Mit dem MTB in drei Etappen durchs Engadin – Infos, Route, GPS-Daten

Engadincross-Reportage: High Society

Wo sich einst der Hochadel beim Kuren vergnügte, genießen Mountainbiker heute Trails und Panorama. Sehr zu empfehlen: eine Etappenfahrt um den Schweizer Nationalpark.

Lesen Sie in diesem Artikel:


„Kein Ostergruß!“ Barbara schüttelt den Kopf und lacht. Schon klar, diese Feiertage sind längst vorbei. Im April hätte hier oben, an der Bocchetta di Forcola, schließlich noch Schnee gelegen!

Aber Barbara haben weder die Höhe von 2760 Metern über Meereshöhe noch die zurückgelegten 1500 Höhenmeter, zuletzt in wirklich garstig steilen Serpentinen auf dem schmalen Bergpfad, die Sinne vernebelt. Ihr sind bei der langen Auffahrt bloß wieder die skurrilen Notizen von Hotelangestellten durch den Kopf gegangen, die heute Morgen auf der Ausstellung zur Schweizer Hotelier-Historie zu sehen waren.

Skurrilitäten hin oder her – jetzt wird erst mal das Panorama an einem der schönsten Übergänge der Alpen genossen: Gletscher leuchten herüber vom Ortler und dem Sommerskigebiet am Stilfser Joch. Ganz schmal ist der Weg während der langen Querung vom Umbrail-Pass hierher – und trotzdem fast komplett fahrbar! Genauso spektakulär geht es weiter, hinüber zur Bocchetta di Pedenolo.

Was dann folgt, ist eine Abfahrt wie von einem anderen Stern: In Bilderbuch-Serpentinen schlängelt sich der alte Weg durch die Felswand bergab. Er ist nie steil, auch nicht besonders schwierig zu fahren – aber so was von ausgesetzt! Wer hier stürzt, der liegt nicht nur auf der Nase, sondern landet ziemlich wahrscheinlich auch gleich einige hundert Meter tiefer.

Wir gehen es also vorsichtig, an, stehen etwas später wohlbehalten unten und können kaum glauben, dass ein relativ komfortabler Weg – egal ob gefahren oder geschoben – durch diese felsige Steilwand führt. Schon hier am Wandfuß ist er fast nicht mehr zu erkennen in den Felsvorsprüngen.

Auf einem breiten Fahrweg rollen wir weiter, hinüber zu den Fraele-Seen, über die Staumauer und dann direkt zu einer der Holzbänke im Garten des Ristoro San Giacomo di Fraele. Zeit für Kaffee und Kuchen! Was uns hierher verschlagen hat, ist – um ein paar Ecken gedacht – der Schweizer Nationalpark-Bike-Marathon, der einmal im Jahr stattfindet.

Weil der landschaftlich wunderschön ist, entwickelten findige Touristiker eine ausgeklügelte Pauschale für Hobbybiker: Die Runde lässt sich dabei in vier Etappen absolvieren. Dazu kann man die Unterkünfte pauschal reservieren und sich mit Gepäcktransport das Leben erleichtern. Wer diesen Service nutzen will, aber ein bisschen eigensinnig ist (wie wir), darf sich auch eine eigene Route überlegen, deren Etappenorte sich mit jenen der Nationalpark-Bike-Tour decken. Perfekt für ein verlängertes Wochenende nach eigenem Gusto!

Mit einer Übernachtung oberhalb von Scuol, im alten Kurort Vulpera in dem wunderschönen, historischen Hotel Villa Engiadina, hat unser Kurzurlaub begonnen. Und dann prasselte am nächsten Morgen kräftiger Regen danieder ...

Also schauten wir uns die Ausstellung über die Anfänge des Tourismus in der Gegend an. Besonders lustig: die Notizen, welche die Rezeptionisten des edlen Waldhaus-Hotels um die Jahrhundertwende auf den Karteikarten ihrer Gäste gemacht haben. „Ihre Spinnitis macht galoppierende Fortschritte“ steht dort beispielsweise über eine Dame. Auf vielen Karten ist in Rot vermerkt: „Kein Ostergruß!“ Das kann nichts Gutes bedeuten. Ob heutiges Hotelpersonal sich wohl auch Notizen macht? Solche Fragen beschäftigen uns noch eine ganze Weile ...

Mehr als 30 Mineralquellen sprudeln in Vulpera und Tarasp aus dem Boden, darunter auch jene in Europa mit dem höchsten Anteil an Glaubersalz. 1841 wurden die ers­ten Einrichtungen geschaffen, um diese für Kuren zu nutzen: eine Trinkhalle und Toiletten entlang des Inns, da das Mineralwasser stark abführend wirkt. Erst kamen hauptsächlich Tiroler Bauern zur Kur.

Es gab deftiges Essen, viel Rotwein – und Unmengen des Mineralwassers, angeblich bis zu 24 Maß täglich. Kein Wunder, dass es hieß: „Halt er’s aus, wird er gsund, sonst geht er z’grund.“ Beweise dafür, dass dies nicht übertrieben war, fanden sich bis vor einer „Generalrevision“ des Tarasper Friedhofs auf dessen alten Grabsteinen. Einer der ersten Kurärzte soll auf die Frage nach Neuigkeiten angeblich oft geantwortet haben: „Nichts Besonderes, es ist nur wieder einmal ein Tiroler geplatzt.“

Wahrscheinlich erfuhr man davon in weiter entfernten Gegenden wenig, denn später reisten die reichen deutschen Industriellen, der europäische Hochadel und Angehörige des russischen Zarenhofs zur Kur an.

Entsprechend klüger starteten wir, bei abklingendem Regen, hinauf ins idyllische Val S-charl. Bei der Alp Astras heißt es abbiegen, steil hinauf zur Fontana da S-charl. Nach kurzer Schiebestrecke macht sich Herr-der-Ringe-Feeling breit: grollender Donner, dunkle Wolkenfetzen. Aber dann taucht ein Regenbogen auf, der schmale Pfad zieht das einsame Hochtal hinauf, alles lässt sich fahren. Traumhaft! Und es geht so weiter: anspruchsvolle, wunderschöne Single­trails führen ins Val Müstair.

Der Folgetag beginnt früh. Ohne Kultur, dafür mit vielen Höhenmetern: die Straße zum Umbrail-Pass hinauf, über die Bocchetta di Pedenolo zu den Fraele Seen, wo wir nun sitzen. Und der Tag ist noch nicht zu Ende! Auch der Passo di Val Trela muss noch überwunden werden, bevor wir uns in Livigno in der Hotelbar einen Aperitif gönnen können. Satte 2400 Hm bergauf insgesamt – mit hochroten Köpfen fallen uns mehrere Male geplatzte Tiroler ein ...

Auch der dritte Tag hat es noch mal in sich: Vier Pässe haben wir uns vorgenommen, garniert mit Singletrails. Schnaufen, Leiden und Genießen im Wechsel stehen an, bis wir abends wieder in Vulpera ankommen. Gekrönt wird der Kurzurlaub tags drauf mit einem Besuch im Mineralbad Bogn Engiadina in Scuol. Das hat man sich nach drei Tagen mit fast 160 Kilometern und 5840 Hm bergauf redlich verdient. Und äußerlich angewendet sind auch unzählige Maß Mineralwasser völlig unproblematisch.


Inhaltsverzeichnis

30.05.2012
Autor: Verena Stitzinger
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 07/2012