Tirol-Cross: In 4 Etappen vom Zillertal ins Stubaital

MTB-Reisereportage Tirol-Cross

Jetzt im Herbst noch schnell auf Blitz-Alpencross? Aber nicht von Nord nach Süd, sondern von Ost nach West! MOUNTAINBIKE-Fotograf Heiko Mandl durchquerte mit zwei Begleitern in vier Etappen die Zillertaler Alpen Richtung Brenner und landete schließlich im Stubaital.

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Wie es sich anfühlt, mit David Beckham zu kicken? Keine Ahnung! Aber ich kann immerhin sagen, wie es ist, mit einem waschechten Race-Across-America- Sieger durch die Tiroler Berge zu radeln. Das RAAM ist mit fast 5000 km/52 000 Hm das härteste Radrennen der Welt. Diese Irren fahren von West nach Ost quer durch die Staaten – aber nicht in Etappen, sondern nonstop. Der Sieger ist gut neun Tage im Sattel. Sein Name: Pierre Bischoff.

Und genau mit diesem Herrn Bischoff bin ich nun in den Tiroler Alpen unterwegs. Für mich ist diese Gegend biketechnisch Neuland, für Pierre ist das österreichische Bundesland die zweite Heimat. Der Duisburger lebt seit ein paar Jahren in Nauders, arbeitet dort als Bikeguide und ist schon gespannt, den Teil Tirols zwischen Zillerund Stubaital kennenzulernen. Der Dritte im Bunde heißt Thomas, kommt aus Wien und sitzt jede freie Minuten auf dem Bike. Er will wissen, wie es so ist, mit einem Extremradsportler auf Tour zu gehen. Zwei Österreicher, ein Deutscher, ein gemeinsamer Plan: in vier Tagen durchs Zillertal, am Brenner vorbei, weiter in das Stubaital und wieder runter bis fast nach Innsbruck.

Vier Tage – also fast halb so lange im Sattel wie beim Race Across America ... Nur eben legen wir keine 4800 km zurück, sondern schlappe 142 km und gut 7000 Höhenmeter. Und nicht auf Asphalt, sondern mit dem Bike auf Trails und Schotterpisten. Ob ich mich danach auch wie ein Sieger fühle? Wir werden sehen ...

Bereits auf den ersten Rampen vom Inntal hoch zur Weidener Hütte zeigt uns Pierre seine Stärken. Und wir ihm unsere Schwächen. Weder Thomas noch ich sind sonderlich überrascht, dass der RAAM-Sieger schon sein zweites Bier bestellt, als wir bei der Hütte ankommen. Wir haben uns die vier Etappen so eingeteilt, dass Zeit bleibt, die Tiroler Berglandschaft zu genießen und ausreichend Pausen machen zu können.Wir fahren ja nicht auf Zeit, sondern wollen vom Alltag abschalten und die Trails zu hundert Prozent auskosten. Noch rauf aufs Geiseljoch, und die erste Etappe ist fast geschafft! Von der Passhöhe schauen wir rüber in das Karwendel, das ins Abendlicht getaucht ist.

Durchs Funsport-Dorado Zillertal
Der zweite Tag führt uns ins Zillertal. Das langgezogene Tal ist ein einziger Spielplatz für Funsportler. Sommers wie winters. Während in der kalten Jahreszeit die Skifahrer und Freerider ihre Lines Richtung Tal ziehen, rocken im Sommer die Biker die Trails. So wie wir. Während mir die Bettschwere noch in den Schenkeln sitzt, brennt Pierre schon frühmorgens förmlich auf die heutige Bergfahrt Richtung Tuxerjoch. Die Bergspitzen sind bereits sanft in Schnee gehüllt, und die Gletscher leuchten statt im schmutzigen Sommergrau in reinem Persilweiß zu uns rüber.

Wir sind nicht alleine. Viele Alpencrosser begleiten uns Richtung Alpenhauptkamm. Für sie ist es heuer die wahrscheinlich letzte Möglichkeit für eine Alpenüberquerung. Die meisten brauchen eine ganze Woche an den Gardasee. Pierre schmunzelt dabei nur. Immerhin schlafen die Alpencrossnovizen in der Nacht. Er gönnte sich beim RAAM nur ein paar Stunden Schlaf – in neun Tagen. Wir lassen die anderen schnell hinter uns. Was sich an Tag eins in Sachen Downhill- Ranking angedeutet hat, manifestiert sich an Tag zwei: Pierre übernimmt die Spitze. Und wir versuchen zu folgen. Der Junge kann es eben nicht nur bergauf, sondern auch bergab. Ich bin gespannt, wie er sich vom Tuxerjoch ins Schmirntal anstellen wird. Dieser Trail hat schon viele Biker absatteln lassen. Hält unser RAAM-Sieger der Herausforderung stand?

Bevor die Challenge startet, müssen wir in Hintertux aber erst aufs größte Ritzel schalten und bergauf hoch zum Tuxerjochhaus treten. Die ersten Meter meinen es noch gut mit uns, doch schon bald zeigt der lange Anstieg sein wahres Gesicht. Besonders die letzten Kehren sind zumindest für mich unfahrbar. Meine Kraft ist am Ende. Und Pierre? Der sitzt schon im Gastgarten des Tuxerjochhauses und genießt den Ausblick hinüber zum Hintertuxer Gletscher. Für alpines Sightseeing bleibt mir jetzt nicht viel Zeit. Der Tag neigt sich langsam dem Ende zu, also starten wir Richtung Trail runter ins Schmirntal. Wie eine lange Freeride-Line zieht sich der Trail bis zu einer markanten Kante, bis er sich dann immer steiler werdend in das Schmirntal hinabwindet.

Der berüchtigte Schmirntal-Trail
Ich habe schon viel über diesen berühmt-berüchtigten Trail gehört und gelesen. Unfahrbar, gefährlich, verblockt? Wir werden gleich sehen, ob die Geschichten darüber wahr sind. Pierre übernimmt in gewohnter Manier das Kommando und tänzelt mit seinem Bike gekonnt durch die ersten Spitzkehren. Thomas und ich versuchen an seinem Hinterrad zu bleiben und nicht nach vorne abzusteigen. Mir wird nach den ersten drei Kehren bewusst: Die Gerüchte stimmen. Zumindest für mich, ich muss immer öfter absteigen und das Bike tragen. Und Pierre? Der trägt auch. Yes, es gibt doch einen Gott.

Das Schmirntal empfängt uns mit unglaublicher Ruhe. Dieses östliche Seitental des Wipptals kennen nur wenige – kein Wunder also, dass sich nur eine Handvoll Wanderer hierher verirrt. Die verschlafenen Dörfer empfangen uns mit einer Gastfreundlichkeit, die in den Alpen ihresgleichen suchen. Pierre, Thomas und ich rollen das Tal hinaus und suchen uns ein Bett für die Nacht.

Tag drei steht voll im Zeichen der Höhenmeter. Über zwei lange Anstiege führt die Königsetappe ins Stubaital. Schön langsam spüre ich die vielen Höhenmeter in den Beinen. Nur mit Mühe komme ich auf mein Bike, während Pierre schon losrollt. Mehrmals bin ich kurz davor, heulend aufzugeben. Und auch Thomas leckt schon das Blut von seinen Waden. Genau in diesem Moment macht Pierre das, was er neben dem Radfahren am besten kann. Durch seine Motivationskünste halte ich durch und erreiche unser Quartier. Was er mir gesagt hat? Nicht viel, ich solle mich ablenken und den Schmerz vergessen. Wenn das bloss immer so einfach wäre ...

Nach Etappe drei ist bei mir die Luft raus
Die letzte Etappe hat es noch einmal richtig in sich. Vom Stubaital aus wartet die letzte Prüfung der Tirol-Runde auf uns: das über 2500 Meter hohe Seejöchl. Irgendwie paradox, der Name. Aber erst einmal thront die Starkenburgerhütte 1200 Höhenmeter über unseren Köpfen und will erobert werden. In langen Serpentinen zieht sich die Schotterstraße Richtung Hütte. Wir blicken fast über das ganze Tal hinweg und genießen die letzten wärmenden Sonnenstrahlen der Saison. Ich kann noch einmal meine letzten Kräfte aktivieren und den langen Anstieg zur Hütte relativ problemlos bewältigen. Mit der Betonung auf relativ. Denn auch am letzten Tag zeigt uns Pierre erbarmungslos seine Überform. Nicht der Hauch einer Schweißperle ist zu sehen.

Was ich aus der Viertagestour gelernt habe? Ich werde nie das RAAM fahren. Ich sollte mehr am Rad trainieren. Und ich werde bestimmt wieder mit den beiden Jungs auf Tour gehen. Kick it like Beckham? No! Lieber biken mit Bischoff.


Inhaltsverzeichnis

01.08.2016
Autor: Heiko Mandl
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 11/2016