 2D-Datarecording-Bike bewähren, mit dem unterschiedlichste Parameter messtechnisch erfasst und aufgezeichnet wurden. Lohn der Mühe: hieb- und stichfeste Messwerte, die eine lückenlos Dokumentation und Auswertung jeder einzelnen Fahrt erlauben und die gewonnenen Fahreindrücke – und letztlich das Testurteil – eindrucksvoll untermauern.

Alle Bremsen aus diesem Test im Detail

MB Avid Code Bremshebel
Bremse
MB Avid Juicy Ultimate Bremshebel
Bremse
MB Formula The One Bremshebel
Bremse
MB Hayes Stroker Trail Bremshebel
Bremse
MB Hope Mono Mini Pro Bremshebel
Bremse
MB Magura Louise Bremshebel
Bremse
MB Shimano Deore Bremshebel
Bremse
MB Shimano XT Bremshebel
Bremse
MB Tektro Auriga Comp Bremshebel
Bremse

Kleine Typberatung: Welche Bremse brauchen Sie?

Die ideale Bremse für jeden Einsatzzweck? Kaum machbar. Wer die Anschaffung einer neuen Bremse plant, sollte sich deshalb zunächst einige Fragen stellen. Welche die richtige Disc ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

Wie gut ist die eigene Fahr- und vor allem Bremstechnik?
Anfänger bremsen anders als Könner, vorzugsweise hinten, um einem vermeintlichen Überschlag zu entgehen. Auch Schleifbremsungen sind typisch für weniger versierte Fahrer. Die Bremse überhitzt schneller als beim Könner, der die Bremse wohldosiert und gezielt einsetzt. Wird es eng, neigen Anfänger zur verkrampften Vollbremsung. Deshalb empfehlen sich gutmütige, fein dosierbare Bremsen mit ausreichend großen Scheiben – 180 mm auch am Hinterrad sollten es schon sein.

Wo liegen die bevorzugten Strecken?
Klar, dass ein Biker, der häufig in den Alpen unterwegs ist, andere Bremsen benö­ tigt als ein Flachlandtiroler, der vorzugsweise auf Feld- und Waldwegen oder der CC-Rennstrecke unterwegs ist. Wer lange Abfahrten liebt, braucht standfeste Bremsen mit viel Bremsleistung. Flachlandfahrer und CC-Piloten dürfen dagegen ruhig aufs Gewicht achten und gegebenenfalls auch kleinere Scheiben montieren.

Leichter Fahrer, schwerer Fahrer?
Ein leichter Biker beansprucht seine Stopper – bei vergleichbarer Bremstechnik – deutlich weniger als ein schwerer Pilot. Wer über 80 Kilo wiegt, sollte auch bei den Bremsen nicht aufs Gramm achten. Große Scheiben sind Pflicht – ganz unabhängig von der verbauten Bremse.

Wie viel darf die Bremse kosten?
Viele Scheibenbremsen sind nicht nur technisch, sondern auch optisch echte Juwelen. Leider meist auch entsprechend teuer. Dass eine Top-Bremse dennoch nicht die Welt kosten muss, beweist dieser Test.

MB_Scheibenbremsentest_2_2008_brems068 (jpg)
Manfred Stromberg
Klar: Für solche Trails brauchen Sie richtig gute Bremsen.

Von Standfestigkeit bis Preis/Leistung: Die besten Bremsen für jeden Anspruch

Standfestigkeit
1. Avid Code 203 mm
2. Tektro Auriga Comp 203 mm
3. Formula The One 203 mm
Bremsleistung
1. Hayes Stroker Trail 203 mm
2. Avid Code 203 mm
3. Formula The One 203 mm
Dosierbarkeit
1. Avid Juicy Ultimate v/h 203 mm/185 mm
2. Avid Code v/h 203 mm/185 mm
3. Shimano XT v/h 203 mm/180 mm
Preis/Leistung
1. Tektro Auriga Comp
2. Avid Code
3. Shimano XT

Das Testfeld: So schnitten die Bremsen ab

Erfreulich: Einen Komplettausfall gab es bei keiner der 23 getesteten Bremsen zu verzeichnen. Frei von Schwächen war dagegen fast keiner der Probanden.

Die mit Spannung erwartete und mit vielen Vorschusslorbeeren versehene „The One“ von Formula zeigte mächtig Biss und glänzte mit ergonomischen Hebeln. Allerdings sank die brachiale Anfangskraft bei länger andauernden Bremsungen leicht ab und forderte etwas Geschick bei der Dosierung. Dennoch: Eine absolute Top-Bremse!

Kräftig abgespeckt, präsentierte sich die aktuelle Avid Code 60 Gramm leichter als noch im Vorjahr. Schwächen? Keine. Überragende Standfestigkeit und gut dosierbare Bremskraft empfehlen den Stopper nicht nur für Freerider und Downhiller. So sehen Testsieger aus!

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Manfred Stromberg
Testfahrer Thomas Schmitt gibt Gummi: hoher Reifenverschleiß durch einwöchiges Dauerbremsen.

Die kleine Schwester Juicy Ultimate spielte ebenfalls auf hohem Niveau und begeisterte die Tester mit erstklassiger Dosierbarkeit. Die breiten Hebel verteilen den Druck am Finger optimal und erlauben auf langen Abfahrten entspanntes Bremsen. Geringes Gewicht und ausreichend hohe Bremspower eröffnen dem Stopper ein breites Einsatzspektrum.

Hayes‘ neue Stroker Trail erregte durch ihre außergewöhnliche Bauform bereits bei der ersten Präsentation Aufsehen. Der Radialkolben darf sich mit Fug und Recht auch Radikalkolben nennen – die Bremse lieferte enorme Verzögerungswerte! Allerdings war die Stroker nicht frei von Fading. Der relativ harte Druckpunkt geht etwas zu Lasten der Dosierbarkeit.

Große Erwartungen weckt die neue Shimano XT. Zu Recht. Das komplett überarbeitete Modell machte im Test eine gute Figur. Spitzenwerte in Einzeldisziplinen sucht man vergebens, echte Schwächen alledings auch. In der Summe ergibt das eine gutmütige, überaus harmonische Bremse. Der Einsteigerstopper Shimano Deore zeigt den Einfluss der Disc-Größe besonders eindrucksvoll: Der Bremsweg verringerte sich im Test von 30 Meter mit der 160-mm-Scheibe auf 19,5 Meter mit der 203-mm-Variante. Bei Scheibenbremsen bitte nie vergessen: Es kommt doch auf die Größe an!

Besonders stylish präsentiert sich die superleiche Hope Mono Mini Pro. Maximal mit 160-mm-Discs lieferbar, bietet der englische Stopper gute Werte bei Verzögerung und Standfestigkeit.

Die neue Louise BAT von Magura zeigte zu Beginn der Messungen ungewöhnlich schwache Bremswerte. Erst bei der Nachmessung mit neuen Bremsen – und neuen Belägen – erreichte die Bremskraft das gewohnt hohe Niveau. Die vorbildliche Dosierbarkeit der ersten Serie fiel im zweiten Anlauf etwas ab. Bei einer Hinterradbremse gab‘s Probleme mit dem Druckpunkt. Serienstreuung? Eine fehlerhafte Charge von Belägen? Vieles spricht dafür, auch wenn „bislang keine Reklamationen aufgetreten sind“, wie Martin Schäfer von Magura glaubhaft versichert. „Wenn ein Kunde mit der Bremswirkung seiner Beläge nicht zufrieden ist, gehen wir damit sehr kulant um“, versichert Thomas Fritschle, Produktmanager bei Magura. „Reibwertschwankungen im vorliegenden Maß sind bei Bremsbelägen normal.“ In optimaler Konfiguration jedenfalls schafft es die Louise, an alte Erfolge anzuknüpfen.

Für eine positive Überraschung im Test sorgt die unauffällige Auriga Comp von Tektro. In Sachen Standfestigkeit nimmt es der preiswerte Underdog mit den großen der Branche auf. Manko: das Gewicht.

MB Scheibenbremsentest Grafik Januar 2008
MountainBIKE Magazin
Welcher Faktor beeinflusst den Bremsweg mehr? Der Aufbau des Bremssystems oder die verwendete Disc-Größe? Die Grafik macht es anschaulich: Zwischen bester und schlechtester Bremse liegen sensationelle 14 Meter. Während der Hayes-Fahrer steht, hat der Deore-Pilot mit der 160er-Scheibe noch volle 27,3 Sachen drauf.

So testet MountainBIKE Scheibenbremsen

Aussagekräftige und reproduzierbare Messwerte sind für jeden MB-Test so unabdingbar wie eine ausgiebige Praxis­erprobung.

Beim Scheibenbremsentest ermittelt MB sämtliche Messwerte direkt beim Fahren – nicht auf dem Prüfstand. Unterstützt wurde das Testteam – wie bereits in den Jahren zuvor – von den Messtechnikexperten von 2D-Datarecording um Dirk Debus (www.2d-datarecording.com). Stabile Wetterbedingungen und anspruchsvolles Terrain fand die Testcrew im Südtiroler Vinschgau. Die Messfahrten absolvierte MB-Fahrtechnik-Experte Manfred Stromberg auf einem aufwendig präparierten Mess-Bike.

MB_Scheibenbremsentest_2_2008_messung2 (jpg)
MountainBIKE

Um maximale Bremskräfte übertragen zu können, fand dieser Teil des Tests auf einer Asphaltstrecke mit konstantem Gefälle statt. Nach dem standardisierten Einbremsen der Beläge bringt Stromberg das Bike aus einer Geschwindigkeit von 40 km/h bis zum Stillstand – pro Messfahrt rund 25 Mal.

Das Messequipment erfasst dabei alle relevanten Parameter: Ein Präzisionsgeschwindigkeitsmesser dient zur Berechnung des Bremswegs. Ein Hochleistungs-GPS bestimmt die genaue Position des Fahrers zu jedem Zeitpunkt der Messung – wichtig für die spätere Zuordnung der jeweils befahrenen Streckenabschnitte.

Die Bremsverzögerung misst ein am Rahmen befestigter Beschleunigungssensor. Auch eventuell auftretendes Fading lässt sich damit aufdecken. Erstmals zum Einsatz kam ein Seilzugsensor, der den benötigten Hebelweg erfasst. Wandert der Druckpunkt, zeigt sich das in der Auswertung. Ein Temperaturmessfühler direkt am Belag zeichnet Temperaturverläufe auf und lässt neben der Maximaltemperatur erkennen, wie schnell die Beläge zwischen den Bremsungen abkühlen.

Der zweite Teil des Tests erfolgte auf dem Trail: 35.000 Hm Abfahrt in anspruchsvollem Gelände. Jeder Tester absolvierte die Abfahrt mit jeder Bremse und Scheibengröße mindestens einmal. Bremskraft, Dosierbarkeit, Standfestigkeit, Ergonomie – Kriterien, die jeder Tester unabhängig bewertet und in einem Testprotokoll festhält.

Messergebnisse werden per 2D-Software ausgewertet. Spezielle Algorithmen erlauben die Berechnung von Vergleichswerten, die mit den Ergebnissen der subjektiven Fahreindrücke abgeglichen werden und eine detaillierte Beurteilung jeder Bremse ermöglichen.

Ihre Bremse zickt? So schaffen Sie Abhilfe!

Neue Beläge/Scheiben
Neue Bremsbeläge und -scheiben müssen eingebremst werden. Dabei passen sich die Oberflächen von Belag und Disc aneinander an. Die meisten Hersteller empfehlen, mehrmals aus einer Geschwindigkeit von etwa 30 km/h hart abzubremsen. Bei bestimmten organischen Belägen führt die entstehende Wärme zu so genanntem Initialfading. Dabei kommt es teilweise zu chemischen Reaktionen im Belag. Erst durch die später eintretende chemische Umwandlung des ganzen Belags entfaltet dieser seine volle Bremskraft.

Fading
Erhitzen die Beläge zu stark, entsteht Fading. Bei organischen Belägen sinkt der Reibwert zwischen Belag und Scheibe aufgrund chemischer Reaktio­nen. Bei Sintermetall-Belägen sinkt der Reibwert ebenfalls durch entstehende Hitze – hier allerdings ein rein physikalischer Vorgang. In beiden Fällen lässt die Bremsleistung nach. Kurze Pausen helfen, überhitzte Stopper wieder auf Normaltemperatur zu bringen. Deshalb: Schleifbremsungen vermeiden!

Verglaste Beläge
Ein weiteres Phänomen bei Scheibenbremsen sind verglaste Beläge. Vor allem durch häufiges leichtes Bremsen entsteht zu wenig Abrieb an den Belägen. Feine Poren setzen sich zu, es entsteht eine glänzende Oberfläche, die nur noch geringe Reibwerte aufweist. Durch starkes Bremsen lässt sich der Effekt teilweise rückgängig machen, sonst hilft es, die Beläge mit Schmirgelpapier wieder aufzurauen.

Luft im System
Luft im Hydrauliksystem macht sich durch einen schlechten oder wandernden Druckpunkt beim Bremsen bemerkbar. Dann hilft nur noch Entlüften.

Fazit: 2008 - ein guter Jahrgang für Bremsen

Nur Magura leistet sich Ausrutscher bei der Qualität. Die Maßstäbe setzt neuerdings Avid aus dem Sram-Konzern: mit der Code in Sachen Standfestigkeit und Dosierbarkeit, die Juicy Ultimate dagegen liegt ergonomisch ganz vorn.

Wer auf bissige Stopper steht, fährt Formula, gute Allroundeigenschaften bietet Shimano, Hayes bremst am schnellsten. Dass Gutes nicht teuer sein muss, beweist Tektro. Die exklusive Hope wiederum besticht nicht nur optisch, sie ist leicht und stark.

MB_Scheibenbremsentest_2_2008_brems219 (jpg)
Manfred Stromberg
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