MTB-Traum-Trails: der Käsetrail im Oberengadin

Traum-Trails: Käsetrail im Oberengadin


Zur Fotostrecke (8 Bilder)

MountainBIKE Käsetrail Abfahrt auf dem Trail
Foto: David Schultheiß

 

MountainBIKE Käsetrail Waldweg
Foto: David Schultheiß

 

MountainBIKE Käsetrail Johannes Habel, Jakob Breitwieser und Sanne Moritz machen Pause
Foto: David Schultheiß

 

MountainBIKE Käsetrail Abfahrt auf dem Trail
Foto: David Schultheiß

 

MountainBIKE Käsetrail Sanne kocht Fondue
Foto: David Schultheiß
MountainBIKE-Redakteure, -Fotografen und -Autoren stellen ihren ganz persönlichen Top-Trail vor. Diesmal: MountainBIKE-Fotograf David Schultheiß. Der schwärmt vom Käsetrail im Schweizer Oberengadin.

Infocenter Pontresina

Infos: www.pontresina.ch

Anreise: über die A 7 zum Füssener Grenztunnel und via Fernpass und Landeck ins Oberengadin nach Pontresina (300 km/3:30 h ab Ulm)

Fahrleistungen: 21,2 km/290 Hm/770 Tm/2 h

Kondition: leicht

Fahrtechnik: meist S1, Stellen S2

Saison: in den Tallagen des Oberengadins von Mai bis Oktober, in den Hochlagen von Juni bis September.

Einkehr-Tipp: www.sennerei-pontresina.ch

Übernachtungs-Tipp: www.palue.ch

Bikezentrum Pontresina: www.pontresina-sports.ch

 

MountainBIKE Käsetrail Pontresina Karte
Foto: MountainBIKE Der Käsetrail im Oberengadin

So ein Käse! Hansjuerg Wuethrich hat die Eigenart, sich tagtäglich eine hübsche Bikerin auszusuchen, die dann mithelfen darf, den Käse aus dem „Kessi“ zu hieven. Und da wir gerade rechtzeitig unseren Einkehrschwung direkt vor Hansjuergs Schaukäserei einlegen, darf Sanne direkt vom Sattel in die Sennküche. Nicht als die Sennerin vom Königssee, sondern als die Sennerin von Morteratsch.

Was für Fantasy-Freunde nach dunklem Schattenreich aus Herr der Ringe klingt, zergeht meinen Mountainbike-Freunden Sanne, Jakob, Johannes und mir wie Honig auf der Zunge: Morteratsch!

Morteratsch liegt in Graubünden. Genauer: im Oberengadin, nahe der High-Snowciety-Prachtstraßen von St. Moritz – und doch Lichtjahre entfernt von Gucci, Rolex und Bentley. Morteratsch hat seinen Namen vom gleichnamigen Gletscher, dem in puncto Volumen größten der Ostalpen.

Die Legende von Morteratsch

Senner Hansjuerg weiß nicht nur, wie man Bikerinnen beim Käsen zum Mithelfen bringt, sondern auch, wo der Name Morteratsch herkommt: In der rhätoromanischen Sage „Die Jungfrau vom Morteratsch“ verliebten sich vor Urzeiten die reiche Bauerstochter Annetta und der arme Viehhirte Aratsch. Während Aratsch weit weg als Soldat zu Geld kommen wollte, um Annetta heiraten zu dürfen, starb sie vor lauter Liebeskummer – und ihr Geist trieb sich oben auf der Alp herum. Und klagte: „Mort Aratsch“, „Aratsch ist gestorben“. Ein Hirte aber verfluchte die Alpe und verjagte den Geist der Annetta von der Alp – und der Gletscher breitete sich über die Alpe und den Berg „Munt Pers“ aus. Der heißt bis heute „der verlorene Berg“.

Mein Lieblingstrail führt nicht vom Munt Pers nach Morteratsch, sondern auf der anderen Talseite vom Berninapass rund um den bei Skifahrern bekannten Piz Lagalb herum nach Morteratsch. Wobei der Superlativ „Lieblingstrail“ nicht einfach zu bestimmen ist, weil er von so vielen Faktoren abhängt.

Allen voran muss bei mir das „Preis-Leistungs-Verhältnis“ stimmen: Bergauf sollte es nicht allzu anstrengend, lange und ätzend sein. Wobei ich kein Problem mit Tragen habe, im Gegenteil. Aber halt nicht 1500 Höhenmeter. Das meine ich mit „Preis“. Und die „Leistung“ ist die Abfahrt. Bergab darf es am liebsten nur so dahinfließen. Ich mag es schnell, mit Wellen zum Springen und natürlichen Anliegern für nette Schräglagen. Und hochalpin muss der Trail natürlich sein, als Wochenend-Kür für meine werktägliche Mittelgebirgspflicht rund um Freiburg.

Hinauf zum Käsetrail

Also Käsetrail! Warum der so heißt? Ganz einfach: weil er an der Käserei von Hansjuerg endet. Ein paar deutsche Biker, die sich nach getaner Arbeit mit Käse und Brot belohnten, gaben ihm seinen Namen. Hansjuerg ist selbst begeisterter Mountainbiker und hat uns auf eine Degustation seines Käsetrails eingeladen.

Er selbst fährt ihn am liebsten von Pontresina aus: Auf der linken Talseite kurbelt man auf einem coupierten Singletrail und Forstweg gemütlich Richtung Berninapass, überquert dann die Passstraße und kommt unter den düsteren Nordostwänden des Munt Pers auf Betriebstemperatur. Das Vogelgezwitscher wird nur hin und wieder vom Quietschen der Rhätischen Bahn gestört, die mit staunenden Asiaten hoch zum Berninapass und weiter nach Italien tuckert.

Wir schenken uns aber nach ein paar Schnäpsen zu viel am Vorabend das Wuethrichsche Vorspiel und lassen uns von der Rhätischen Bahn gleich hoch zum Berninapass chauffieren. Die knallrote Schmalspurbahn verbindet St. Moritz mit Tirano im italienischen Veltlin. Sie gilt als höchste Nicht-Zahnradbahn der Alpen und mit bis zu sieben Prozent Steigung als eine der steilsten der Welt. Seit 2008 ist die grenzüberschreitende Bimmelbahn (mit immerhin 3000 PS) Teil des Unesco-Weltkulturerbes.

Als wir morgens um sieben oben am höchsten Punkt der Eisenbahnstrecke auf 2300 Meter Höhe unsere Bikes aus dem Velo-Waggon herauswuchten, empfängt uns zapfige Kälte – und eine skurrile Stimmung aus Eisenbahn-Nostalgie auf der einen und Schweizer High-Tech auf der anderen Seite. Drei Farben dominieren: das unwirkliche Hellblau des Stausees, der auch noch „Lago Bianco“ heißt, das Rot der Rhätischen-Bahn-Waggons – und das schon fast blendende Zahnweiß der Gletscherberge ringsum. Alles überragend: der Piz Bernina, der höchste Berg der Ostalpen.

Der bildet mit seinen Trabanten Piz Palü, Piz Roseg & Co. den sogenannten „Festsaal der Alpen“ . Weltberühmt ist vor allem der „Biancograt“, eine weiße Messerklinge, die sich über mehrere hundert Höhenmeter bis zum Berninagipfel auf 4049 Meter emporschneidet. Wer hier hoch will, darf kein Problem damit haben, dass es links einen Kilometer schier senkrecht bergab geht. Und rechts genauso. Bernina und Biancograt sind jedenfalls für jeden echten Alpinisten das Allerhöchste!

Flowig ins Val Minor

Für uns Biker das Allerhöchste: die Fuorcla Minor. Dieser Pass ist mit seinen 2435 Metern in keiner Pässeliste der Alpen zu finden, aber gerade das ist sein Reiz. Auch liegen zwischen unserem Startpunkt am Berninapass und der Passhöhe gerade einmal 200 Höhenmeter. Und die sind für starke Uphiller trotz einiger giftiger Rampen komplett fahrbar. Das ist das, was ich mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis meine!

Oben am Eingang hinab ins Val Minor blinzeln uns zwei glasklare Seen entgegen: der Lej Minor und sein kleiner, namenloser Bruder. Die Landschaft hinter der runden Riesenkuppe des Piz Lagalb hat was von „The dark Side of the Moon“. Mal sehen, wie es hinterm Mond aussieht! Zwar kaum zu glauben, aber wahr: Der Trail ins Val Minor ist bedeutend zahmer als befürchtet! Im Gegenteil: Er ist das reinste Fließmonster. Nirgends schwierig, immer flott, immer flüssig – und für diese hochalpine Umgebung außergewöhnlich smooth.

Aber viel zu schnell endet dieses Schweizer Smoothie im Val Minor. Wir erreichen die Talstation der Lagalb-Seilbahn, über Wurzeln und Steinplatten geht es dahin, irgendwann fliegen statt Felsen und Steinen Wacholder und Preiselbeeren förmlich an uns vorbei. Es duftet nach Lärchennadeln und Arvenholz. Acht Steinstufen enden direkt am Bahngleis der Rhätischen Bahn.

Obacht! Der unbeschrankte Bahnübergang kann der letzte sein, wenn das Adrenalin die Bremsfinger überzeugt, locker zu bleiben anstatt fest zuzupacken. Also: alle Sinne aktivieren, Augen und Ohren offen halten! Die RHB ist stärker und härter! Ich fahre hinter Sanne, Jakob und Johannes her und sehe unten das Hotel und Restaurant Morteratsch. Bald da!

Die Wandererdichte wird um diese Tageszeit – es ist kurz vor zwölf – und hier im Tal immer dichter und dichter. Alle grüßen uns freundlich. Die Schweizer sind einfach ein nettes Völkchen. Dann sind wir da und schwingen vor der Sennereitüre von Hansjuerg ab. Sanne geht arbeiten und wir drei strecken die dreckigen Beine in die Sonne. Ein Calanda-Bier wär jetzt was – dazu ein Stück Käse!

 

MountainBIKE David Schultheiß Porträt
Foto: David Schultheiß Neben der Lust am Mountainbiken geht es David Schultheiß beim Fotografieren auch darum, das Freiheitsgefühl einzufangen.

Der Autor: David Schultheiß

Vom Grafikdesigner über den Umweg Kanada zum selbständigen Fotografen: David Schultheiß (29) kommt aus dem Stuttgarter Raum, machte in Fellbach eine dreijährige Ausbildung zum Grafikdesigner und wanderte dann 2007 für ein Jahr nach Whistler aus.

Hier begann er, als Fotograf zu jobben, und fotografierte Skitouristen an den Hängen des Whistler und Blackcomb Mountain. Abends bildete er sich anhand von Youtube-Tutorials weiter.

Nach seiner Rückkehr aus British Columbia zog der frischgebackene Profifotograf 2008 nach Freiburg. Von hier aus zieht David im Sommer mit dem Mountainbike, im Winter mit dem Snowboard los, um seine Traumtrails und -lines zu verewigen.

http://www.davidschultheiss.de

01.04.2015
Autor: David Schultheiß
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 7/2015