Mountainbiken im Val Pellice im Piemont – Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Val Pellice

Im Val Pellice gibt es alles, wovon Mountainbiker träumen: hohe Berge, wildeste Singletrails, urige Almen und feines Essen. Doch all das will in diesem gottverlassenen Tal im äußersten Westen Italiens mit viel Kondition und Fahrtechnik erkämpft werden.

Lesen Sie in diesem Artikel:


Fotostrecke: Mountainbiken im Val Pellice im Piemont – die schönsten Bilder

12 Bilder
MountainBIKE Piemont Valle Pellice Foto: Klaus Fengler
MountainBIKE Piemont Valle Pellice Foto: Klaus Fengler
MountainBIKE Piemont Valle Pellice Foto: Klaus Fengler

Aha, so sehen also Leute aus, die Bike-Führer schreiben. Mauro Canale ist ein Athlet wie geschnitzt. Nicht mal in seiner hautengen, mit Werbeaufdrucken übersäten Radkluft offenbart der Zweimetermann überflüssiges Gewebe. Und Co-Autorin und Lebensgefährtin Raffaella Canonico müsste mit makelloser Figur und schwarzen Locken Model sein, nicht Geologin.

An der Hauswand lehnen federleichte 29-Zoll-Carbon-Hardtails. Und zack, schon ist es da, das Vorurteil: Konditionsgebolze auf breiten Fahrwegen – erwartet uns das mit den beiden im Val Pellice im Piemont? Von wegen! Okay, die steile 1000-Höhenmeter-Auffahrt von Villanova zur Alpe Bancet wird auf breitem Fahrweg absolviert. Und zwar flott. Sehr flott. Es sind noch zwei Einheimische dabei, Maria-Luisa und Axel, sie ziehen ebenfalls durch. Oben umziehen? Protektoren? Sattel tiefer stellen? Das haben die Einheimischen nicht nötig. Irgendwie scheinen hier alle hart im Nehmen zu sein …

Aha, so fährt also jemand, der Bike-Führer schreibt! „Respekt“, pustet Markus, als er Mauro hinterherblickt. Wer hätte gedacht, dass der Athlet im Renn-Outfit sein Hardtail dermaßen gekonnt um die engen Serpentinen zirkelt? Und das, obwohl der Hang steil und ausgesetzt ist. Ein Sturz wäre hier gleichbedeutend mit: Absturz. Konzentriert gehen wir zur Sache. In so mancher Kurve muss das Hinterrad umgesetzt werden. Also, Luft anhalten, der Hecklift erfordert angesichts des beachtlichen Tiefblicks ganz schön Mut. Später dürfen die Räder aber wieder schneller rollen. Und dann ist es passiert!

Loch übersehen, Vorderrad abgetaucht – klassischer Überschlag. Glücklicherweise bin ich mitten in der Almwiese gelandet und nach einer kleinen Verschnaufpause wieder am Start.

Festmahl auf der Hütte

Jetzt sehen wir sie davonlaufen, die Murmeltiere. Das Loch im Weg war der Eingang eines Baus. Kurz unterhalb entdecken wir das Dach der Alpe Crosenna. Senner Giovanni empfängt uns freudig vor seiner Hütte. Wir hatten tags zuvor angerufen und uns zum Mittagessen angemeldet. So einfach seine Behausung und seine Küche ist – der Senner tischt uns in mehreren Gängen ein wahres Festessen auf! Selbstgemachte Salami, frischer Weichkäse mit Heidelbeermarmelade und Honig, Rotwein, Filets mit Kräutern, Pudding, Espresso ...

Aha, so schmeckt das also, wenn man mit jemand unterwegs ist, der Bike-Führer schreibt! Zumindest hier im Val Pellice im Piemont. Essen gehört hier zur Lebensart, hat einen hohen Stellenwert. Und eben nicht nur in edlen Restaurants oder bei beleibten, unsportlichen Menschen. So durchtrainiert und ambitioniert Mauro und Raffaella sind – das Essen genießen sie sichtlich. Danach liegen wir alle gemeinsam in der Sonne und genießen den Blick auf die Almidylle: Kühe, Schweine, Hühner und
Hütehunde laufen frei herum. Die Hirten, die in der Hütte nebenan wohnen, baden ihr Kleinkind gerade im Wassertrog. Hinten im Gebäude, in dem nicht mal mannshohen Raum mit dem Boden aus gestampfter Erde, lagern in den rohen Regalen die Käselaibe, quasi die Ernte des Sommers. Unsere verschwitzten Radschuhe liegen zum Trocknen auf dem Hausdach, Raffaella hat sogar Flip-Flops dabei, damit sie die Pause besser genießen kann.

Doch irgendwann erinnert uns Maria-Luisa, dass wir weiter müssen. Gar nicht so leicht, so satt und entspannt, wie wir sind. Sollten wir nicht gleich besser auf der Alm übernachten? Aber gut. Kaum haben wir das Almgelände verlassen, bereuen wir unseren Aufbruch nicht mehr. Denn der Weiterweg ist wieder ein Singletrail vom Feinsten. Vorbei am Wasserfall versuchen wir uns an drei, vier ganz engen Spitzkehren. Dann führt der gemauerte Pfad spektakulär am Fels entlang. Raffaella lächelt und schiebt über einen Felsblock – das ist ihr dann doch zu riskant. Erfüllt von dem erlebnisreichen Tag sinken wir abends in die Kissen und sind gern bereit, uns die nächsten Tage weiter überraschen zu lassen von unseren piemontesischen Freunden.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Und wirklich – es gelingt ihnen täglich! Zum Beispiel mit der Tour über den Colle della Croce – da sind mal satte drei Stunden Schieben und Tragen angesagt. Diese Runde ließe sich locker unter der Kategorie „Bike-Bergsteigen“ ablegen. Mauro freilich sagt dieses neudeutsche Mountainbikerlatein herzlich wenig. Denn auch wenn es hier im Piemont eine ganze Reihe sehr guter Mountainbiker gibt – man ist hier doch Lichtjahre weit entfernt von allem, was nach „Szene“ riecht.

Val Pellice. In diesem einsamen Bergtal im westlichen Hinterland von Turin gibt es keine Lifte, kaum Tourismus, noch weniger Hektik – aber eben viele, viele steile Fahrwege und urige Almen. Und so versteckt sich hier ein kleines Paradies für Biker – allerdings eines, das hart erarbeitet werden will. Auf den Touren erinnern wir uns irgendwie ständig an die Geschichte vom Schlaraffenland: Erst muss sich der Protagonist durch den Grießbrei essen – danach erst warten die Leckereien. Im Val Pellice
ist die Wand aus Grießbrei meist ein extrem steiler, rumpeliger Karrenweg, auf dem sich die Mountainbiker hart nach oben kämpfen müssen.

Steil nach oben zum Rifugio Barfè

Zum Beispiel bei der Tour zum Rifugio Barfè. Hier haben wir bei der Auffahrt die Wahl der Qual: lieber steil bergauf oder doch lieber supersteil? Klar, Mauro und Raffaella macht Letzteres herzlich wenig aus. Mit der Zeit verraten sie uns aber immer mehr Geheimnisse. Und da wird uns klar, mit welchen Kalibern wir hier unterwegs sind: Mauro hat schon zehn Mal beim hiesigen Extrem-Etappenrennen „Ironbike“ teilgenommen. Dabei ist es für ihn schon üblich, unter den Top Ten zu landen. Einmal im Jahr organisiert er ein Uphill-Rennen, das „Cronoscalata del Barbara“. Dieses hat Raffaella schon zwei Mal gewonnen. Eher schüchtern verrät sie, dass sie letztes Jahr einen Berglauf organisiert hat: den „Tre Rifugi Val Pellice Trail“ mit 2220 Höhenmetern. Wer den wohl gewonnen hat?

Aber auch ihre weniger ambitionierte Freundin Carola kommt mit hinauf zum Rifugio Barfè. Die krass steile, lose Schotterrampe muss sie zwar schieben, aber gejammert wird nicht! Nach einem – natürlich wieder opulenten – Mittagsmahl nimmt sie nicht den Fahrweg, sondern stürzt sich beherzt in den Singletrail. Auf dem Wiesenweg am Steinmäuerchen entlang lassen wir die Bikes fröhlich rennen wie die Ponys, die im Frühling wieder auf die Weide dürfen. Dann wird es aber wieder knifflig, und volle Konzentration ist gefragt. Felsige Stufen, enge Kurven, lose Steine, eisig glattes Bachbett – alles ist dabei. Carola bezahlt einen missglückten Versuch an einer Wurzelpassage mit einem blutigen Knie – was ihrer Freude allerdings keinerlei Abbruch tut.

Aha, also so ist das hier in diesem versteckten Paradies. Das aber nichts für zarte Gemüter ist.


Inhaltsverzeichnis

02.08.2014
Autor: Verena Stitzinger
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 11/2014