Tessincross – per Bike vom Lago Maggiore zum Luganer See

Tessincross-Reportage: Sonnenreich

Die Berge zwischen Lugano und Locarno sind wie geschaffen zum Biken. Top, dass sich das MTB-Traumrevier dank des fast schon mediterranen ­Klimas lange Monate auskosten lässt.

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Tessincross Foto: Marco Toniolo
Tessincross Foto: Marco Toniolo
Tessincross Foto: Marco Toniolo

Mit den Schilderungen von Mountainbiketouren ist es ähnlich wie mit den Geschichten der Angler. „Soooo groß war der Hecht!“ Und fast jeder Singletrail war „episch“ und „so was von flowig“ – oder, weniger lifestylig, einfach der spektakulärste oder wildeste überhaupt. Wem kann man da noch trauen?

Vielleicht jemand, der überhaupt nicht dem Bild des coolen Bikers entspricht. Zum Beispiel einem zierlichen Mann mit Nickelbrille und wirren, grauen ­Locken unter dem betagten Helm. Ein verwirrter ­Professor? Fast richtig: Marco Vitali hat Philosophie studiert. Entsprechend relativ sieht er die Welt, die Berge und die Radstrecken.

Aus Vitalis Lieblingsstrecken wurde eine achttägige Durchquerung des Tessins von Airolo bis ans Südufer des Luganer Sees zusammengestrickt. So viel Zeit haben wir mal wieder nicht – aber ein verlängertes Wochenende ist drin. Also kurzerhand die Tour auf dreieinhalb Tage gekürzt und nichts wie ab in den Süden, genauer, in den italienischsprachigen Schweizer Kanton Tessin, der laut offiziellen Statistiken mit 2300 Sonnenstunden im Jahr punktet.

Und wirklich: Schon früh im Jahr und bis in den späten Herbst ist es warm. Wer sich von den rund 3000 Meter hohen Bergen im Norden des Kantons fernhält, kann hier oft sogar im Winter biken. Auch die üppige Flora belegt den Sonnenreichtum.

Auf den Brissago-Inseln im Lago Maggiore und oberhalb von Lugano wachsen in den botanischen Gärten viele Pflanzen, die sonst am Mittelmeer oder sogar nur in den Tropen vorkommen. Auch am Wegesrand versüßt üppige Blütenpracht so manchen schweißtreibenden Anstieg.

Berg Nummer 1 bewältigen wir – zugegeben – per Seilbahn: Mit der Funivia Cardada geht es Richtung Cimetta. Thymianduft empfängt uns, als wir an der Bergstation losstrampeln. Die Capanna all´Alpe Cardada „lo Stallone“ kennen wir bereits und freuen uns während der kurzen Auffahrt auf die romantische Aussicht und die urige Hütte.

Schwalben segeln elegant durch den Abendhimmel hoch überm See, in der Ferne leuchtet der Gletscher des Monte Rosa. Mit schwerem Rotwein, dem Tessiner Rindsgulasch „Spezzatino“ und Polenta klingt der Tag aus.

Am nächsten Morgen lässt uns schon der erste Blick aus dem Fenster jubeln: Auf der Wiese vor der Hütte grasen in aller Seelenruhe fünf Gämsen. Keine Frage, man könnte sich gut ein paar Stunden vor die Hütte setzen und die Zeit vergehen lassen ... Aber nicht an diesem Tag! Auf dem extra für Mountainbiker gestalteten Trail geht es genussvoll hinab.

Einzelne Sonnenstrahlen blitzen durchs Blätterdach der Buchen, in weiten Schleifen zieht sich der Weg gen Tal und verführt zu hohem Tempo. Mit Ausnahme der rumpeligen Steine unterm Laub gibt es keine technischen Schwierigkeiten, und gegen Ende sorgen kleine Stufen für ganz kurze, aber feine Flugpassagen.

Oberhalb von Locarno endet der Trailspaß auf einem Asphaltsträßchen. Macht nichts, wir vertrauen auf Marco – und der hatte für diesen Tag noch mehr Trailabfahrt versprochen. Die will allerdings verdient sein mit der rund 1100 Hm langen Auffahrt nach ­Luera! Auf dem Rücken, der gen Pizzo Leone ansteigt, beginnt dann wieder das Vergnügen: Ein wurzeldurchsetzter Pfad führt durch einsamen Buchenwald, wie Elefantenbeine ragen die glatten Stämme aus dem dunk­len Waldboden. Später kündigen Wiesen voller Narzissen und Lilien die Nähe menschlicher Siedlungen an.

Tatsache, schon sind wir in Rasa, diesem Bilderbuchdorf aus rohen Steinhäusern, das nur über eine Seilbahn und Wanderwege mit dem Tal verbunden ist. Und was für Wege! Die Abfahrt bis Bordei verlangt Bikern einiges ab: Wir wollen nicht übertreiben, aber die ist schon wild ...

Dann aber wartet die Asphaltstraße durchs Centovalli, links zweigt das Onsernonetal ab. Klar, wir erinnern uns, dort hat der berühmte Schriftsteller Max Frisch gewohnt, hier spielt seine Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“. Schließlich wurde jüngst viel darüber berichtet, denn 2011 hätte Frisch seinen 100. Geburtstag gefeiert. „Das ist eine große Landschaft“, hat er über diese Umgebung geschrieben. Wir pflichten ihm aus vollem Herzen bei und rollen hinaus zum Lago Maggiore.

Dort ist kulturell einiges geboten: Im Sommer findet in Locarno das berühmte „Internationale Filmfes­tival Locarno“ statt, eines des ältesten Filmfestspiele der Welt. Außerdem hatten Richard Strauss, Gerhart Hauptmann, Max Weber und viele andere berühmte Künstler am Monte Verità ihren Wohnsitz. Die mondäne Atmosphäre lässt sich besonders gut an der Uferpromenade genießen.

Der Römerweg hinauf zum Monte Ceneri holt uns am nächsten Morgen mit seinem rutschigen, runden Flussstein-Pflaster wieder auf den Boden der Tatsachen. Und damit nicht genug! Fast 1700 Höhenmeter am Stück führt die Route erst durch Kastanien- und Buchenwälder, dann über Almwiesen hinauf zur Hütte auf dem zugigen Grat am Monte Tamaro.

Doch dann geht es traumhaft wieder bergab: Unten ragt die Kirche des berühmten Tessiner Architekten Mario Botta wie ein Schiffsbug aus der Bergflanke, und lang, sehr lang, führen verschiedene Singletrails gen Tal. Wir nehmen den nach Gravesano: ganz objektiv 1500 Höhenmeter hinab ... Übernachtet wird im Hotel in Tesserete – einem etwas in die Jahre gekommenen, aber wunderschönen Jugendstil-Haus.

Am letzten Tag wartet die Querung am markanten Monte Bar. Angler hin oder her, da muss doch ein Superlativ bemüht werden: Es ist der schönste Singletrail der Gegend, wenn nicht der Alpensüdseite! Geschmackssache? Na gut. Ausdiskutieren lässt sich das bestens an einem milden Abend in einem der vielen Cafés an der Uferpromenade in Lugano.


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07.12.2011
Autor: Verena Stitzinger
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 01/2012