Mountainbiken an der Ostküste Sardiniens – Infos, Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Sardinien

Ein Segen für Biker: Die Provinz Ogliastro konnte sich abseits der Massentourismusströme ihren Charakter erhalten und bietet einen abwechslungsreichen Mix aus Mare e Monte.

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MountainBIKE Sardinien Foto: Wolfgang Ehn
MountainBIKE Sardinien Foto: Wolfgang Ehn
MountainBIKE Sardinien Foto: Wolfgang Ehn

Einen besseren Platz gibt‘s nicht. Hier, auf dem Gipfel des Monte Idolo, 1241 Meter über dem Mittelmeer, hat er alles perfekt im Blick. Wie es sich für einen Hüter am Tor zum Paradies gehört.

Der überdimensionale, steinerne San Michele Arcangeli – jener Erzengel, der als Teufelsbezwinger und Hüter des Paradies-Tores bekannt ist – blickt von seinem Aussichtspodest über die tiefgrünen Hügel der Ogliastra zum Meer, wo die Hafenstadt Tortolì am Fuße eines pyramidenförmigen Hügels im weichen Abendlicht leuchtet.

Wir sind sicher nicht die ersten Biker, die zur Statue des Erzengels Michael hochgekurbelt sind. Schließlich ist der Monte Idolo hoch über dem sardischen Bergdorf Arzana mit seiner teils steilen, aber bestens zu fahrenden Auffahrt einfach zu schön, um ihn als Mountainbiker links liegen zu lassen. Und dann erst die Vorfreude auf die Aussicht auf den „Parco Nazionale Golfo di Orosei e Gennargentu“ und auf die paradiesischen Trails, die sich von hier oben durch den Wald hinabwinden sollen!

Was Traildichte und Abenteuerfaktor betrifft, braucht sich Sardinien im Vergleich zu anderen Mountainbike-Spots nicht verstecken. Das Problem dabei: Man muss die Trails finden! Und fast noch wichtiger fürs eigene Wohlergehen: Man muss von den Trails auch wieder zurück in die Zivilisation kommen!

Denn im Herzen der mit 24 000 Quadratkilometern zweitgrößten Insel des Mittelmeers (nur Sizilien ist größer), gibt es im Nationalpark „Golfo di Orosei e Gennargentu“ noch Gegenden, „in denen man tagelang unterwegs sein kann, ohne auf ein Zeichen menschlichen Daseins zu treffen“. Das sagt nicht Wikipedia, sondern Elvio Caredda. Er lebt in dem kleinen Bergdorf Seui am südlichen Fuße des Gennargentu und betreibt unter anderem eine Bike-Verleihstation.

Ein weiterer Hemmschuh: Die Mischung aus miesen topografischen Karten und nicht vorhandener Bikeführer-Literatur dürfte für Mountainbiker in den letzten Jahren das größte Hindernis gewesen sein, Sardinien auf Stollenreifen zu erkunden. Abhilfe verspricht der nagelneue „Bike Guide Sardinien“ vom Bergverlag Rother. Mit 46 Touren inklusive GPS-Daten stellt er die lohnendsten Routen im Süden und östlichen mittleren Teil vor. Der Norden Sardiniens ist mit drei Touren vertreten.

Eine der Routen im östlichen mittleren Teil Sardiniens, in der Provinz Ogliastra, hatten wir am Vortag in Angriff genommen. Vom Gipfel des Monte Idolo können wir sie im Osten etwas nördlich der Provinzhauptstadt Tortolì heute noch erahnen. Sie hatte uns von dem Küstenstädtchen Wer im Gennargentu-Gebirge unterwegs ist, braucht keine Trinkblase.

Unterwegs warten viele Quellen mit frischem Quellwasser. Santa Maria Navarrese über Baunei hinauf auf die Golgo-Hochebene geführt. Ebene darf dabei allerdings nicht falsch interpretiert werden. Auf dem etwa 400 Meter über dem Meer gelegenen Plateau, das von den hellen Dolomitbergen des Supramonte-Gebirges gesäumt wird, geht es nämlich alles andere als eben zu. Auch wenn einen das die bis zu 400 Meter hohen Steilklippen, die die Ebene zum Meer hin abschotten, aus Bootsperspektive glauben machen wollen.

Einige der schönsten Badebuchten Sardiniens, wie die „Cala Goloritzè“ mit ihrer berühmten Felsnadel und dem karibikähnlichen türkisblauen Meer, verstecken sich hier. Manche sind nur vom Wasser aus zu erreichen, andere auch über kleine Wanderpfade.

Mountainbiker empfängt der „Altopiano del Golgo“ mit einer typisch mediterranen Karstlandschaft. Unsere Reifen hatten sich knirschend einen Weg durch den Schotter gesucht. Macchiabüsche, Kiefern, Wacholder- und Erdbeerbäume waren unsere Begleiter, ehe wir am „Su Sterru“ anlangten. Su Sterru bedeutet auf Sardisch so viel wie Schlund.

Und wie ein Schlund – oder wie ein natürliches Brunnenloch – sieht sie auch aus, diese fast 300 Meter senkrecht in die Tiefe führende Höhle, die in ihrem Mittelteil bis zu 25 Meter breit ist. Sie zählt nicht nur zu den tiefsten Grotten Sardiniens, sondern ist eine der ungewöhnlichsten Karsthöhlen Europas.

Der landschaft liche Kontrast zu unserer heutigen Tour auf den Monte Idolo hätte größer nicht sein können. Gestern das gleißende Meer im Sonnenlicht, freundlich helle Kalkfelsen, Eidechsen und blumig-würziger Macchiaduft gemischt mit herber Meeresluft, heute tiefdunkler Wald, eilig weghoppelnde Hasen, Aussichten auf Tafelberge und Brandschneisen, die wie Skipisten die Berghänge herabziehen, sowie trocken erdiger Untergrund gemixt mit Betonplatten und Asphalt. Sardinien hat viele Gesichter.

Genau diese Kontraste sind es, die Sardinien so interessant für Mountainbiker machen. Ist es an der Küste im Sommer viel zu heiß, um an sportliche Betätigung überhaupt nur zu denken, wählt man eine Tour in den bis zu 1800 Meter hohen Bergen des Gennargentu-Gebirges im Hinterland.

Möchte man Biken mit Baden verbinden und zusätzlich liebliches, mediterranes Flair genießen, ist man in Meeresnähe am besten aufgehoben. Was diese landschaftlichen Gegensätze auf engstem Raum immer wieder vereint, ist die uralte Geschichte der Mittelmeerinsel, besser gesagt: ihre steinernen Zeitzeugen.

Auf sie trifft man überall auf Sardinien. Zum Beispiel auf die Nuraghen, massive Wehrtürme, die während der Bronzezeit ab dem 18. Jahrhundert vor Christus von der Kultur der Nuragher auf der Insel errichtet wurden. Bis heute geben diese Festungstürme Rätsel auf. Siebenbis zehntausend soll es einst gegeben haben. Über dreitausend existieren heute noch.

Andere Beispiele sind die Gigantengräber, Kultsteine und Menhire, die auf Kulturen lange vor den Nuraghern schließen lassen. Einen dieser Menhire haben wir auf der Altopiano-del-Golgo-Runde kennengelernt. Einsam steht er vor der kleinen Wallfahrtskirche San Pietro. Es ist der einzige Baityloi – also Kultstein – Sardiniens mit einem menschlichen Gesicht.

Nicht nur unsere gestrige Tour oberhalb des Meers können wir vom Monte Idolo aus erahnen. Im Südwesten ist auch die „Perda Liana“, das Ziel unserer ersten Mountainbiketour, gut sichtbar. Wären die Berghänge ringsum nicht so sattgrün und der felsige Gipfel rot statt grau, könnte dieser merkwürdige Tafelberg glatt als die sardische Version eines „Butte“ im Monument Valley durchgehen.

Wir sind spät dran. Zu spät sogar. Vor lauter Aussichts- und Sonnenuntergangsgenuss ist es für die ursprünglich geplante Trailabfahrt schon viel zu dunkel. Aber wer sagt denn, dass man unbedingt durchs Paradies-Tor schreiten muss, wenn man es vor sich hat? Das heben wir uns fürs nächste Mal auf. Der Erzengel Michael wird dann sicher noch da sein.


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02.01.2014
Autor: Mirjam Hempel
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 02/2014