MB-All-Mountain-Test 2021 Stefan Eigner
MTB

8 All-Mountain-Bikes im Test

Test: All-Mountain-Bikes um 5000 Euro Spaßbikes mit 150mm-Hub und genialen Geos

All-Mountains waren einst der Hit, führten aber zuletzt ein Schattendasein. Die aktuelle Generation erstrahlt nun wieder im alten Glanz und zeigt im Test überragende Allrounder-Talente.

All-Mountain-Bikes: Sie sind zurück!

Totgesagte leben länger! Auf die vor Jahren extrem beliebte All-Mountain-Kategorie trifft dieser Satz zu. Denn waren die potenten Alleskönner zuletzt etwas vom Radar verschwunden, kommen sie nun mit aller Macht zurück.

Richtig populär waren die All-Mountains vor gut zehn, fünfzehn Jahren. Relativ leicht, mit viel Federweg und agiler Geometrie galten sie als perfekte Alleskönner für jeden Tag und jeden Trail. Als "die verspielten Brüder der Tourenfullys" bezeichnete MOUNTAINBIKE die AMs daher auch. Durch den dann einsetzenden Boom der Enduro-Bikes, die auch dank cooler Rennformate die Aufmerksamkeit auf sich zogen, verloren die All-Mountains erstmals an Bedeutung. Die neu entwickelten Enduros brachten noch mehr Downhill-Potenzial, ließen sich im Vergleich zu ihren Vorgängern aber auch mehr als nur anständig pedalieren. Wenig später kam dann der nächste Angriff auf die All-Mountain-Klasse: diesmal von "unten". Sogenannte Trailbikes mit Federwegen um 130 mm und viel Bergabverliebtheit kamen auf – und sind heute eines der beliebtesten Segmente bei Herstellern und Kunden überhaupt.

Und dennoch: Es tut sich wieder eine Lücke auf, da die Enduro-Bikes aktuell immer schwerer und noch spezifischer auf das Bergab abgestimmt werden. Unter anderem sorgen neue, massive Dampfhammer-Gabeln wie Rock Shox Zeb und Fox 38 dafür, dass die Enduros wieder an Allround-Talenten einbüßen. Wer auf Rennstrecken, Bikepark und dicke Drops abzielt, setzt zwar am besten weiterhin auf ein Enduro mit 170–180 mm Federweg, wer ein Bike für alles braucht, für den sind die All-Mountains mit rund 150 mm Federweg wieder zurück. Nicht zuletzt dank wichtiger Neuerscheinungen wie dem Canyon Spectral 29 oder dem Specialized Stumpjumper Evo.

MB-All-Mountain-Test 2021
Stefan Eigner
Widrige Umstände: Die Bikes müssen durch Matsch und Schnee, um unseren Test zu absolvieren.

Acht populäre Bikes im Test

Fast schon selbstverständlich ist, dass alle Bikes im Test auf den beliebten Laufradstandard 29" setzen. Das ist bei fast allen Herstellern auch nicht neu, lediglich das besagte Spectral gab es bislang nur als 27,5"-Modell. Das auch bereits angesprochene Stumpjumper Evo will die Lücke zwischen dem "normalen" Stumpi und dem legendären Enduro schließen – mit 160/150 mm Federweg und vielfältig anpassbarem Carbon-Rahmen. Ganz neu ist auch das Trance X von Giant, das zum einen in Sachen Geometrie voll auf Höhe der Zeit ist und mit nur 135 mm Hub am Heck eigene Wege in Sachen Federweg geht. Ebenfalls "frisch gebacken" nimmt das Hugene der Versendermarke Propain am Test teil. Neben neuem Carbon-Rahmen bietet es jetzt einen 140-mm-Hinterbau. Doch auch die vier Bikes der Hersteller, die nicht neu aufgelegt wurden, klingen vielversprechend. Dazu zählt der deutsche Hersteller Last, der das Glen mit Alu-Rahmen ins Rennen schickt. Versender Radon nimmt mit dem allzeit beliebten Slide Trail am Test teil, Scott mit dem nicht minder bekannten Genius. Und die kultige US-Marke Transition ist mit dem Sentinel am Start. Alle Bikes liegen in der Preisklasse um 5000 Euro.

Alleskönner voller Steroide

Wie erwähnt liegen die Federwege am Heck bei 140–150 mm (Ausnahme Giant), frontseitig verbauen einige Hersteller noch mal einen oder zwei Zentimeter mehr – bis maximal 160 mm. Apropos: In Sachen Federgabel dürfen sich die All-Mountains über ein Erbe der Enduros freuen. Alle Bikes im Test setzen auf Gabeln, die einst für den EnduroBereich entwickelt wurden, namentlich die Pike von Rock Shox (am Canyon und Last) sowie die wuchtige Fox 36 für die All-Mountains.

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Bergab stark geworden sind die neuen AMs dank der ehemals für Enduros entworfenen Federgabeln.

Nicht nur bei den Gabeln, sondern auch in Sachen Geometrie haben die All-Mountains von den Enduros gelernt. Allen voran Hersteller Transition, der sein Sentinel mit einem Lenkwinkel von unter 64° ausstattet. Solch ein flacher Winkel bringt maximale Laufruhe, dank der im Vergleich zu früher kürzeren Gabel-Offsets fahren sich solche "Flachmänner" dennoch nicht kipplig bei niedrigen Geschwindigkeiten. Andere Hersteller im Test halten sich in Sachen Lenkwinkel (noch) etwas zurück, bleiben aber alle weit unter der 66°-Marke. Wer sehen möchte, wie sich die Geometrien im Laufe der Jahre verändert haben, findet auf weiter unten einen Vergleich des alten Specialized 26"-Stumpjumper Evo mit dem heutigen. Damals besaß das Stumpi einen Lenkwinkel von 67°. Noch drastischer als am Lenkwinkel ist die Veränderung am Sitzwinkel. Diese stehen heute so steil, dass man sich teils erst daran gewöhnen muss. Die Kraft wird beim Pedalieren nicht mehr so sehr von hinten aufs Pedal eingeleitet, sondern extrem von oben – vor allem bei steilen Klettereien profitiert der Biker davon. Steigende, tänzelnde Vorderräder gibt es quasi nicht mehr. Ein weiterer, viel diskutierter Wert ist der "Reach". Dieser bildet die horizontale Länge zwischen Tretlagermitte und Mitte des Steuerrohrs an der Oberkante ab. Über diesen Wert sowie den "Stack"-Wert erfährt der Fahrer, wie er auf dem Rad positioniert ist, wenn er im Stehen fährt. Ein längerer Reach-Wert sorgt dafür, dass man buchstäblich viel Platz hat, um das Rad im Downhill zu kontrollieren. Flacherer Lenkwinkel, längerer Reach und damit einhergehend längere Oberrohre sorgen aber auch dafür, dass die Gesamtlängen der Bikes anwachsen.

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Die neuen All-Mountains bieten mit flachen Lenkwinkeln ein spurtreues Handling, bleiben dabei immer noch präzise dirigierbar.

Und: Neuster Trend ist es, den Hinterbau ebenfalls etwas länger zu zeichnen. Galt früher das Motto: Je kürzer der Hinterbau, desto besser und agiler das Handling, scheint das heute nicht mehr der Fall zu sein. Vor allem Transition und Propain setzen bewusst auf lange Kettenstreben. Unser "Früher-heute-Vergleich" zeigt, dass Bikes heute fast zehn Zentimeter länger sind als noch vor acht Jahren! Erstaunlicherweise leidet die Wendigkeit darunter nicht zwingend. Tiefe Schwerpunkte und eine generell nahezu perfekte Balance machen die neuen AMs bestens manövrierfähig. Vermutlich ist der Trailfan zudem heute eher schneller unterwegs, als das früher der Fall war. Dazu kommt, dass viele Biker häufiger – wenn auch nicht überall legal – auf gebauten Strecken mit Anliegern unterwegs sind. Hier helfen die längeren Geometrien mit ihrer Laufruhe enorm, um mit hohen Geschwindigkeiten die Murmelbahn-ähnlichen Strecken zu rocken.

Noch eines zeichnet die neue Generation an All-Mountains besonders aus: die Effizienz ihrer Fahrwerke. So heben viele der neu vorgestellten Modelle im Test die Antriebsneutralität am Heck auf das nächste Level. Epische Auffahrten in den Alpen, schnelle Sprints am Berg oder steilste Kletterpassagen sind mit vielen Bikes im Test perfekt zu meistern. Diese Stabilität am Dämpfer erreichen die Hersteller über optimale Kinematiken (was dank der 1-fach-Schaltungen erheblich besser glückt als früher), immer weniger über das Zuschalten der Plattform-Dämpfung am Federbein.

Fahrwerke, die nicht wippen

Das Ganze kurz erklärt: Das englische Wort Squat kennen Sie vielleicht aus dem Fitness-Studio. Es bedeutet "in die Knie gehen". Damit das Heck beim Bergauffahren und dem Pedalieren genau dies eben im übertragenen Sinne nicht macht, legen die Hersteller die Kinematik am Hinterbau so aus, dass sie einen möglichst hohen Anti(!)-Squat-Wert erreicht. Das heißt, dass sich der Dämpfer beim Pedalieren und Fahren bergan neutral verhält – oder dabei sogar leicht ausfedert. Dies gepaart mit gut rollenden, nicht zu schweren Reifen und stundenlangen Ausfahrten steht nichts mehr im Wege.

Bleibt nur zu bemängeln, dass die Bikes immer schwerer werden. Auch hier der Rückblick: Wog das Stumpi 2013 mit 26"-Bereifung nur 12,4 Kilo, liegen wir jetzt bei fast 14 Kilo. Das liegt zum einen an den angesprochenen, schwereren Federgabeln, aber auch an den größeren Laufrädern mit breiter Maulweite, an sehr pannensicheren Reifen, breiteren Lenkern sowie den standfesten Vier-Kolben-Bremsen, die an den Test-Bikes sogar zumeist mit 200-mm-Scheiben vorne und hinten verbaut sind. Das alles sorgt für mehr Spaß bergab, mehr Sicherheit und mehr "Sorglosigkeit" in Bezug auf Defekte und Co. Aber es wiegt halt auch mehr. Viele Hersteller versuchen die höhere rotierende Masse mit teuren Carbon-Felgen zu kompensieren (Canyon, Giant, Radon und Last) – in der Regel mit Erfolg.

Unter dem Strich finden wir die neuen AllMountains extrem gelungen! Das spiegelt sich auch an den Testergebnissen wider. Immerhin drei Bikes erhalten die Traumnote "überragend".

Specialized schaffte es, unsere Testcrew mit dem Stumpjumper Evo Expert dermaßen zu begeistern, dass dessen vergleichsweise nüchterne Ausstattung bei hohem Preis zur Nebensache wurde und es den Testsieg errang. Einen Kauftipp holt sich zum einen das preiswerte sowie erstklassig ausgestattete Radon Slide Trail 10.0 HD. Ein weiterer Kauftipp geht an das Canyon, das mit exzellentem Fahrverhalten und durchdachter Ausstattung bei geringem Gewicht überzeugt.

All-Mountain: früher & heute

Mountainbikes haben sich in den letzten Jahren drastisch verändert – und die All-Mountain-Gattung sowieso. Das zeigt unser Vergleich des Specialized Stumpjumper Evo mit 26"-Laufrädern aus dem Jahr 2013 und des Pendants aus dem aktuellen Test. Vergleicht man die Daten, Preise und Ausstattung, könnte man meinen, es handle sich um eine völlig andere Bike-Gattung. Ein paar Beispiele: Waren All-Mountains früher mit (oft absenkbaren) Gabeln mit maximal 34-mm-Standrohren auf geringes Gewicht und somit auf Vortrieb getrimmt, setzt man heute auf fette Forken mit 36 mm Standrohrdurchmesser. Auch die Reifen sind mindestens eine Liga massiver als früher – und in 29". Aber: Trotz wesentlich höherer Gewichte lassen sich die aktuellen AMs dank effizienterer Sitzpositionen und Fahrwerke immer noch zügig vorantreiben, wie auch unser Test zeigt. Im Steilen und Groben klettern sie sogar besser, steigende Vorderräder wie einst haben die Hersteller längst eliminiert.

MB-All-Mountain-Test 2021

Die Werte haben sich erstaunlich stark verändert. Flacherer Lenkwinkel und viel längerer Reach sorgen heute für eine enorm hohe Laufruhe im Gelände. Der steile Sitzwinkel und die tiefe Front verbessern hingegen das Kletterverhalten heutiger Bikes spürbar. Preislich hat sich (leider) auch einiges getan: Kostete das Stumpi mit wesentlich besserer Ausstattung 2013 noch 5299 Euro, liegt es heute bei 5699 Euro.

MB-All-Mountain-Test 2021
Stefan Eigner
Lang lang ist's her: In Ausgabe 01/2013 testeten wir das damalige Stumpjumper Evo Expert. Das Testurteil damals wie heute: „überragend“. Besonders lobten wir Handling, Fahrwerk – und geringes Gewicht.

Ergebnisse im Detail

Punkte und Benotung

Alle unsere Biketests bauen auf einem durchdachten Punkteschema auf, das alle wichtigen Fahreigenschaften und Kategorien umfasst. Knapp ein Drittel der Gesamtnote steuern Laborerhebungen wie Gewicht, Verarbeitung und Ausstattung bei. Hauptsächlich ergibt sich die Note aber aus Kategorien wie dem Handling, der Vortriebseffizienz, der Bergab-Performance und dem Fahrwerk. Um einen Eindruck von den Fahreigenschaften zu gewinnen, fahren vier Tester die Bikes auf einer selektiven Teststrecke und notieren nach jeder Runde ihre Bewertungen. Die Gewichtung der Kategorie passen wir an die Bike-Gattung an. Die All-Mountain-Bikes im Test müssen zum Beispiel ausgewogene Kletter- und Downhilleigenschaften aufweisen. Bei maximal 1000 Punkten ist das Bike mit den meisten Zählern logischerweise Testsieger. Hier die Zusammenfassung für diesen Test:

MB-All-Mountain-Test 2021 Geo

Das Spinnennetz

... zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in einer der acht Kategorien, desto prägender der jeweilige Charakterzug.

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So sieht unsere "Bewertungsspinne" aus.

Diese 8 Bikes haben wir getestet

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