Mountainbiken in Sölden im Ötztal – Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Sölden

Zwischen Dezember und April steppt hier die Marie wie sonst nirgendwo in Tirol. Und im Sommer? Auch da drückt Sölden mächtig auf die Tube – mit liftunterstützten Biketouren, Contests – und einem unaussprechlichen Pumptrail.

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Mitch, Tobi und Frank lieben ihre Ehefrauen. Doch manchmal braucht es eine kurze Auszeit, und dann geht es ab zum Männerwochenende nach Sölden!

Die drei bilden eine eingeschworene Radsportgemeinschaft. Der eine lackiert im echten Leben Audis und designt Bike-Klamotten, der andere vercheckt Prothesen, der Dritte im Bunde jongliert mit Einsen und Nullen. Allen dreien gemein: der Hang zum Bergab-Kniffeln. Und zu Allgäuer Mädls. Was Mitch und Frank von Tobi unterscheidet: Sie stehen auf Kleidergröße 301, Tobi auf 601. Size matters.

Teäre. Was auf den ersten Hörer nach dem Lungeninhalt des Marlboromannes klingt, ist auf den zweiten ein Ötztaler Slang-Ausdruck. Nämlich für „eigenwillig“, „eigensinnig“, „stur“ — oder „seinen eigenen Weg gehen“. So gesehen beschreibt Teäre Sölden (und die drei Muskeltiere) ziemlich exakt. Das Tiroler Bergdorf geht schließlich seit jeher ziemlich stur seinen eigenen Weg.

Im Winter beispielsweise erschlossen die Söldener früh die beiden Ski-Gletscher — den Rettenbachferner und den Tiefenbachferner – durch eine abenteuerliche Asphaltstraße. Die endet erst auf über 2800 Meter Seehöhe und hält damit den Alpenrekord als höchster mit dem Auto (oder per Rennrad oder Mountainbike) anfahrbarer Punkt – vor der Cime de la Bonette in den französischen Seealpen.

Stur richten die Söldener auch jeden Oktober ihr traditionelles Ski-Weltcup-Opening aus. Selbst wenn die Schneehöhe gegen null geht. Und in puncto Après-Ski battlet sich Sölden nicht weniger traditionell seit jeher mit Ischgl und Saalbach um den feuchtfröhlichen Titel „wildeste Steppschule zwischen Becks, Spritzz und Caipi“.

Bike Republic Sölden

Aber auch im Sommer gehen die Söldener ihren eigenen Weg: mit einem eigen(willig)en touristischen Bike-Konzept. Beispiel „Ötztal Trail“. Diese einheitlich ausgeschilderte Route beginnt in Haiming auf 760 Metern Seehöhe. Dort, wo die Ötztaler Ache in den Inn mündet. Von hier zieht sich der Trail durch das längste Seitental Tirols hoch und endet nach 80 Kilometern auf der Sonnenterrasse der Langtalereckhütte. Die liegt auf 2450 Metern Höhe.

In greifbarer Nähe: die großen (wenn auch rapide schmelzenden) Gletscher der Ötztaler Alpen. Das Feine am Ötztal-Trail: Da er sich durch das ganze Tal zieht, können Biker so gut wie alle Touren mit dem Bike anfahren. Derzeit sind 41 mit 900 Kilometern Gesamtlänge offiziell ausgewiesen.

Garmischer oder Oberstdorfer, die nun meinen, die Ötztaler würden ihre Aufstiegsanlagen wie sie exklusiv dem Wandervolk überlassen, sind auf dem Holzweg. Anstatt ihre Lifte halb leer fahren zu lassen, gondeln die Söldener sowohl per Gaislachkogelbahn als auch per Giggijochbahn Mensch mit Maschine „auffi“. Und am Taleingang befördern die Bergbahnen Hochötz Biker auf 2000 Meter. Den Vogel schießt aber Obergurgl ab, wo die Bergbahnen Mountainbiker auf über 3000 Meter Höhe abladen.

Abstieg auf der Teäre-Line

Gutes Thema, schlechtes Karma: An der Gipfelstation der Gaislachkogelbahn haben Mitch, Tobi und Frank einen Sack aufgehängt. Keinen Rucksack, sondern symbolisch: ein unvollendetes Werk, das nach Vollendung schreit. Aufgehängte Säcke wollen abgehängt werden. Als die drei also frohgemut-vorfreudig frühmorgens in die Gondel ein- und auf 3058 Meter wieder auschecken wollen, heißt es: Vom vielen Niederschlag ist der Gipfeltrail teilweise weggespült worden. Also erst mal Tränen trocknen, statt den nassen Dreitausendertrail mit den Stollen zu rocken.

Die drei entscheiden also an der Mittelstation, gleich die „Teäre Line“ zu nehmen. Zur Gedankenstütze: Teäre bedeutet „eigenwillig“, „eigensinnig“, „stur“. Der Trail ist für Nicht-Ötztaler zwar aussprechlich, aber auch für Nicht-Tiroler wunderbar dünnflüssig zu fahren. Und das Bremsen ist auf den 130 Anliegerkurven eigentlich überflüssig.

Die Teäre-Line – der neueste Coup der „Bike Republic Sölden“ – ist einfach eigenwillig. Eigenwillig kurvenreich. Kursdesigner Joscha Forstreuter, ehemaliger Profi-Freerider, und Konsorten zimmerten in fünf Monaten gut zehn Dutzend Steilkurven in den Wald zwischen Mittel- und Talstation der Gaislochkogelbahnbahn. „Auf schwierige Obstacles haben wir bewusst verzichtet, Genuss und Spaß sollen im Vordergrund stehen“, sagt der mittlerweile 31-jährige Trailshaper Forstreuter. Das Ergebnis: 800 Vertikalmeter honigsanfter Sinkflug, der weder durch brachiale Bremsmanöver noch durch meterhohe Schanzen entsänftet wird.

Venter Gletschertrail

Alles, nur nicht sanft sind die Trails in Richtung Alpenhauptkamm. Das Tor zum hochalpinen Paradies zwischen der Wildspitze – dem mit 3770 Metern höchsten Berg Tirols – und dem Similaun – dem Gefrierschrank von Gletschermumie „Ötzi“ – ist Vent.

Wer per Bike in das winzige Bergsteigerdorf kommt, will vorzugsweise über die Martin-Busch-Hütte zum Niederjoch (ein 3019 Meter hohes Oxymoron) und ins Südtiroler Schnalstal crossen. Über den Ötztal-Trail und die aussichtsreiche Gaislachalm erreicht man Vent nerven- und körnerschonend. Zwei Stockwerke höher jedoch wartet ein Trail, der jedes Eis zum Schmelzen bringt: der Venter Gletschertrail. Genau das Richtige für drei Alphamännchen in extraweiten Bikeshorts.

Die schlechte Nachricht: Der Trail beginnt auf 2830 Meter Höhe. Wer von den Tabledanceschuppen Söldens da hoch will, muss 1500 Höhenmeter Asphalt schlucken. Immerhin hat die Männergruppe 200 Meter weniger über sich, weil sie im „Waldesruh“ residiert. Hier ist der Name Programm: Mehrere Holzhäuser schnuckeln sich an den Waldrand über den Dächern von Sölden – das perfekte Refugium, um nach Bergabfortbildungsmaßnahmen abends gepflegt Wunden zu lecken. Und Enzian.

Jetzt endlich die gute: Taxi Lenz schafft die 1500 Höhenmeter von Downtown Sölden zum Rettenbachferner und weiter durch den eineinhalb Kilometer langen, stockdunklen Tunnel zum Tiefenbachferner in einer Dreiviertelstunde. Unvorstellbar, dass hier in gut einem Monat die Damen Vonn, Fenninger und Maze um Stangen herumschnurren.

Gut vorstellbar aber, dass der vom Gletscher glattgeschliffene Granit für bestes Slickrock-Feeling sorgt. Dreck-Marie und XXL-Baron können hier zeigen, wer mehr Grip bietet. Der Trail führt nicht in einem Rutsch vom Skifahrerparkplatz hinab nach Vent, sondern schlängelt sich mit viel Ab, aber auch einigem Auf am Steilhang entlang bis zum Sonnenberg. Wer will, kann noch ein gutes Stück in Richtung Breslauer Hütte hochtreten.

Mitch, Tobi und Frank aber wollen runter nach Vent. Weil dort das Taxi wartet. Für einen zweiten Ritt ...


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25.06.2015
Autor: Andreas Kern
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 7/2015