Know-How: MTB-Rahmengeometrien verstehen

Erklärt: Mountainbike-Geometrien

Foto: Benjamin Hahn Fotografie Mountainbike Geometrie Erklärung: So funktioniert ein Bike
Wir erklären, was hinter Fachbegriffen wie „Reach“ oder „Stack“ steckt – und wie Sie Ihr Traumbike mit der perfekten Geometrie fnden.

Wer sich für ein neues Bike interessiert, landet früher oder später auf der Hersteller-Website – und sitzt dann voller Fragen vor der Geometrie-Tabelle: Welche Größe brauche ich? Passt das Bike
zu meinen Proportionen und meinem Fahrstil? Was bedeutet das Fachchinesisch à la Reach und Stack wirklich? Was bewirken diese Werte?

Wir führen Sie durch den GeometrieDschungel und geben Ihnen wertvolle Tipps, wie Sie das optimal zu Ihnen passende Bike ermitteln. Denn: Neben der Federung und den Parts ist die Geometrie entscheidend dafür, wie sich ein Bike fährt. Und im Gegensatz zu einem unpassenden Griff lässt sich die „Geo“ später halt nicht mehr tauschen.

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Foto: Benjamin Hahn Fotografie Mountainbike Sitzrohrlänge bestimmen

Wird gemessen: Mitte Tretlager bis Oberkante Sitzrohr

Sitzrohrlänge/Rahmenhöhe

Früher war die Sitzrohrlänge die maßgebliche Größe. Anders gesagt: Bikes wurden nach der Sitzrohrlänge gekauft, so wie es im Rennradsegment teils noch üblich ist. Beim MTB hat der Wert nahezu völlig an Bedeutung verloren, die Sitzhöhe wird primär durch die Sattelstütze eingestellt – auch der Siegeszug langhubiger Vario-Sattelstützen hat die Sitzrohrlänge unwichtig gemacht. In der Regel versuchen die meisten Hersteller, das Sitzrohr nun möglichst kurz zu zeichnen, um den Schwerpunkt niedrig und die Steifigkeit hoch zu bekommen. Dennoch gilt natürlich: Mit wachsender Rahmengröße wächst auch das Sitzrohr mit.

Tipp:
Tipp: Mit der Formel Schrittlänge (gemessen am Bein entlang vom Boden bis zum Schritt) x 0,885 errechnen Sie Ihre Sitzhöhe. Ziehen Sie davon die Sitzrohrlänge ab und Sie wissen, wie lang Ihre Vario-Sattelstütze bei maximaler Einstecktiefe und maximalem Auszug sein darf. Oder umgekehrt: wie lang sie sein muss. Beim Kauf im Shop dies unbedingt ausprobieren, einige Hersteller spezifzieren nämlich zu kurze oder zu lange (Vario-)Stützen

Oberrohr- und Vorbaulänge

Wie die Sitzrohrlänge hat die Oberrohrlänge bei der Suche nach der optimalen Passform an
Bedeutung verloren. Per se geben Oberrohr- und Vorbaulänge Aufschluss darüber, ob man eher gestreckt oder gedrungen auf dem Bike sitzt. Früher waren daher die Oberrohre von CC/MarathonBikes sehr lang – für eine hochsportliche Sitzposition, Enduros hingegen hatten kurze Oberrohre. Aktuell unterscheiden sich die Längen von Bike-Kategorie zu Bike-Kategorie nicht mehr, oft sind abfahrtslastige Bikes sogar länger geschnitten als Cross-Country-Bikes. Die Länge der Sitzposition wird fast ausschließlich über die Vorbaulänge „eingestellt“. Heißt: Während kurzhubige, aufwärtsorientierte Bikes relativ lange Vorbauten um 80 mm besitzen, kommen langhubige, abfahrtsorientierte Bikes mit Stummelvorbauten um 40 mm.

Tipp: Tipp: Beim Jahrgang 2018/19 weisen Größe-M-Bikes Oberrohrlängen von 585–615 mm auf, GrößeL-Bikes liegen bei 620–650 mm– unabhängig von der Bike-Kategorie. Wer lieber kompakt sitzen will und/oder einen in Relation kurzen Oberkörper hat, sollte ein Bike am unteren Spektrum wählen. „Sitzriesen“ mit langem Oberkörper greifen zu einem möglichst lang geschnittenen Bike. Eine Korrektur der Sitzposition über die Vorbaulänge sollte nur in Maßen (+/– maximal 2 cm) erfolgen, um das Handling nicht zu verschlimmbessern.

Foto: Benjamin Hahn Fotografie Mountianbike Geometrie Steuerrohrlänge messen

Wird gemessen von Unterkante Steuerrohr bis Oberkante.

Steuerrohrlänge

Die Länge des Steuerrohrs beein?usst maßgeblich den „Stack“, also die Höhe der Front. Je höher, desto aufrechter sitzt/steht der Biker, je niedriger, desto gedrungener. Grundsätzlich wächst die Steuerrohrlänge mit der Bike-Größe mit. Bikes in Größe S haben meist eine Steuerrohrlänge von unter 100 mm, bei XL-Bikes sind es schon mal 150 mm und mehr.

Tipp: Wer lieber aufrecht sitzt, sucht nach einem Bike mit relativ langem Steuerrohr, wer viel Druck auf die Front bekommen will, für den ist ein kurzes Steuerrohr besser. Dabei lässt sich die Fronthöhe gut über Steuerrohr-Spacer sowie über den „Rise“ (Erhöhung) des Lenkers anpassen. Das Maximum an Erhöhung durch Spacer und Lenker sollte aber 4 cm nicht überschreiten. Wenn doch, ist das Bike vermutlich zu klein.

Foto: Benjamin Hahn Fotografie Kettenstrebenlänge messen Geometrie MOUNTAINBIKE

Wird gemessen von Mitte Hinterradachse bis Mitte Tretlager.

Kettenstrebenlänge

Die Kettenstrebe ist nicht für die Passform eines Bikes entscheidend, aber sehr wohl für das Handling. Kurze Streben machen das Bike wendig, agil, drehfreudig. Lange Streben sorgen für mehr Laufruhe – und dafür, dass das Vorderrad im Uphill später steigt. Der Trend geht jedoch, auch durch den vermehrten Wegfall des Umwerfers, zu kurzen Streben.

Tipp: Aktuell haben MTBs über alle Kategorien hinweg 425–440 mm Kettenstrebenlänge. Wer es agiler mag, nimmt ein Bike mit kurzen Streben in die Auswahl, wer Laufruhe und bessere Uphill-Performance sucht, wählt lange Streben. Gut: Einige Hersteller setzen auf „mitwachsende“ Streben. Ab Rahmengröße XL sind die Streben dann länger.

Foto: Benjamin Hahn Fotografie Mountainbike Geometrie Erklärung: So funktioniert ein Bike

Wird gemessen am Standrohr der Gabel. Ideal mit einem digitalen Winkelmesser, eine SmartphoneApp tut es aber auch.

Lenkwinkel

Der Lenkwinkel sagt extrem viel über das Handling eines Bikes aus. Je ?acher er ist, desto laufruhiger/ spurtreuer ist das Bike, je steiler, desto wendiger/agiler. In den letzten Jahren sind die Lenkwinkel über alle Kategorien hinweg viel ?acher geworden. Agilität versuchen die Hersteller stattdessen über ein kurzes Heck (siehe Kettenstrebenlänge) sowie über in Relation zu früher sehr kurze Vorbauten zu generieren. Teils wird auch mit dem Versatz („Offset“) der Gabel experimentiert. Dabei gilt: Je mehr Versatz, desto weniger Nachlauf, desto mehr Agilität

Tipp: Auch wenn sie im Trend liegen, nicht jeder kommt mit den modern-flachen Lenkwinkeln klar. Speziell bei langsamer Fahrt neigen Bikes mit flachem Lenkwinkel dazu „abzukippen“. Wer also eher ein klassisch-direktes Handling bevorzugt, sollte ein Bike mit – in Relation zur Kategorie – steilerem Winkel ins Auge fassen.

Kategorie / Lenkwinkel
Cross Country: 68-70°
Tour: 67-69°
All-Mountain: 66-68°
Enduro: 64-66°

Foto: Benjamin Hahn Fotografie Tretlagerhöhe Mountainbike messen

Wird gemessen vom Boden bis Mitte Tretlager.

Tretlagerhöhe

Die Tretlagerhöhe ist nicht für die Passform, aber fürs Handling wichtig. Ein tiefes Tretlager senkt den Schwerpunkt, stellt den Fahrer besser ins Bike, bringt so Agilität und Laufruhe. Aber: Je tiefer, desto größer ist die Gefahr, mit dem Pedal auf Steinen oder Wurzeln aufzusetzen. Generell gilt: Je mehr Federweg das Bike hat, desto höher muss das Tretlager sein, damit es nicht bereits beim Einfedern aufsetzt.

Tipp: Überlegen Sie sich genau, welches Gelände Sie meist befahren. Grobsteinig und verblockt? Hohes Tretlager! Flowige Trails, oft Schotter? Dann ist ein tiefes Tretlager besser

Kategorie (Fully) / Tretlagerhöhe
Cross-Country: 300-320mm
Tour: 320-344mm
All-Mountain: 330-350mm
Enduro: 340-350mm

Foto: Benjamin Hahn Fotografie Sitzwinkel Mountainbike messen Geometrie

Wird „virtuell“ gemessen. Und zwar mittels Winkelmesser an der „virtuellen“ Linie von Mitte Tretlager zu Mitte Sattelstützenende.

Sitzwinkel

Anders als der Lenkwinkel beein?usst der Sitzwinkel die Passform des Bikes stark. Dabei gilt: Je steiler der effektive Sitzwinkel steht, desto weiter rückt der Fahrer nach vorne. Ein ?acher Sitzwinkel bringt hingegen mehr Gewicht aufs Hinterrad. Galten einst 73° als ergonomisch ideal, haben sich die Sitzwinkel inzwischen über alle Kategorien und Bike-Größen hinweg bei 74–75° am Fully eingependelt. Dies erlaubt es in der Regel optimal, den Druck „von oben“ aufs Pedal zu bekommen und ergibt auch im steilen Uphill eine ausbalancierte Sitzposition. Einige Hersteller gehen sogar noch weiter und stellen den Winkel auf 76° und steiler – speziell in der Ebene fühlt sich das aber sehr ungewohnt, teils auch unangenehm an.

Tipp: Grundsätzlich ist der ideale Sitzwinkel Geschmackssache. Viele Biker lieben es, von oben ins Pedal zu treten, andere „kommen“ lieber mehr von hinten. Wer extrem lange Oberschenkel hat, sollte aber eher zu einem Bike mit eher ?achem Winkel greifen. Umgekehrt heißt das: Fahrer mit kurzen Oberschenkeln sitzen auf Bikes mit steilem Sitzwinkel besser. Mittels horizontalem Vor-/Zurückschieben der Sattelposition sowie Machart der Sattelstütze lässt sich der effektive Winkel anpassen. So gibt es Sattelstützen mit circa 2 cm Versatz, die den Winkel um rund 1° verflachen. Faustregel: 1 cm Verschiebung der Sitzposition nach vorne/hinten stellt den Sitzwinkel um 0,5° steiler/?acher.

Foto: Redaktion Stack Reach Erklärung Mountainbike Geometrie

Reach/Stack

Reach (auf Deutsch: Reichweite) und Stack (Höhe) sind Begriffe, die seit einigen Jahren zur Passformanalyse angegeben werden und seitdem stetig an Bedeutung gewinnen. Sie stammen aus dem Downhill-Bereich, um die da ausschlaggebende „Stehposition“ zu beurteilen. So bezeichnet der Reach, wie stark/ wenig der Fahrer nach vorne gestreckt ist, wenn er (speziell
bergab) im Pedal steht.

Der Reach ist abhängig von der Länge des vorderen Rahmendreiecks ab dem Tretlager. Je länger der Reach ist, desto tempofester fährt sich das Bike, desto besser ist der Fahrer ins Rad integriert. Der Trend geht zu sehr langen Reach-Werten: um 440 mm bei Größe-M-Bikes, um 460 mm bei Größe-L Bikes. Einige Hersteller liegen weitere 1–2 cm darüber. Für weniger versierte Biker fährt sich ein so langes Bike aber meist viel zu sperrig.

Der Stack zeigt, wie hoch die Front in Relation zum Tretlager ist. Je größer der Wert, desto aufrechter steht man im Bike. Es gilt wie bei der Steuerrohrlänge, dass sich der Stack mittels Spacer/Lenker erhöhen lässt. Obacht: Durch das schräg stehende Steuerrohr verringert sich dann der Reach. Wer also aufrecht und lang im Bike stehen will, braucht hohe Reach- und Stack-Werte

Lenkerkröpfung, Sattelüberhöhung und Radstand

Lenkerkröpfung (Rise)/Breite entscheiden über Komfort und Dirigierbarkeit des Bikes. Ein gekröpfter Lenker mit viel Rise (um 40 mm) erlaubt eine aufrechtere Sitzposition, wie sie Enduropiloten schätzen. Enduristen fahren auch breite Lenker um 660 mm für eine optimale Bike-Kontrolle. Bei Racern spielt die Aerodynamik eine wichtigere Rolle. Sie fahren Lenker mit etwa 600 mm Breite und verzichten auf eine Kröpfung.

Sattelüberhöhung: Je größer der Niveauunterschied zwischen Sattel und Lenker, um so mehr Gewicht lastet auf dem Vorderrad und dem Oberkörper. Eine stark über­höhte Sitzposition ist auf Dauer unkomfortabel und führt in der Abfahrt zu Überschlagsgefühlen. Die Sattelüberhöhung bei Racebikes beträgt etwa 5 bis 8 cm, bei Tourenbikes maximal rund 3 bis 5 cm und bei Endurobikes höchstens rund 3 cm.

Radstand: Ein langer Radstand/ lange Kettenstreben (waagrecht gemessen von der Tretlagermitte zur Mitte der Hinterachse) sorgen für hohe Laufruhe und guten Geradeauslauf. Im Gegenzug läuft so ein Bike nicht ganz so leichtfüßig durch enge Kurven. Ein kürzerer Radstand macht ein Bike wendiger und agiler, kann es bei hohem Tempo aber auch unruhig machen.

27.01.2019
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE