Mountainbiken in der Dauphine bei Briancon – Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Dauphiné

Wer sich als Biker den perfekten Trail erträumt, findet ihn im französischen Departement der Hautes-Alpes. Der „Risoul Descente de l’Homme“ ist wie ein Sechser mit Zusatzzahl. Und mit ihm viele andere Wege inmitten der Dauphiné.

Erstes Gebot: Traue keiner Wetterstatistik! Seit Stunden trommelt heftiger Regen gegen unsere Frontscheibe. Dabei soll der zentrale Teil der Hautes-Alpes laut Statistik mit fast 300 Sonnentagen jährlich zu den sonnigsten Regionen der französischen Alpen zählen.

Michi und ich tasten uns unter prasselnden Wasserwänden durchs Tal der Durance. Wir wollen unseren Freund Stefan besuchen, der in dem kleinen Dorf St. Crepin wohnt. Das liegt in der Nähe von Briançon, der berühmten Alpenfestung und höchstgelegenen Stadt der Europäischen Union. Seit vielen Jahren verbringt der Allgäuer Bergführer einen Großteil des Jahres in seiner zweiten Heimat hier in den Südwestalpen. In den nächsten drei Tagen wollen Michi und ich uns von ihm die schönsten „Secret Trails“ seiner Region zeigen lassen.

Es hat aufgehört zu regnen. Wir brechen frühzeitig zum Col du Agnel, der Grenze zum italienischen Piemont, auf. Kurz unterhalb des 2744 Meter hohen Passes erleben wir im dichten Nebel eine blendend weiße Überraschung: Teile des Regens sind hier als Schnee gefallen, der Matsch und vereiste Passagen machen den weiteren Anstieg zum 2884 Meter hohen Col de Chamoussiere unfahrbar.

Wir schultern also kurzerhand unsere Bikes, schließlich beginnt ab dem Gipfel ein fast 20 Kilometer langer Weg nach Molines-en-Queyras. Zum Glück lassen wir Eis und Schnee bald zurück und können es auf dem flowigen Trail richtig laufen lassen. Einige Teilstücke sind allerdings extrem aufgeweicht. Wir surfen förmlich durch den Morast.

Unten in Molines reinigt ein Imker mit einem Dampfstrahler gerade seine Bienenkörbe. Als wir überlegen, ob wir uns und unsere Bikes für die Auto-Rückfahrt im Wildfluss vorreinigen müssen, ruft uns der Bienenhirte zu, ob wir nicht seinen Dampfstrahler verwenden wollen. Super! Kurz darauf blitzen die Bikes wieder.

Der Guide weiss Bescheid

Am nächsten Morgen halten die Südalpen, was uns der Wetterbericht versprochen hat: spätsommerliche Temperaturen und ein tiefblauer Himmel. Die Sicht heute ist großartig und reicht vom über 3800 Meter hohen Monte Viso weit im Süden bis zum Freeride-Mekka La Grave, dessen wilde Zacken die 4000er-Marke kitzeln.

Stefan hat uns die Top-Touren seiner Region versprochen. Etwa die auf dem Tramouillion-Trail, der sich als trocken und griffig erweist und in Sachen Abwechslung, Flow und Landschaft das Attribut „mega“ verdient. Einziger Nachteil: Wir rauschen derart schnell hinunter, dass wir viel zu früh bei Stefan in St. Crepin eintreffen.

Auf Michis Frage, was man an einem halben Tag noch so machen könne, schlägt Stefan einen Trail vom Skigebiet Risoul vor. „Skigebiet?“ frage ich und denke entsetzt an die typisch französischen Skigebiets-Plattenbauten, erodierte Schotterwege und breite Geröllpisten. Stefan entgegnet nur, wir sollten uns überraschen lassen.

Der 500-Höhenmeter-Anstieg über die grünen Pisten des Skigebiets zum höchsten Punkt verläuft genau in der richtigen Steilheit, um Stefan mit Fragen über die Region zu löchern. Der blubbert auch sofort los: „Die Gegend rund um Briançon ist seit Menschengedenken Transitland. Den strategisch günstig gelegenen Alpenpässen rundherum – allen voran dem nur 1854 Meter hohen Col de Montgenèvre – sei Dank.

In den beidseits des Hauptkamms der Cottischen Alpen gelegenen Talschaften sprachen die Menschen im Mittelalter „Okzitanisch“, eine dem Katalanischen verwandte Sprache. Und in dieser weit von den Machtzentren Frankreichs und Italiens gelegenen Gegend gründete sich im 14. Jahrhundert eine demokratisch-transnationale Bergbauernrepublik mit dem Namen „Bund von Briançon“. De facto kauften die Bauern dem regionalen Herrscher, dem Dauphin, alle Rechte ab. Die Unabhängigkeit dieser Demokratien währte immerhin bis 1713 (Ende des Spanischen Erbfolgekriegs) auf der italienischen Seite bzw. 1789 in Frankreich. Mit der Geschichte vergeht die Zeit wie im Flug.

Downhill im Skigebiet

Wir erreichen den mit 2300 Metern höchsten Punkt des Skigebiets. Vor unseren Augen tut sich ein Höhenweg wie aus einem Traumtrail-Bilderbuch auf: Anfangs führt die Route über alpine Wiesen, wird schnell steiler und verläuft im abenteuerlichen Zickzack über einen breiten, abfallenden Gratrücken, um schließlich als Kammweg am Abhang der Durance-Schlucht entlang zu enden. Der Hirte, den wir hier mit seinen beiden Saumpferden treffen, ruft uns noch ein „Bon Voyage“ zu und wünscht uns damit gleichermaßen Glück und Spaß. Beides können wir brauchen, als wir die zehn Kilometer lange Abfahrt hinabrauschen.

Mal rasend, mal tastend, mal flowig, mal knifflig und an der Schluchtkante sogar gefährlich ausgesetzt und abenteuerlich – worauf uns Stefan zum Glück hingewiesen hat. Ein Sturz hätte hier vermutlich fatale Folgen. Immer, wenn wir denken, jetzt muss der Trail doch bald zu Ende sein, folgt noch eine Kehre durch die dicht bewachsene Vegetation mit vielen kleinen Bachläufen, Senken und Anliegerkurven.

Am dritten Tag unternehmen wir eine weitere Tour zum Col du Agnel. Bei strahlendem Wetter. Wir starten diesmal zwei Kehren unterhalb der Grenzhütte und kämpfen uns die letzten 150 Höhenmeter über erodierte Wanderwege hinauf. Als wir oben ankommen, steht die Sonne schon tief, und so düsen wir zu den kleinen Gletscherseen hinunter. Doch Vollgas ist hier relativ: Highspeed-Passagen wechseln sich ab mit kniffligen Steilstufen über teils mannshohe Felsbrocken – Abenteuerbiken vom Feinsten!

Nach einer kurzen Flachpassage am See wird der Trail gepfeffert scharf: steil, manchmal ausgesetzt, mal wild und hakelig am Abhang, dann lieblich engen Wiesenkurven nachzirkelnd. Stundenlang möchte ich so weiterfahren. Doch auch das größte Glück endet irgendwann. Ausgepumpt, aber mit strahlenden Gesichtern erreichen wir den Talgrund. Michi und ich sind uns einig: Das war einer der ganz großen Trails in den Alpen! Dass wir auch einen von statistisch 300 Sonnentagen der Region erlebt haben, interessiert heute niemanden. Denn wer traut schon Statistiken?

23.08.2015
Autor: Tobias Kurzeder
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 10/2015