Mountainbiken in Wien und im Wienerwald – Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Wienerwald

Biken und Großstadt, passt das zusammen? MountainBIKE-Autor Heiko Mandl sah die Sache kritisch, als er Wien einen Besuch abstattete. Warum er als leidenschaftlicher Biker die Wiener mittlerweile beneidet? Es liegt nicht nur an den coolen Wienerwald-Trails ...

Wien, nur Wien, du kennst mich up, kennst mich down. Du kennst mich. Nur Wien, nur Wien, du nur allein. Wohin sind deine Frau’n?“

Austrias Hauptstadt hat mehr berühmte Menschen inspiriert als jede andere Stadt auf diesem Planeten. Und mehr berühmte Söhne und Töchter gezeugt. Zehn von unzähligen: Johann Strauss, Romy Schneider, Franz Schubert, Marie Antoinette, Niki Lauda, Senta Berger, Ludwig Wittgenstein, Maria Theresia, David Alaba. Und Hansi Hölzel. Bekannter als Falco. Vienna calling.

Keine Ahnung, wohin Falcos Frauen verduftet sind. Ist mir auch egal, ich will keine Frau’n. Ich will per Bike zum Höhepunkt. Und da bin ich jetzt auch. Unter mir liegen aber gefühlte drei Millionen Häuserdächer, Wolkenkratzer und Kirchtürme. Der Horizont verschwindet im unendlich weiten Flachland, und die Berge um mich herum sind in Wahrheit mehr runde Hügeln als schroffe Gipfel. Biken in und um Wien herum? Wem das seltsam vorkommt, der sollte jetzt gespannt weiterlesen.

Im Stadtzentrum von Wien

Jedes Jahr dieselbe Leier: „Komm doch mal zu mir nach Wien, hier gibt es super Trails“, reklamiert mein Spezl Michi im Frühjahr durchs Telefon. Und jedes Jahr bekommt er von mir die gleiche Abfuhr: Ich ziehe die Berge vor, Gipfel jenseits der 2000er-Marke, steile Trails und urige Almhütten. Alles Dinge, die in Wien wohl eher schwierig zu finden sind. Letzten Mai hat Michi mich aber in einem schwachen Moment erwischt, und ich habe „Ja“ gesagt. Und es gleich bereut. Aber Kneifen gilt nicht. „Wien, 2015, Bike-Urlaub.“ Wenn das nicht mal skurril klingt.

„Willkommen in Wien“, werden Petra und ich von Michi am Westbahnhof begrüßt. Meine liebste Fotofahrerin und ich haben unsere Blechkarossen zu Hause stehen lassen und sind ganz umweltbewusst mit dem Zug nach Wien gefahren. Bei zwei Millionen Einwohnern sind Verkehrsstaus an der Tagesordnung und Parkplätze Mangelware. Durch das gute U-Bahn-Netz kommt man ohne Auto eh x-mal schneller von A nach B. Zudem ist die Stadt mit einem dichten Radnetz durchzogen. Wir merken schon auf den ersten Metern durch die Innenstadt: Wien ist eine Stadt für Radfahrer.

Betriebsam wie Ameisen bewegen sich die Radler durch die schmalen Straßen und Gassen, immer brav auf den markierten Radwegen. Wir stechen natürlich mit unseren vollgefederten Boliden und den bunten Klamotten aus der Masse heraus. Doch wir sind nicht die einzigen Stollenfans. Immer wieder treffen wir auf Biker mit Schweiß auf der Stirn und Schmutz an den Rädern, die mit einem fetten Grinser durch die Straßen rollen. Hat Michi doch recht und es gibt sie wirklich, die fetten Trails.

„Jetzt schmeißen wir schnell eure Klamotten in meine Wohnung, und dann zeig ich euch mal die Umgebung“, gibt Michi die Fahrtrichtung vor. Also kurbeln Petra und ich ihm gen Norden nach. Michi nutzt gleich mal die ersten Kilometer, um uns ein paar Highlights zu zeigen: Riesenrad, Stephansdom, Hofburg, Naschmarkt. Ganz lecker, dieses Wien!

Vom Grau ins Grün

„Das bekommt ihr im Ötztal nicht zu sehen“, ruft unser Guide Petra und mir zu. Recht hat er ja, der Wiener Kollege, doch man sollte den Tag nicht vor dem Trail loben. Wir warten auf die hochgepriesenen Sahnewege. Das Häusermeer wird immer mehr von Grünlandschaften verdrängt, und die Großstadt weicht den Wiener Vororten. Langsam geht es steiler bergauf. Wir machen richtig Höhenmeter, und eh wir uns versehen, sind wir inmitten autofreier, schmalwegiger Natur.

„Jetzt zeige ich euch einen der schönsten Plätze hier“, ruft Michi. Petra und ich folgen unserem Guide und biegen in eine Allee aus Weinreben und Obstbäumen ein. Langsam öffnet sich ein Fernblick, der sich sehen lassen kann: unter uns die Riesenstadt Wien. „Schaut, da unten – der Stephansdom!“ Was uns erst hier oben auffällt, ist, dass die Stadt in einem Becken liegt, umgeben von vielen Hügeln. Meist bewaldet und nicht sehr hoch, aber geeignet, um hier gut biken zu können.

Ein paar Kehren weiter stehen wir dann auf unserem ersten „Gipfel“. Der Kahlenberg ist der bekannteste Aussichtspunkt in Wien und wird von vielen Einheimischen als Naherholungsgebiet geliebt. Wir fahren durch die Wälder und rocken die Singletrails, die auf der anderen Seite des Berges Richtung Norden abfallen. Und Vienna? Ist in unseren Köpfen in weite Ferne gerückt.

Wien mit dem Bike: Eine positive Erkenntnis

Ich bleibe an einer Waldlichtung stehen und kann unter uns einen breiten, mächtigen Fluss erkennen, auf dem die Schiffe langsam stromauf- und -abwärts fahren. Die Donau, der zweitlängste Fluss Europas, führt mitten durch die Stadt und teilt Wien in zwei Bereiche. Immer parallel zum großen Fluss verläuft der berühmte Donauradweg. Für uns Biker ist der aber zu flach und langweilig, wir bleiben lieber auf unseren Trails und fahren weiter bergab nach Klosterneuburg.

Unten angekommen, wirft mir Michi fragende Blicke zu. „Okay, 1:0 für dich. In Wien kann man biken“, gebe ich zu. Der Wiener würde „leiwand“ sagen, wir sagen „cool“. Der Tag ist aber noch lange nicht zu Ende. Petra und ich sind auf den Geschmack gekommen und wollen noch eine kleine Runde anhängen. So hetzt uns Michi wieder rein ins Unterholz und auf flowigen Trails kreuz und quer durch den Wienerwald.

Nach dem Singletrail fahren wir erst mal noch rund 200 Höhenmeter eine breite Forststraße hoch und finden uns sogleich am Beginn des nächsten Trails wieder, der durch einen lichten Wald wieder zurück in das Tal führt. Hier haben die Locals ein paar Anliegerkurven und Sprünge eingebaut. Das richtige Terrain für Petra, die hier ihre Downhill-Skills einsetzt und die Sprünge mit vollem Tempo nimmt. Michis Grinsen wird indes immer breiter.

Seine Hometrails haben uns aber auch ehrlich überzeugt. Aber alles hat ein Ende, auch die Tour. Ein letztes Mal überwinden wir den Kahlenberg und rollen an den idyllischen Weingärten vorbei Richtung der Megacity Wien. Plötzlich bremst Michi und biegt nach rechts zu einer kleinen Hütte ab. Davor stehen Tische und Bänke, auf denen Leute sitzen, Wein trinken und feiern. „Buschenschank“ nennt man in Österreich diesen Ausschank der lokalen Winzer, bei dem man auch meist eine Kleinigkeit essen kann.

So sitzen wir bis in den lauen Abend hinein bei Wein, Brot und Speck. Als am Nebentisch ein Mann die Titelmusik aus „Der dritte Mann“ auf der Zither anstimmt, da fragen wir uns insgeheim, ob wohl gleich auch noch Hans Moser bei einem Glas Heurigen „ Sag beim Abschied leise Servus“ anstimmt. Wohl eher nicht. Dafür hat der Hölzel Hansi das letzte Wort: „Wiener Blut – in diesem Saft, die Kraft, die Wiener Glut.“

01.10.2015
Autor: Heiko Mandl
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2015