Mountainbikes im Test

Dauertest: Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo (Modelljahr 2016)

Foto: Benjamin Hahn MOUNTAINBIKE Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo
Vielseitigkeit ist Trumpf beim Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo. Auch Tester Chris nutzte die diversen Geometrie- und Reifenoptionen gerne, fühlte sich vor allem im 27,5er-Trimm pudelwohl. Verschleiß traf vor allem Steuersatz und Hinterrad. Rahmen/Lager sind aber top.

Bewertung

Was uns gefällt

Was uns nicht gefällt

  • Steuersatz: Wassereinbruch durch schlechte Dichtungen und in Folge starker Rostbefall
  • Hinterrad „am Ende“. Erst Speichenriss, dann starker Seitenschlag sowie zäher Nabenlauf
  • Ab km 1700 schwer zu ortendes Knacken im Bereich Gabelschaft/-krone der Fox 34
  • Im Original verbaute Reifen Conti Mountain King Racesport zu dünnwandig
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Wohl kaum ein Hersteller bescheinigt seinem Bergradl nicht maximale Vielseitigkeit. Die Trails dieser Welt sind voll von Allroundern, Alleskönnern und Do-it-all-Bikes – so lautet die Werbeprosa. Rotwild preist das Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo gar als multifunktional an.

Die Eckdaten sind aber erst mal wenig spektakulär: 140/145 mm Federweg, Aluminium-Rahmen, etwas deftige 13,7 Kilo Gewicht, 27,5"-Räder, solide Parts auf Shimano-XT-Basis, 2 x 11 Gänge – ein zünftig-normales All-Mountain halt? Jein, denn das Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo ist mehrere AMs in einem. So lässt sich via austauschbarer Ausfallenden die Kettenstrebenlänge auf 435 mm (kurz) oder 422 mm (super kurz) einstellen.

Und da Rotwild früh auf den neuen Boost-Standard mit breiteren Achsen setzte, passen in der längeren Einstellung die trendigen 27,5-Plus-Reifen mit üppigen Breiten bis zu 3,0" ins Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo. Auch 29"-Rundlinge würden knapp Platz finden, werden aber erst beim 2017er Modell als Option angeboten. Dem nicht genug: Der Steuerwinkel steht per se bei moderaten 67°, mittels dreh-/austauschbarer Lagerschalen lässt er sich aber um 1,5° verflachen oder steiler stellen.

Foto: Benjamin Hahn MOUNTAINBIKE Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo Steuersatz

Abgesoffen! In den Steuersatz des Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo drang viel Wasser durch die Dichtungen, die Lagerschalen sind verrostet, auch die Lager selber drehen nur noch zäh und rau.

Viele Optionen, mit denen auch Tester Chris Schiel eifrig experimentierte. Wobei er sich in puncto Geometrie bald festlegte: „Vorne flach, hinten kurz – damit trifft das Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo meinen verspielt-aggressiven Fahrstil ideal. Ein Spaß-AM mit top Fahrwerk.“

Bei der Bereifung kamen erst original verbaute Mountain-King-Pneus von Conti zum Einsatz (2,4"), dann stabilere 2,4er, später 3,0" breite Specialized-Schlappen, zum Schluss 3,0" vorne/2,4" hinten. Je aufgezogen auf die DTSwiss-Felge mit 30 mm Innenweite. Chris: „Die Plus-Reifen sind eine spannende Sache, die Traktion ist toll – aber für meine Fahrweise sind sie mir zu ‚sprunghaft‘, zu unpräzise im Handling. Weniger versierte Biker dürften aber von den Breitreifen stark profitieren.“

Stolze 3500 km zwang Chris dem Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo auf. Und ebenso stolze 70 000 Höhenmeter – im Schwäbischen, in den Alpen und sogar in den Anden.

Vom Defektteufel wurde er nicht ganz verschont: In Südamerika zerfetzte scharfes Gestein den angesprochenen Conti-Reifen, eine Speiche am Hinterrad riss, einmal musste die Shimano-XT-Bremse entlüftet werden. Und: An der Gabelkrone der Fox 34 Float knackte es ab rund 1700 km bedenklich.

Foto: Benjamin Hahn MOUNTAINBIKE Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo Fox-34-Float-Federgabel

Leichte Ölspuren, etwas Dreck an den Dichtungen: Die Fox-34-Float-Federgabel in Factory-Ausführung zeigt kaum Verschleiß, sollte aber dennoch bald zum (kleinen) Service.

Weiteren Verschleiß entdeckten im Abschluss-Check unsere Techniker. Aber es gibt auch Lob: So hat der Rahmen die Tortur bestens überstanden, vor allem sind alle Lager des viergelenkigen Hinterbaus noch top in Schuss. Kein Wunder, sind die Industrielager doch groß dimensioniert und sehr gut gedichtet – warum ist das nicht bei allen Herstellern so?

Auch die Fox-Federelemente präsentieren sich, abgesehen vom Gabel-Knacken, in sehr gutem Zustand, sind nur leicht verdreckt, laufen ruckelfrei – ein Service wäre nach rund 3500 km dennoch ratsam. Letzteres gilt für den Rotwild-Steuersatz nicht mehr: Ein Wassereinbruch hat oben wie unten für hässlichen Rostbefall und sehr rauen Lagerlauf gesorgt, ein Tausch ist unumgänglich. Auch das Hinterrad steht vor seinem Karriereende: Es „ziert“ eine enorme Acht, zudem läuft die DT-350-Nabe nur noch zäh.

Gut: Der Shimano-XT-Antrieb weist bis auf das rechts leicht rau laufende Innenlager nur normalen Verschleiß auf, wohingegen die abgerauchte, eiernde vordere Bremsscheibe getauscht werden müsste. Etwas Spiel zeigt die Vario-Sattelstütze Kind Shock LEV Integra.

Foto: Benjamin Hahn MOUNTAINBIKE Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo Dauertest Christian Schiel

Im Dauertest: Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo

Rotwild R.X1 FS 27,5+ Evo: Getestet von Christian Schiel

  • Preis des Bikes: 4999 Euro
  • Testumfang: 3487 km / 71234 Hm
  • Alter/Beruf: 38 Jahre, Entwicklungsingenieur Kfz
  • Größe, Gewicht: 1,78 m, 91 kg
  • Bevorzugte MTB-Kategorie: All-Mountain und Enduro
  • Fahrstil: technisch, verspielt, #allesistfahrbar
Foto: Chris Schiel

Chris Schiel, Testfahrer: „Das Rotwild R.X1 ist zwar nicht das leichteste Bike, aber dennoch ein super Allrounder mit hoher Variabilität.“

Zwischenbericht: 12 2016 (3016 km)

Flowige Pfade in Davos, technische Trails an der Mosel – das Rotwild-All-Mountain steckt viel weg.

Kurze oder lange Kettenstrebe, flacher oder sehr flacher Lenkwinkel, 27,5" oder Plus-Reifen – mein Rotwild-All-Mountain bietet Variabilität pur. Meine aktuelle Lieblingseinstellung: kurze Streben, 65°-Lenkwinkel, 2,4" breite Reifen mit Schwalbe-Procore-Kernschlauch. Über 3000 teils knüppelharte Kilometer stehen nun zu Buche, zuletzt war ich etwa in Davos (Schweiz) und auf überraschend technischen Trails am Mosel-Hochufer unterwegs. Defekte? Eine Speiche musste ich tauschen, zudem ist die Fox-34-Float-Gabel gerade zum Service, da die Verbindung von Gabelkrone und -schaft bedenklich knackte. Kein gutes Gefühl bei Drops jenseits der 2-Meter-Marke ... Ansonsten fährt das R.X1 knarz- und sorgenfrei. Bei meinen 102 Kilo Fahrergewicht (mit Klamotten, ohne Rucksack) und meiner aggressiven Fahrweise hat so was Seltenheitswert!

Foto: Chris Schiel

Chris Schiel, Testfahrer: „Vorne flach, hinten kurz – in dem Setup passt das R.X1 perfekt zu meinem Fahrstil.“

Zwischenbericht: 07 2016 (1076 km)

Das neue Rotwild lässt sich mit 27,5"-Rädern oder in 27,5+ sowie mit variabler Geometrie aufbauen – und hat schon erfolgreich Brasilien, Argentinien und Chile bereist.

Streng genommen fahre ich nicht ein Dauertestrad, sondern zwei. Oder noch mehr. Das R.X1 mit 150/145-mm-Fahrwerk ist die Vielseitigkeit in Aluminium-Person: Zum einen lässt es sich mit 27,5"-Laufrädern/Reifen oder im Trendformat 27,5 Plus (mit Reifen von bis zu 3,0" Breite) aufbauen. Möglich machen dies Boost-Achsen vorne/hinten und variable Ausfallenden, mit denen sich die Kettenlänge ändern lässt. Zum anderen kann ich über die austauschbaren Steuersatzschalen den Lenkwinkel um 1,5" steiler/flacher stellen – ähnlich wie beim bekannten Cane-Creek-Angleset.

Selbst im reinen 27,5"-Trimm habe ich also die Wahl, ob ich’s vorne lieber ach oder steil, hinten lieber kurz oder lang mag. Aktuell fahre ich die wohl progressivste Einstellung: 27,5", 65,5°-Lenkwinkel, 423-mm-Kettenstreben. Zu meinem Fahrstil passt das perfekt, durch das sehr kurze Heck lässt sich das R.X1 lässig in den Manual ziehen, gleichzeitig generiert der für ein All-Mountain extrem flache Lenkwinkel maximale Laufruhe. Anders gesagt: ein tolles Spaßbike bislang.

Über 1000 km stehen jetzt auf dem Tacho, mit einem mehrwöchigen Südamerika-/Andentrip als Höhepunkt. Besonders präpariert hatte ich das Bike dafür nicht, einzig Schwalbes Doppelkammerreifensystem Procore installiert. Besser wäre es gewesen, auch die (zu) leichten Conti-Reifen mit Race-Sport-Karkasse zu tauschen. Beide hauchdünnen Pellen rissen nach Felskontakten ein. Kuriose Geschichte: Als Hinterreifen bekam ich mitten in den Anden einen Pneu, den Trial-Urgestein Hans Rey (S. 134) dort zurückgelassen hatte. Hans war vor zwei Jahren an selber Strecke mit demselben Guide unterwegs ... Aktuell nervt ein Knacken im Bereich Steuersatz/Gabelkrone. Ursache? Noch nicht gefunden.

07.01.2017