Test-Duell: Rotwild R.G+ FS gegen Specialized Turbo

Im Test: Rotwild R.G+ FS Ultra 36 und Specialized Turbo Kenevo Expert

Foto: Detlef Göckeritz E-MTB Duell Rotwild R.G+ FS Ultra 36 vs Specialized Turbo Kenevo Expert
Wenn das Rotwild R.G+ FS und das Specialized Turbo Kenevo über den Trail hereinbrechen, kracht es im Geäst. Mit ihren gefräßigen Fahrwerken gehören die beiden Bikes zur seltenen Spezies der E-Freerider. Wir wollten wissen, wie viel Freiheit diese Vertreter der neuen Zeit trotz der schweren Motoren und Akkus wirklich bieten!
Zu den getesteten Produkten

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Rotwild R.G+ FS Ultra 36 7999 Euro sehr gut
Specialized Turbo Kenevo Expert 6299 Euro sehr gut

Rotwild R.G+ FS Ultra 36

Ein mächtiges Geschoss hat uns Rotwild für unseren E-Freerider-Test geschickt! Das zeigen schon die Zahlen: langer 1278-mm-Radstand, ausladende 465-mm-Kettenstrebe, sehr acher 64°-Lenkwinkel und gar üppige 200 mm Federweg am Heck. Man merkt: Das Ultra 36 ist ein Abkömmling des E-Downhillers Ultra 40. Rotwild hat im Prinzip nur die Doppelbrückengabel an der Front gegen eine Fox 36 mit 180 mm Hub getauscht. Dementsprechend fährt sich das Ultra 36 auch wie eine Art Touren-Downhiller. Der Fahrer steht tief im Bike, wird gnadenlos nach vorne in eine aggressive Position gezogen, aus der heraus das Rotwild mit Nachdruck in die Kurven gelegt werden will.

Heißt: Das Handling fordert mehr Kraft als das des Kenevo, dafür zieht das R.G+ aber unglaublich präzise über den Trail, verliert auch deshalb nie die Spur, weil die 2,4"-Conti-Pneus sich tief in den Boden fressen, super führen und viel Seitenhalt bieten. Perfekt, um mit Spaß auf dem Gas zu stehen und das Fahrwerk seinen Job machen zu lassen. Den erledigen Fox Float 36 und Fox-X2-Dämpfer extrem schluckfreudig – bei gewohnt sensiblem Ansprechverhalten und viel Gegendruck im mittleren Federwegsbereich. Bei all der Bergabbespaßung: Das Rotwild geizt keineswegs mit Kraxelfreude. Sobald Fahrer und Motor mit Kraft antreten, strafft der Kettenzug das Heck. Der Hinterbau wird dann ein bisschen zu hart, versenkt aber auch kein Körnchen Energie. So klettert der überraschend leichte E-Freerider aus Hessen zielstrebig jede Rampe hoch. Dabei verbrennt der Fahrer immer noch ordentlich Körner, weil Broses Antrieb seine Kraft an die Kurbelleistung anpasst, eher Mitläufer als Anschieber ist. Die Ausstattung ist top, dem Preis angemessen.

Fazit: Rotwild R.G+ FS Ultra 36

Schnell, gefräßig, spurtreu! Das R.G+ FS Ultra 36 ist mit den Genen eines Downhillers gesegnet, der unfassbar satt auf dem Trail liegt. Auch Motor, Gewicht und Parts überzeugen.

Specialized Turbo Kenevo Expert

Auch das Kenevo entzieht sich trotz 180 mm Federweg an Front und Heck der Einordnung als Freerider, drängt anders als das Rotwild aber in die Enduro-Ecke. Kenner werden das schon beim Blick auf Oberrohr und Dämpferaufnahme erahnen, die dem motorlosen Enduro von Specialized entlehnt sind. Da sich die beiden Bikes eine Rahmenplattform teilen, besitzen sie ähnliche Stärken. Die Geometrie des Kenevo ist wunderbar ausgewogen, die Kettenstreben kurz, der Reach perfekt ausbalanciert – bei angenehm hoher Front. Der Fahrer steht zentral im Rad, das mit agilem Handling glänzt und die Kurven direkt angeht. Es ist mehr das mit 24 Kilo hohe Gewicht, das einen zwingt, das Kenevo aktiv ums Eck zu drücken. Andererseits verpasst der tiefe Schwerpunkt, gepaart mit achem 65°-Lenkwinkel, dem US-Dampfhammer genug Fahrstabilität, um beim heißen Ritt über Wurzeln und Steine die Spur zu halten.

So präzise wie das Rotwild zieht das Specialized aber nicht seine Bahnen, auch weil die 2,8" breiten Plus-Pneus bei allem Grip ihre berüchtigte Schwammigkeit in hart gefahrenen Kurven zeigen. Das Fahrwerk lässt das Kenevo satt aufliegen, harmoniert aber nicht ganz perfekt. Während die feinfühlige Lyrik an der Front mit weicherer „Mitte“ und viel Endprogression arbeitet, zeigt sich der Öhlins-Stahldämpfer ebenfalls sensibel, gleitet dann aber linearer durch den Federweg. Der Specialized-Motor – eine Adaption von Brose – funktioniert ähnlich wie beim Rotwild mit angenehmer Unterstützung, ohne Raketenschub. Im Uphill steht der Hinterbau schön hoch im Federweg, reagiert dennoch sensibel und traktionsstark auf Unebenheiten – sodass das Kenevo problemlos selbst steilste Stiche erklimmt.

Fazit: Specialized Turbo Kenevo Expert

Für einen Freerider ist das Kenevo sehr verspielt und agil, dennoch hält das satte Fahrwerk das Specialized auch in ruppigstem Gelände sicher auf dem Trail. Parts und Motor gefallen ebenso.

27.01.2018
© E-MOUNTAINBIKE
Ausgabe 1/2018