Mountainbiken im Val di Fiemme – Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Val di Fiemme

Wenn der Hochsommer vorbei ist, locken das Val di Fiemme und seine Nachbarn dies- und jenseits der Lagoraigruppe Biker mit wandererleeren Wegen, stabilem Herbstwetter mit glasklarer Bergluft – und furiosem Breitband-Panorama hinauf zu den Dolomitenzacken.

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Val di Fiemme Mountainbike Reisetipps Foto: Heiko Mandl
Val di Fiemme Mountainbike Reisetipps Foto: Heiko Mandl
Val di Fiemme Mountainbike Reisetipps Foto: Heiko Mandl

Die Palagruppe hat beides zu bieten: Genick- und Kieferstarre-Garantie. Mit sperrangelweit offenem Mund stehen wir vor den Zinnen und Türmen dieses Gebirges im Osten des Trentino und starren nach oben. Mehrere hundert Meter über uns ziehen sich die grauen Wände in den Himmel.

Unten noch mit Schotterhalden verziert, weiter oben dann immer schroffer, schier endlos weit entfernt dann in spitzen Gipfeln endend. Dieses Bild kannten wir alle drei bisher nur aus dem Katalog. Unverkennbar: Dolomiten. Weltweit bekannt und von uns aus gleich ums Eck. Trotzdem hat es keiner von uns je hierher geschafft. Eine echte Bildungslücke! Im Oktober ist es dann endlich so weit.

Petra hat ihre Weltcup-Saison abgeschlossen, und auch Angie nimmt sich Zeit, um noch einmal mit auf einen Wochenendtrip zu gehen. „Lass uns doch Richtung Süden fahren“, hatte mir Angie noch geschrieben. Gute Idee, denn südlich des Alpenhauptkamms können Biker die Herbstsaison noch um ein paar Wochen verlängern. „Dolomiten!!!“ schrieb Petra über Facebook. Drei Ausrufezeichen machen jegliche Argumentation überflüssig.

So stehen wir jetzt vor der Cimon della Pala, einem der Wahrzeichen der Dolomiten. „Wahnsinn, jetzt sind wir schon auf 2200 Metern, und die Gipfel liegen noch immer so weit über unseren Köpfen“, murmelt Petra sich selbst zu. Egal, wir haben ganz andere Ziele: den richtigen Trail bergab finden! Im unbekannten Osten des Trentino nicht so einfach. Dabei ist die Palagruppe nur ein kleiner Teil der Dolomiten.

Weiter nordwestlich liegt das Latemargebirge, unter Kletterfreaks, Wanderern und Bikern noch bekannter und beliebter als die Palagruppe. Auch dieser Felsgruppe werden wir noch einen Besuch abstatten. So hat es uns Diego versprochen. Nicht Maradonna, sondern Mountainbike-Guide. Gestartet sind wir heute früh in Paneveggio. Um diese Jahreszeit ist es hier im Val di Fiemme beschaulich ruhig. Die Sommergäste haben die Täler längst verlassen, und der Winter steht zwar schon vor der Tür, es wird aber noch ein paar Wochen dauern, bis die Ski ausgepackt werden.

Die Region ist bekannt für den nordischen Skisport, drei Mal wurden hier bereits Weltmeisterschaften ausgetragen – jede Loipe perfekt präpariert, der Anstieg zur Alpe Cermis seit der „Tour de Ski“ legendär. Für uns Biker hat Ost-Trentino aber auch einige harte, aber wunderschöne Nüsse zu bieten. Das beweist schon die erste Runde durch das Val Venegia.

Diese Abfahrt ist mehr Kampf als Fahrt. Nach der langen Auffahrt über unendlich viele Serpentinen – ich habe bei Nummer 20 aufgehört zu zählen – schwinden langsam die Kräfte. Die 150 Millimeter Federweg an meinem Fully werden bis zum Anschlag beansprucht. Für Fotografen mit schwerer Nutzlast nur ein schwacher Trost: Die Touren hier sind besonders für Enduro-Fahrer sehr reizvoll.

Man kann mit dem Lift einige Uphills abkürzen und somit in kürzester Zeit viele Tiefenmeter vernichten. Jetzt aber kann ich mir nicht vorstellen, so schnell wieder auf das Bike zu steigen. Ich werde immer wieder von den felsigen Trailpassagen abgeworfen. Anfangs schmerzten nur die Beine, langsam, aber sicher dehnt sich der Schmerz auch auf die Arme aus. Kein Wunder, bei der Bremsleistung, die meine Unterarme bewältigen! Vor mir fahren Angie und Petra die Trails bergab wie auf rosa Wölkchen. Ich höre nur Wortfetzen à la „cool“ und „supergeil“, die zu mir nach hinten fliegen.

Das Tal, das wir Richtung Westen durchfahren, wird langsam flacher, und auch der Trail lässt langsam Gnade vor Recht ergehen. Wir überqueren Schotterreißen und durchfahren kleine Bäche. Jetzt kommt der Spaß auch zu mir zurück und der Schmerz macht eine Pause. Immer schneller lassen wir unsere Bikes über die Schotterpisten fliegen und auch mir entfährt mal ein Freudenschrei. Wenn man sich das Biker-Paradies aussuchen könnte, ich würde die Val-Venegia-Runde nehmen.

Schließlich kommen wir wieder an der Straße an, wo wir uns vor ein paar Stunden hochgequält haben. „Wollt ihr noch einen kleinen Waldtrail fahren?“ fragt uns Diego. Die Antwort ist so klar wie der Gebirgssee, den wir vorher noch passiert haben. Für eine Downhill-Fahrerin, eine Freeriderin und einen bergab-affinen Fotografen ist jeder Trail, den man auslässt, eine Todsünde.

So fahren wir weiter bergab Richtung Stausee. Mittlerweile steht die Sonne im Zenit, und selbst jetzt im Oktober wärmt die Kraft der Sonnenstrahlen die Trentiner Bergwelt spürbar. Nach ein paar Minuten kommen wir zum Stausee. Um diese Jahreszeit ist der Speicher halb leer, und die Ufer sind mit Schlamm bedeckt. „Im Sommer sieht es hier viel freundlicher aus“, erklärt uns Diego. Zeit, den Ort zu wechseln.

Nachdem der Tag noch lange ist, beschließen wir, eine zweite, kleine Runde zu starten. Normalerweise kann man bis weit in den Herbst hinein auch als Mountainbiker die Lifte benützen. Wir sind aber leider etwas zu spät hier, alle Liftanlagen stehen still und warten auf den Wintereinsatz. Das kann uns aber egal sein. Diego kennt die Region wie seine Westentasche. „Wir können mit dem Auto über das Lavazèjoch bis an die Latemargruppe fahren und dort noch eine kleine Runde drehen“, schlägt er uns vor.

Klingt doch gut, und da wir für die kurze Zeit sonst nicht viele Alternativen haben, fahren wir zu dem bekannten Gebirgsstock. Mittlerweile hat sich Nebel im Tal breitgemacht, und wir zweifeln langsam, ob wir die Felswände des Latemar heute noch zu Gesicht bekommen werden. „Ab hier müssen wir mit dem Mountainbike weiter“, sagt Diego. Plötzlich schwindet unsere Motivation.

Im Nebel – man kann kaum noch die Hand vor Augen erkennen – wäre unser Trailride spaßfrei. „Wartet ab“, baut uns Diego auf. Wir wissen nicht, weshalb, aber wir vertrauen unserem Guide einfach. Nach einer halben Stunde wird der Nebel wie von Geisterhand heller und heller, und die Sonne kommt hinter den Nebelschwaden hervor. Eine Serpentine weiter wissen wir dann auch, was Diego mit seinem Schmunzeln andeutete. Vor uns tut sich das Nebelmeer auf, und dazwischen ragen die Gipfel der Dolomiten in den blauen Himmel. Die Sonne orientiert sich auch schon Richtung Horizont und leuchtet das Herbstlaub in den warmen Farben an. Sagenhaft!

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein! Das Lied vom Reinhard Mey beschreibt wohl am besten die Stimmung, die wir gerade erleben dürfen. „Na, habe ich euch zu viel versprochen?“ fragt Diego. Hat er nicht. Wir ziehen wortlos unsere Protektoren an und starten Richtung Wolkenbett unter uns. Diese letzte Abfahrt der Saison ist wohl auch die schönste.

Der Trail schlängelt sich über die Wiesen hinein in einen Wald, der in allen Farben in der Abendsonne leuchtet, zu hören ist nur der Freilauf am Hinterrad und das Brummen der Reifen. Nur manchmal stört ein Bremsgeräusch die Stille. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Während wir diese einzigartige Stimmung in uns aufsaugen, wird uns ganz intensiv bewusst, warum wir das Biken und die Natur so sehr lieben. Es ist einer dieser magischen Momente, den es für kein Geld der Welt zu kaufen gibt.


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30.10.2014
Autor: Heiko Mandl
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2014