Lenzerheide, St. Moritz, Davos, Arosa: MTB-Enduro-Tour in Graubünden – Infos und GPS-Daten

Reisereportage Enduro-Tour Via Grischa

Zwei Freunde, drei Tage, ein Ziel: Graubündens Topspots – Lenzerheide, Arosa, St. Moritz und Davos – zu einer logischen Enduro-Runde zu verknüpfen. Heraus kam ein 8000-Tiefenmeter-Loop. Postbus und Rhätischer Bahn sei Dank!

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Ein dumpfer Schrei zerreißt die Bündner Berg-Idylle . Wie das Geräusch einer Lawine, die sich im schmelzenden Schnee gelöst hat, hallt es von den steilen Berghängen wider.

Als ich um die nächste Kurve biege, wird mir schnell klar, was der Auslöser dieses Geräusches war. Einige Meter unterhalb des Trails, der sich hier in der Höhe durch die Landschaft zieht, liegt ein Mountainbike. Aber wo ist mein Freund Yoann? Er wird doch wohl nicht ...?

Einige Meter (und Schrecksekunden) weiter unten klettert der zum Bike gehörende orangefarben gekleidete Fahrer auf allen Vieren den Hang herauf, den er gerade noch auf dem Hosenboden hinuntergeschlittert war. Die Bremsspuren auf dem Orange sind frische Kuhfladen. Hoffentlich.

Nur die Kuh schaut zu. Ein riesiges Rindviech verfolgt mit strengen Glubschaugen Yoanns Klettereinlage zurück auf den Trail. Sie hatte sich gleich nach der Kurve in den Weg gestellt und unmissverständlich klar gemacht, dass hier kein Durchkommen war. Ihre massiven Argumente wirkten wohl so überzeugend, dass Yoann kurzerhand beschloss, den Kürzeren zu ziehen und sich für den Abhang und gegen eine tierische Auseinandersetzung entschied.

Der Kürzere gibt klugerweise nach. Der Klügere in diesem Fall heißt Yoann Barelli und fährt im echten Leben unter anderem bei der Enduro World Series vorne mit.

Vor zwei Tagen war ich mit ihm in der Lenzerheide aufgebrochen, um mit unseren Bikes die besten Trails rund um die Orte Lenzerheide, St. Moritz, Davos und Arosa zu erkunden. Doch nicht wie mancher Mountainbike-Profi mit privatem Shuttle oder gar Helikopter, sondern ganz einfach mit dem Bus.

Außerhalb der Schweiz kann man sich nur schwer vorstellen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, um einen Mehrtagestrip zu machen. Doch gerade im Kanton Graubünden sind die „Postbusse“, wie sie hier heißen, mehr als bikerfreundlich. Kaum ein gelber Bus, an dem es keinen Fahrradträger gibt. Ein dreifaches Hoch auf die Schweiz!

Tag 1

Schon am Mittag – wir waren nach einem langen Downhill über das Rothorn in die Lenzerheide und weiter bis hinunter nach Tiefencastel gefahren – macht Yoann große Augen, als wir mit unseren Bikes am Bus vorbeirollen und der Fahrer extra aussteigt, um uns beim Verladen zu helfen.

Nach einer kurzen Stärkung am Bahnhofsrestaurant schnauft unser gelber Shuttle schon hinauf zum Julierpass, von wo uns ein Trail über den Höhenwanderweg „Via Engadina“ und den abschließenden Flowtrail bis hinein nach St. Moritz führt. Dort wollen wir die erste von zwei Nächten unseres „Via-Grischa-Wochenendes“ verbringen. Hoffentlich hat Yoann genug Zaster dabei.

Schon den ganzen Sommer hindurch hatte das Wetter immer verrückt gespielt, und so konnte man sich auf alles verlassen, nur auf eines nicht: die Wettervorhersage.

Tag 2

Doch als wir am Morgen des zweiten Tages hoch über dem Engadin und über St. Moritz auf dem Piz Nair stehen, strahlt die Sonne mit dem frisch gefallenen Schnee um die Wette. Von hier oben, dem höchsten Punkt unserer Route auf 3057 Meter Seehöhe, führt der Trail zuerst auf einem breiten Schotterweg von der Bergstation hinab. Doch schon nach wenigen Sekunden High-Speed auf der sommerlichen Skipiste zweigt rechts ein Weg ab, der superflüssig Richtung Suvrettatal und flach hinab nach Bever führt.

Der Suvrettatrail hat genau die richtige Mischung aus zarten und harten Passagen – die dann und wann auch Yoann fordern. Hier und da kann er seine überragende Fahrtechnik aufblitzen lassen und mich öfter, als mir lieb ist, mit einem Fragezeichen im Gesicht zurücklassen – so flüssig meistert er die schwierigsten Stellen.

In Bever angekommen, heißt es erst mal: stärken für die zweite Tageshälfte! Und wo kann man das besser als in einer urigen Arbeiterkantine mitten im Dorf? Wer hier einkehrt, sucht vergeblich nach Tischdekoration und Flachbildschirm. Vielmehr kommen hier die Töpfe direkt aus der Küche mitten auf den Tisch. So muss das sein!

Nach dem Arbeitermahl geht’s per Zug Richtung Susch. Und dann mit dem Postauto auf den Flüelapass. Mit unserem schweren Gerät hier hochzustrampeln würde uns ganz schnell zu echten Leidgenossen machen.

Wer jedoch mit 60er-Puls zur Passhöhe düdelt, hat für zweierlei Zeit: fürs Gucken und fürs Träumen. Wie gut dieser Trail, der immer wieder die Passstraße kreuzt, wohl zum Biken geeignet wäre? Schade eigentlich, dass wir auf der anderen Seite runter wollen. Nach Davos.

Kurz nach der Passhöhe überqueren wir einen kleinen Parkplatz, an dessen Ende der Trail erst flach am Hang entlang und dann in mehreren Möglichkeiten auf die darunterliegende Hochebene führt. Wie in kleinen Terrassen schlängelt sich der Weg von Ebene zu Ebene und überquert dabei immer wieder die Straße. An der Wirtschaft Tschuggen verlassen wir den Trail und folgen einem Pfad bergaufwärts die rechte Hangseite hinauf.

Im Tiefenrausch

Vor uns liegen fast 600 Höhenmeter hoch zum Pischagrat. Hier hoch können uns weder die Rhätische Bahn noch eine Seilbahn noch ein gelber Postbus shuttlen. Da müssen wir selbst rauf! Also doch Leidgenossen!

Aber nach einer guten Stunde Aufstieg kippt der Trail an einer kleinen Steinmauer doch noch rechts ins Tal hinunter, Kurve folgt auf Kurve, rechts, links, dann ein kleiner Sprung. Yoann und ich schießen dem Sonnenuntergang entgegen. Bei einer kleinen Alm zweigt der Trail nach links über eine Wiese und gleich wieder in den Wald ab, wo weitere Kurven folgen. Nach etlichen Tiefenmetern endet der Abfahrtsrausch an einem See ganz in der Nähe des Dorfzentrums von Davos und unseres Hotels.

Jetzt noch schnell duschen und dann gleich ins Bett, denn der morgige Tag wird ähnlich anstrengend. Davor aber noch ein gemütliches Nachtessen im Restaurant – mit Raclette und Capuns – und dann: Sleep well in your Bettgestell!

Tag 3

Dritter Tag, neues Trailglück. Wir freuen uns auf der Sonnenseite von Davos auf eines der beeindruckendsten Aufs und Abs im alpinen Gelände: erst mit der Weissfluh-Standseilbahn auf knapp 2700 Meter, dann auf epischem Trail nach Arosa, gefolgt vom Liftaufstieg zur Hörnlihütte und dem finalen Sturzflug hinab nach Lenzerheide.

Als sich nach drei Tagen der Kreis wieder geschlossen hat, sind wir nicht nur vollgepumpt mit Endorphin – sondern auch mit Eindrücken en masse. Yoann und ich haben schon einiges mit dem Mountainbike erlebt. Was uns beide aber umhaut: das Herz der Schweizer für das Velo.


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01.06.2015
Autor: Tobias Woggon
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 8/2015