Ein Tag mit Guido Tschugg

4-Cross, Downhill, Dirt – kaum ein Biker in Deutschland kann so viele Erfolge vorweisen wie Guido Tschugg . Trotzdem hebt der Allgäuer nur auf dem Bike ab. Im Leben steht er mit beiden Füssen fest auf dem Boden. Allürenfrei.

Guido schüttelt den Kopf. „Hier muss ich unbedingt was tun. Schlimm sieht’s da aus.“ Vor uns blinzelt eine Parade beinahe zugewucherter Tables und Doubles aus dem regennassen Grasland. Nur eine schmale Fahrspur belegt die Arbeit eines Spatenmeisters, nebendran breitet sich die Natur aus. „Da muss ich unbedingt ran“, bekräftigt Guido noch mal, bevor er auf seinem Fusion Hellfire – „mein Lieblingsbike“ – zum Fotojumping losrollt.
MB besucht einen von vielleicht zehn Plätzen an diesem Tag, wo Guido „noch was dran machen muss“. Noch einen Sprung baggern auf der Motocross-Piste. Noch ein paar Tables shapen unter der Brücke. Noch eine dicke Glasscheibe bestellen für seine Wohnung. Noch die letzten Muster für den Tschugg-Shaper prüfen, seine eigene Signature-Schaufel. Noch letzte Details vor der kommenden Reise nach Amerika klären. Und unbedingt gesund werden: „Komme gerade vom Arzt, hab’ mir eine fette Grippe gefangen, brauchte dringend Medizin, am Wochenende geht’s nach Saalbach, dann nach Amiland.“
Guido Tschugg ist immer beschäftigt, ein Spitzensportler, der sich selbst managt. Nie steht sein Telefon still, und gewiss hat er nie zufällig nichts zu tun. Immer am Ball, rund um die Uhr.
Guido zählt zum kleinen, feinen Kreis von Deutschlands erfolgreichsten Radsportlern. Seine Paradedisziplin: 4-Cross. Vier Mann stehen mit zum Zerbersten gespannten Muskeln bereit, den Blick starr auf ein welliges Wegeband konzentriert, das sich durch Anlieger und über Sprünge abwärts schlängelt. Dazwischen: das Startgatter. Pneumatisch fixiert, gewaltig gedrückt von den Vorderrädern der vier Bikes. Knallend entweicht die haltende Druckluft, die Schranke stürzt, und die Vier explodieren aus der Startmaschine, drängeln Mann gegen Mann abwärts, immer das Ziel im Visier, immer im Zwei-von-vier-Ausscheidungs-Prinzip. Nix für sanfte Naturen, unbedingt aber was für Guido. Der schlägt sich dabei nicht nur national, sondern auch weltweit so gut, dass er 2005 immerhin Vierter der Weltmeisterschaften wurde – und schon länger einen der begehrten Red-Bull-Sponsorverträge besitzt.
„lebe immer wie am letzten Tag!“

Auch deshalb durfte er im Winter
erstmals am Red-Bull-Trainingscamp teilnehmen. Jahr für Jahr versammeln sich hier Top-Athleten aller Disziplinen, vom Formel-1-Fahrer über den Gleitschirmflieger bis hin eben zum 4-Crosser. Zwei Monate Schinderei nach Fahrplan, um unter Aufsicht hervorragender Trainer die Leistung zu steigern – für den eigenen Erfolg, und für die Publicity des Sponsors. Offenbar keine schlechte Behandlung, die Guido dort erfahren hat, denn die bisherigen Saisonergebnisse sprechen Bände – ein zweiter Platz hinter dem Ausnahmeathleten Brian Lopes beim US-Weltcup im Angel Fire Ressort zum Beispiel.
Gerade beim 4-Cross ist gezieltes Training wichtig – auf den Metern nach dem Start gilt’s, werden geradezu unglaubliche Trittleistungen umgesetzt, um die Strecke als erster auf der besten Linie zu entern, mit drei Mann im Genick. Immer wieder eindrucksvoll zu sehen. Und immer wieder erstaunlich auch für Straßen- und Bahnpiloten, die im Sprint gegen manchen 4-Crosser schlecht aussehen.
Auch der Guido metert bei Bedarf ganz furchtbar nach vorn. Kein Wunder, feilt er doch nebenbei bis zu zehn Stunden pro Woche an seiner Ausdauer.

Um seine ohnedies enorme Fahrtechnik zu verfeinern, hat er sich allerdings etwas ganz Besonderes ausgedacht. In seinem Vorgarten steht ein Trampolin. Doch nicht irgendeines. Ein sehr großes. Mit hohen Stützen und einem engmaschigen Fangzaun. Jetzt könnte man meinen, dass der Guido hier Pirouetten und Salti schlägt, um Koordination und Sprungkraft zu trainieren. Tut er auch. Allerdings mit Bike.
Extra fürs „Flugtraining“ hat Guido Tschugg einen alten BMXer – eine Szene, in der er bereits mit sieben debütierte – zum Trampolinbike umfunktioniert. Das geht einfach: Räder raus, Kurbel raus, alles Überstehende mit dicken Polstern versehen, und los! Eine verrückte Flugshow, die Guido auf seinem Trampolin abzieht. Tabletop, Superman, Superman-Seatgrap, No-Hander, Nothing, X-Up und Barspin – gegen den blauen Himmel und ohne Anlauf, immer im Rhythmus des „Tschumpf – Tschumpf – Tschumpf“ des Trampolins.
Offenbar eine anstrengende Disziplin, denn schwer atmend klettert der bullige Guido aus dem Sprungkäfig, wischt sich den tropfenden Schweiß aus dem Gesicht. „Wenn du nicht aufpasst, springen die Nachbarskinder den ganzen Tag!“ Dass Guido dabei lächelt, erstaunt wenig. Noch heute strahlt ihm der Lausbub aus den Augen – und noch heute geht er gern zum spielen. Mit seinem Bagger zum Beispiel. „Es gibt kaum was Besseres als Baggerfahren.“ Mit seinen Bikes sowieso: „Am liebsten gehe ich dirten!“ Dann mit dem Motocrosser: „Des brauch’ ich, supper!“ Oder mit seinem 54er Ford-Pickup „300 PS!“
„Doping? Würd’ ich nie imachen“

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Was er macht, das macht er richtig. Die Baggerschaufel – am vielgelenkigen Arm zusätzlich dreh- und schwenkbar – führt er wie ein Maler seinen Pinsel. Biken? Sowieso überirdisch, von ihm selbst bescheiden kommentiert. Wer würde schon Bemerkungen machen wie „Nee, Downhill ist nicht meine Paradedisziplin“. Und auf Nachfrage: „Naja, war mal Achter beim Worldcup in Calgary.“ Für andere eine Sensation, für Guido ein Ergebnis unter vielen. So wie beim Hallen-Motocross in München 2002, wo er „nur mal so mitgefahren ist“ und gleich die südafrikanische MotoX-Legende Kurt Nicoll eingedost hat. Auch dafür ein tiefer Verneiger.
Guido setzt übrigens ausschließlich auf konventionelle Mittel, um sich für derartige Höchstleistungen fit zu halten. Er trainiert fleißig, trinkt wenig Alkohol und verzichtet – abgesehen von beinahe suchtverdächtigem Red-Bull-Konsum – auf jede Form chemischer Fitmacher: „Ich ess’ nur Natürliches, am liebsten alles, was Mutter kocht. Aber keine Pillen, keine Präparate, keine Gels und keine Riegel, nicht mal Vitamine oder Magnesium.“ Mit abschätzigem Unterton erklärt er, dass Doper nicht nur alle anderen, sondern auch sich selbst betrügen. „Würde ich nie im Leben machen. Das kannst du schreiben!“
Den Kids empfiehlt er, weniger Dirtparks zu besuchen als Hindernisse selbst zu schaufeln und zu shapen. Nur so bekäme man das richtige Gefühl dafür, auf welche Art von Absprung welcher Flug folgt. Und natürlich ein ganz anderes Auge für unbekannte Hindernisse. „Ihr müsst immer am Ball bleiben. Und biken, biken, biken!“

Was Sie schon immer über Tschugg wissen wollten.
Geboren: 1976
Wohnhaft in: Ratzenried, Allgäu
Beruf: Biker
Autogrammadresse: tschugg@gmx.de
Homepage: www.guidotschugg.de
Motto: Immer leben, als wär’s der letzte Tag!
Familienstand: Freundin Yves Schuster
Liebste Bikedisziplin: Dirt, 4-Cross
Hobbys: Motocross, Baggern
Lieblings...
...essen: bei Mama
...auto: Ford Pickup, Baujahr 1954
...lektüre: MotoX
...bike: Fusion Hellfire
...musik: HipHop
...film:White Chics
Seine schwerste n Verletzungen:
Kahnbeinbruch (MotoX), Handgelenk und Schlüsselbein gebrochen (BMX), Loch im Hodensack (DH). Nach einem Sprunggelenksbruch galt Guidos Karriere als beendet. Doch er siegte direkt beim ersten Weltcup-Start im 4-Cross.

21.12.2005
Autor: Jörg Schüller
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/05