Das Liteville 301 MK14 im Dauertest 2018

Foto: Benjamin Hahn
Endlich ist das deutsche Kultbike in der nun 14. Auflage bei uns eingetroffen. Ob die grundlegenden Änderungen in der Geometrie sich im Dauertest bemerkbar machen?

16.3.2018: Abholung des Liteville 301 MK14 in München

Meine erste Erfahrung mit Liteville machte ich vor sieben Jahren mit einem 601 in Brixen bei einem kapitalen Sturz samt Gehirnerschütterung und anschließendem Krankenhausaufenthalt. Spaß hatte ich mit dem Bike bis dahin allerdings trotzdem, weshalb ich mir vornahm, es irgendwann auf einen zweiten Versuch ankommen zu lassen. Und so fahre ich Ende März nach München, um mir in der Liteville-Werksstation das 301 MK 14 mit allen Details erklären zu lassen. Unseren Test in Ausgabe 07/17 habe ich nahezu auswendig im Kopf und freue mich etwa über die Einführung von Entwickler Nathaniel Goiny zur Funktionsweise der integrierten Eightpin-Vario-Sattelstütze – deren Einstellung verblüffend einfach ist.

Die Features des Liteville 301 MK14 im Video

Video: Gustavo Enzler

Die Carbon-Laufräder der Schwesterfirma Syntace haben ein hohes Felgenhorn und lassen Tubeless-Reifen auch mit wenig Druck sicher fahren, und die Ventile besitzen einen größeren Luftdurchlass. Weiteres Beispiel für die Detail-Liebe: Sollte das Schaltwerk trotz des Liteville-Schutzkäfigs ausreißen, ist eine Ersatzschraube im Rahmen versteckt. Wie die generelle Verarbeitung sind die Parts des von Liteville gewählten, 6600 Euro teuren Individual-Aufbaus top. Zu den Carbon-Rädern kommen beispielsweise noch die famose Sram-X01-Eagle-Schaltung und diverse weitere Syntace-Parts.

18.3.2018: Erster Praxiseindruck des Liteville 301 MK14

Grundsätzlich gibt es für mich kein Saisonende und somit auch keinen Saisonstart, aber der Winter 17/18 war lang und hart und deshalb trübt es schon ein bisschen die Laune, dass genau an dem Wochenende, an dem ich mit dem nagelneuen Liteville im Kofferraum wieder Richtung Stuttgart düse, nochmal Schnee auf der Alb runtergekommen ist. Von einer ersten Ausfahrt soll mich das aber auf gar keinen Fall abhalten, da ich das Bike unbedingt auf meiner Lieblingsroute testen will. Zum Glück begleitet mich Redaktionskollege Benjamin Büchner mit dem Dauertestbike von Giant, anders hätte ich mich Sonntags um 8 Uhr nicht aus dem Bett gequält, um eine Stunde später bei gefühlten Minus 12 Grad in 15 Zentimetern Schnee auf dem Parkplatz des Hohenneuffen zu stehen.

Video: Gustavo Enzler

Als Kollege Büchner endlich seine fünfzehn Lagen Thermoklamotten angelegt hat geht's los. Gar nicht träge drücken wir durch den knarzenden Schnee, Wurzeln und Steine sind unter einer Schneedecke begraben. Hier oben kenne ich mich zwar bestens aus, aber antizipieren ist nicht. Dafür arbeitet das 140 mm-Fahrwerk wunderbar über den Untergrund hinweg (mehr zum Setup des Fahrwerks später). Das kurze Heck und die 27,5"-Laufräder machen das Bike wendig und erleichtern Manöver etwa bei den zahlreichen Spitzkehren und verwurzelten Anstiegen. Aufgrund des relativ flachen Lenkwinkels von 66° (via Spacer noch um 1,5° verstellbar) sind aber auch rasante Abfahrten ein Fest. Obwohl die Schwalbe Ice Spiker noch unausgepackt auf der Fensterbank im Büro stehen, krallen sich die Nobby Nic gut im frischen Schnee fest, nur am Vorderrad täte ein etwas gröberer Reifen gut. Dennoch: Die Traktion passt und so genießen wir die kleine Runde mit wundervollen Ausblicken auf das schneebedeckte Umland.

Foto: Benjamin Büchner MB Dauertest 2018 Gustavo Liteville 301 MK14 Praxistest

Der erste Test des Liteville 301 MK14 unter winterlichen Bedingungen Mitte März.

24.3.2018: Kehren-Marathon und ein Shuttle voller Litevilles.

Eine Woche später treffe ich mich mit Eric Winklbauer und seinen Kollegen von Trailemotions für eine kleine Ausfahrt auf den steilen, mit Spitzkehren übersähten Trails rund um Geislingen. Bereits letztes Jahr war ich mit ihm einige Tage in den Dolomiten unterwegs (siehe auch die Trailguides Schwäbische Alb und Hüttentour in den Dolomiten). Ich bin gespannt, wie ich auf dem Gelände hier mit dem Liteville klar kommen würde - also rein ins Shuttle und rauf auf den Berg.

Foto: Gustavo Enzler Ein Shuttle-Anhänger voller Liteville 301

Sieben auf einen Streich: Der Hänger von Trailemotions voller Liteville 301!

Da die Sonne hier nahezu ganzjährig ins Tal und auf die Hänge scheint, ist der Untergrund schön trocken und griffig. Zwar ist es noch etwas kalt, aber dafür sonnig. Die Technik, in Spitzkehren das Hinterrad zu versetzen, übe ich nun seit knapp eineinhalb Jahren. Mit entsprechender Körperspannung lässt sich das Liteville wunderbar nach vorne und zur Seite kippen, das funktioniert viel besser als ich gedacht hätte. Insgesamt lässt sich mit dem Bike auf den technischen Trails besser arbeiten, Gewichtsverlagerungen wirken sich viel direkter aus und vermitteln ein Gefühl von absoluter Kontrolle. Das Geheimnis liegt in der nach vorne versetzten Sattelstütze, durch die das Hinterrad dichter an den Hauptrahmen rückt (siehe Test in Ausgabe 7/2017).

Foto: Valentin Messner Liteville 301 MK 14 Dauertest Hinterrad versetzen

Das versetzen des Hinterrads ist mit dem kurzen Hinterbau des Liteville 301 MK14 zwar immer noch kein Kinderspiel, gelingt aber deutlich einfacher.

14.5.2018: 1000 km - ein Rückblick

Nach acht Wochen und 1000 Kilometern Laufzeit eine kurze Bestandsaufnahme:

  • Knarzen im Wiegetritt: Die Steckachse am Hinterrad ist trocken gelaufen, etwas Fett löst das Problem.
  • Klappern an der Front. Ich vermutete zuerst die innen verlegten Züge. Ein Check der Züge über die Service-Buchse an der Unterseite des Rahmens ergibt allerdings: alle Züge sind sauber mit Schaumstoff isoliert. Der Grund ist ein gelöstes Token (Volumen-Spacer zur Anpassung des Fahrwerks) in der Gabel. Auch hier ist das Problem schnell behoben.
  • Leichtes Spiel an der Variostütze: Wurde durch ein Update (neues Sitzrohr, Schmiermittel) behoben.
  • Es bleibt ein gelegentliches Schleifen der Bremsen (vor allem bei schneller Kurvenfahrt), das bei SRAM durchaus vorkommen kann und mit einem Austausch der Beläge zumindest gemindert werden kann.
Foto: Björn Hänssler/bopicture

Auf dem Weg zum Pfunderer Joch auf 2568 Meter wartet nicht nur eine steile Anfahrt, sondern auch Tragepassagen und dieser Gebirgsbach.

7. 7. 2018: Härtetest in den Alpen

Eines der Jahreshighlights für mich ist die fünftägige Tour mit Fotograf Björn Hänssler nach Südtirol in die Pfunderer Berge. Bereits am ersten Tag über das Schlüsseljoch legen wir gut 70 Kilometer zurück, erklimmen über 2000 Höhenmeter. So geht es in den nächsten Tagen weiter, hinauf auf das schneebedeckte Pfundererjoch, bei abschnittsweise 21 % Steigung bewältigen wir den fahrbaren Bereich. Habe ich schon erwähnt, dass ich mich in die SRAM Eagle verliebt habe? Dank Bergritzel und einer Bandbreite von 500 % fahre ich wo andere schieben. 2fach-Antriebe haben hiermit endgültig ausgedient. Die anschließende, einstündige Tragepassage kann mir aber keine Technik der Welt abnehmen.

Auf der andere Seite des Tals wartet die Gampielalm, die (auch glutenfreie!) Schluzkrapfen und fantastische Kaspressknödel anbieten. Ein herrlicher Ort mit tollen Menschen, einen Besuch der Gampielalm, die ausschließlich ökologische Milchwirtschaft betreibt, kann ich wirklich nur empfehlen!

Foto: Björn Hänssler/bopicture

Eine weitere Tragepassage hinauf zur Edelrauthütte am Eisbruggjoch auf 2545 Meter.

Allerdings verläuft die Tour nicht ohne Tücken. Bereits am ersten Tag bemerke ich, dass sich die Eightpins-Sattelstütze verdreht. Im Laufe des zweiten Tages lockert sie sich immer mehr, ständig muss ich den Sattel während der Fahrt mit dem Oberschenkel wieder in Position bringen, beim bergauf Pedalieren schiebt das die Hüfte hin und her. Das Problem liegt an der Überlastreibkupplung am Ende der Eightpins-Kapsel, die verhindern soll, dass die Stütze im Falle eines Sturzes bricht. Lockert sie sich, muss sie ausgebaut und mit Hilfe eines in einen Schraubstock gespannten 22er-Maulschlüssels und einem 6er-Imbus mit maximal 14 Bar nachgestellt werden. Was für ein Glück, das der Andreas Huber von der Gampielalm sich extra nochmal ins Tal bemüht um mir die erforderlichen Werkzeuge zu besorgen. Hier gibt es von Eightpins ein Service-Video zu sehen.

Den Rest der Ausfahrt verrichtet die Sattelstütze ihren Dienst, vor allem in der anspruchsvollen Abfahrt von der Edelrauthütte am Eisbruggjoch hinunter zur Nevesalm am gleichnamigen Stausee. Die mächtigen, steilen Geröllstufen verlangen dem Fahrwerk des Liteville jeden Millimeter ab, dank des flachen Lenkwinkels gibt es zu keinem Zeitpunkt ein Sicherheitsproblem. Erst gegen Ende fahre ich mir an einer steilen Felskante einen Platten in den Tubeless-Reifen (!), die bombenstabile Syntace-Felge hat weder Delle noch Kratzer.

Zu dieser herausfordernden Hochgebirgs-Etappentour gibt es demnächst einen vollen Trailguide mit GPS-Daten und Karten zum nachfahren.

Foto: Holger Messmann/yasph

Auf dem Liteville 301 MK 14 wird Hermannstadt erkundet.

9.8.2018: Ab in die Karpaten!

Über 2000 Kilometer ist das Liteville 301 MK14 nun gelaufen. Immer wieder prüfe ich die Kettenlängung und erkenne einen weiteren Vorteil des SRAM-Eagle-Antriebs: Der Verschleiss ist minimal, gerade mal 0,2 mm Längung ergibt die Messung. Damit bleibt die Kette für den nächsten Trip in erstmal drauf, denn jetzt geht es nach Rumänien und in die Südkarpaten!

Mit unserem Werkstattchef Haider Knall und dem 14fachen Landesmeister und rumänischen Olympiateilnehmer Tudor Oprea fahren wir außerhalb von Sibiu (Hermannstadt) in das Zibinsgebirge. Landschaftlich unterscheiden sich die Karpaten sehr von den Alpen, die Gegend ist bekannt für ihr Skigebiet und das Red Bull Romaniacs, einer der größte Motocross-Veranstaltungen. Somit werden auch Mountainbiker mit einer guten Infrastruktur und einer Menge feiner Trails bedient. Es gibt hier an der Arena Platos sogar einen kleinen Bikepark mit Sessellift, den wir sofort testen und uns anschließend mit ein paar Mici (sprich "Mitsch) vom Grill stärken. Tudor "Tudi" Oprea veranstaltet hier auch Cross-Country-Rennen und trainiert mit seinem Rennteam, weshalb wir die Gelegenheit bekommen einen guten Teil der Trainingsstrecke abfahren zu dürfen. Für CC-orientierte Racer ist das Gelände ordentlich technisch und steil. Bei dem Gedanken, dass manche die Strecke ohne Variostütze abfahren, werde ich blass. Ich bedanke mich innerlich über die 200 mm Hub (in Größe L) meiner Eightpins-Sattelstütze!

Foto: Holger Messmann/yasph

Dichte Tannenwälder, grob geschotterte Gebirgsstraßen. Das Zibinsgebirge, auch Cindrelgebirge, gehört zu den Südkarpaten. Sein höchster Gipfel ist der 2245 Meter hohe Vârful Cindrel.

24.9.2018: 3000 km-Marke geknackt

Das Ende des Dauertests naht. Etwas mehr als ein halbes Jahr fahre ich das Liteville 301 MK 14, über 3000 Kilometer und über 54000 Höhenmeter hat das Bike auf dem Buckel und fährt quasi weiter sorgenfrei. Etwas wartungsintensiver ist die vollintegrierte Variostütze von Eightpins. Diese ist vom System her eine echte technische Innovation und ein Hingucker: Der Bedienhebel ist leicht auszulösen, die Sattelhöhe ist einfach nachzustellen, der Hub ist mit 200 mm bei Größe L gewaltig, die Absenkung (in 5 mm-Schritten) nahezu stufenlos. Die weiter oben beschriebene Lockerung der Überlastkupplung habe ich im Griff und hat folgenden Hintergrund: Die Stärke, mit der diese angezogen sein muss, hängt von Fahrstil und Körpergewicht ab. Der maximale Drehmoment liegt bei 14 Nm, allerdings liegt die Standardeinstellung darunter. Nach einmaligem Nachstellen (bei mir mit 88 kg auf 12 Nm) habe ich damit aber kein Problem mehr.
Allerdings verliert die Kartusche etwas Luft, was sich darüber bemerkbar macht, dass die Stütze langsamer ausfährt. Die Kartusche ist fix ausgebaut und mit dem Ventiladapter wieder auf maximal 15 bar aufgepumpt. Danach wandert der Ventiladapter in den Bike-Rucksack, nur für den Fall, dass auf der nächsten Etappentour erneut ein Nachpumpen erforderlich sein wird.

10.05.2018
Autor: Gustavo Enzler
© MOUNTAINBIKE