Mountainbiken rund um Bludenz und im Montafon – Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Bludenz-Montafon

Langsam erwacht Vorarlberg aus seinem Dornröschenschlaf in Sachen Bike-Angebot. Schon jetzt hellwach: die Alpenregionen Bludenz und das Montafon, beides Topreviere im westlichsten Bundesland Österreichs.

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Arlberg? Klar, das ist das Ski- Mekka rund um St. Anton und Lech, wo sich die High-Snowciety im Winterhalbjahr die Sektkübel in die Hand gibt. Aber Vorarlberg? Ist das nur der Vorhof zum Paradies? Oder ist das kleine Bundesland gar nur der Wurmfortsatz von Tirol? Ganz im Gegenteil! Hier im äußersten Westen der Alpenrepublik Österreich ist alles a bisserl kleiner, beschaulicher, versteckter – aber ganz eigen.

Das fängt bei der Sprache an: „Bludats“ – so sprechen die Einheimischen Bludenz aus. Von der 14 000-Einwohner-Alpenstadt führen sternförmig Brandnertal, Klostertal, Großes Walsertal, Walgau und Montafon hinein ins Bike-Paradies.

Überhaupt hat es mit Vorarlberg sprachlich so einiges auf sich. Wenn die Locals in ihren Vorarlberger Dialekt sprechen, wähnen sich selbst Österreicher aus anderen Bundesländern wie im Ausland. Karin hebt eine Augenbraue, Ronny legt fragend den Kopf zur Seite, aber insgeheim amüsiert unser Reisegrüppchen diese innerösterreichische Geheimsprache ungemein.

Dieser eigenen, aus dem Alemannischen stammenden Sprache entspringen auch viele Namen von Bergen, Hütten und anderen geografischen Anhaltspunkten. Bezeichnungen wie „Piziguter- Grat“, „Netzmaisäß“, „Gweiljoch“, „Tschagguns“, „Kühtäli“ oder „Muttjöchle“ verweisen auf eine lange Tradition, werden schnell zum Zungenbrecher und verankern sich erst nach mehrmaliger Wiederholung im Oberstübchen.

Aber Markus Fessler-Jenny hat ein Einsehen mit uns. Der Guide vom Montafon Tourismus bemüht sich redlich, uns mit verständlichen Informationen und urigen Erzählungen rund um die Naturschauplätze der Region zu versorgen. Und davon gibt es viele, sind doch die massiven Bergformationen rund um uns herum von Ehrfurcht gebietender Geschichte umgeben. Ständig ertappen wir uns dabei, dass irgendwer aus unserer Gruppe einfach nur gedankenverloren in die Ferne starrt und erst wieder aus seinen Tagträumen geweckt werden muss, damit weitergefahren werden kann. Apropos fahren: Insgesamt stehen momentan 28 offizielle Touren in der Region Montafon und 22 in der Alpenregion Bludenz zur Auswahl. Tendenz unaufhaltsam steigend. Vor allem bei singletraillastigen Routen gibt es zwar noch Aufholbedarf, aber die Vorarlberger arbeiten voller Tatendrang daran, Schmalwege schnellstmöglich ins bestehende Netzwerk aufzunehmen.

Rein in die sagenhaft wilde Bergwelt!
Auf der Itonskopf-Tour, einer der Königstouren im Wilden Westen Austrias, merken wir vom Singletrailmangel aber wenig. Bei der Umrundung des von Hauptdolomit aufgebauten und von mächtigen Gipskörpern umlagerten Bergmassivs umzirkeln oder überfahren wir eine Wurzel nach der nächsten und einen Stein nach dem anderen– Belohnung für den langen Aufstieg auf Schotter. Eine Stärkung vor dem Singletrailtraum holten wir uns in der Alpe Latons.

Dort musste einer Sage nach ein Montafoner Hirt eines Abends spät noch Schutz suchen, um eine schwarze Kuh zu holen, die beim Abtrieb zurückgeblieben war. Er stellte die Kuh in den Stall und übernachtete auf der Pritsche. Um Mitternacht zogen die „Alpbütze“ ein – Montafoner Geister, denen nachgesagt wird, abends nach Abzug der Sennen und Hirten die Alphütten zu besetzen.
Er beobachtete, wie sie seine schwarze Kuh nach und nach verzehrten, bis er nur mehr das Fell aufgespannt an der Türe zu erkennen vermochte. Nach dem Spuk, als der Tag anbrach, fand der Hirte seine Kuh jedoch unversehrt im Stall wieder ... Schwarze Kühe gibt’s auch heute noch auf der Alpe Latons. Hier und auf anderen Alpen wird der „Montafoner Sura Kees“ gemacht. Dieser Käse hat eine Geschichte, die seit dem zwölften Jahrhundert die Talschaft prägt – womit das Montafon auf eine der ältesten Traditionen in der Käseherstellung im Alpenraum verweisen kann. Für Biker ist diese Spezialität eine Jause, die jeden Energieriegel kulinarisch um Welten schlägt und uns auch bei der letzten Singletrail-Querung vor der Abfahrt nicht quer im Magen liegt.

Auch kein Käse: Wer sich von einem offiziellen Guide vom Montafon Tourismus führen lässt, dem stehen auch zusätzliche Singletrail-Abschnitte offen, etwa vom Bartholomäberg bis hinab ins Silbertal. Grinser statt Bauchgrummeln ...

Der erste Vorarlberger Bikepark
Bei unserem Offroadtrip kreuz und quer durch die verschiedenen Täler darf natürlich auch ein Besuch in Vorarlbergs erstem vollwertigen, wenn auch recht übersichtlichen Bikepark nicht fehlen. Im Brandnertal am Bürserberg – nur einen Steinwurf von Bludenz mit seinen netten Lokalen und Gassen entfernt – fühlen sich nicht nur Bergab-Profis, sondern auch brave Tourenfahrer pudelwohl. Schließlich lässt sich die eigene Fahrtechnik am besten im kontrollierten Gelände und mit zahlreichen Wiederholungsmöglichkeiten dank Liftbetrieb üben.

Auch hier werden wir daran erinnert, dass die Vorarlberger Namenskultur bis in die Moderne aufrechterhalten werden will. Auf der leichten Flowline „Tschengla Unchained“ haben selbst Tourenbiker mit mäßigen Abfahrtsambitionen ihren Spaß – den zahlreichen Wellen, Anliegern und dem einen oder anderen kleinen Sprung zum Herantasten oder Umfahren sei Dank. Aufsteiger tummeln sich auf Northshore-artigen Stegen oder nehmen gleich mal den Trail namens „Tschäk the Ripper“ in Angriff, auf welchem mit genügend Speed ordentlich Airtime möglich wird.

Wir können auch anders: Mit der Abfahrt „Tschak Norris“ präsentiert sich hier am Bürserberg eine der anspruchsvollsten Downhill-Strecken des Landes. Oftmals feuchte Wurzelteppiche, riesige Drops, Gap-Jumps und Race-Doubles lassen Abfahrtsgurus Freudentänze veranstalten, Rookies nach Chickenways Ausschau halten. Als Ex-Weltcup-Downhiller kommt Ronny nicht mehr aus dem Schwärmen heraus und kürt die Strecke zu seinem persönlichen rot-weiß-roten Favoriten. Er dreht bis zum Betriebsschluss des Sessellifts eine Runde nach der anderen. Vielleicht auch deswegen, um den zwei Liftboys bei der Bergstation, welche die Bikes vom Sessellift heben und den ganzen Tag mit Reggae-Musik und ihrer guten Laune positive Stimmung verbreiten, möglichst oft „Hallo“ sagen zu können.

Mit Vorarlberg geht’s ständig bergab. Denn auch auf dem Singletrail auf dem Muttersberg können dank Seilbahntransport Tiefenmeter ohne Ende verschlungen werden. Stetig wird die Strecke dort ausgebaut mit dem Ziel, allen Könnerstufen perfekte Trails zu liefern – und vielleicht eines Tages dem Titel „Bikepark“ würdig zu werden.

„Uf wiederluaga“ im Wilden Westen
Früher oder später muss jeder wieder raus aus dem Paradies. Auch wir. Neben der Itonskopf- Runde, dem Muttersberg-Singletrail und dem Bikepark haben wir das Breithorn im Großen Walsertal und die Silvretta mit ihren großen Stauseen, umrahmt von famosen Bergpanoramen, kennengelernt. Nach vielen Kilometern und noch mehr Eindrücken sind die Beine müde, aber der Entdeckungsdrang noch längst nicht befriedigt.

Es gäbe noch so viele Wege zu erkunden, Berge zu umrunden und lässige Unterhaltungsmöglichkeiten nach der Biketour auszuprobieren! Hunderten Sagen könnten wir noch lauschen und mit den neu gewonnenen Freunden ein ums andere Mal den Berg hinunterheizen. An der Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Vorarlberger soll es nicht scheitern, auch wenn wir sie das eine oder andere Mal nicht aufs erste Mal verstehen ...

Im Sinne unserer geringfügig erweiterten Sprachkenntnisse hoffen wir einstimmig auf ein baldiges Wiedersehen. Spätestens dann kommen wir wieder, wenn die Alpbütze die Alphütten nach dem Winter verlassen haben und wie geplant weitere Singletrails in diesem kleinen und feinen Bike-Bundesland eröffnet werden.


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01.05.2016
Autor: Ralf Hauser
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 08/2016