Mountainbiken rund um den Latemar – Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Eggental-Latemar

Zwergenkönige, Wassernixen, Puppen aus Stein: Die Gegend rund um Rosengarten, Karersee und Latemar ist sagenhaft! Genauso wie die Dolomiten-Touren, die im südöstlichen Zipfel Südtirols, dem Eggental, starten.

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MB 0716 Eggental Foto: Andreas Kern
MB 0716 Eggental Foto: Andreas Kern
MB 0716 Eggental Foto: Andreas Kern

Wer von Welschnofen hinauf zum Latemar schaut, der sieht sie vielleicht: die Puppenkanzel. Der Sage nach kam einst von dort oben ein alter Mann daher und erzählte ein paar Bergbauernkindern, die am Karersee das Vieh hüteten, er habe sein goldenes Messer verloren. Ein Mädchen namens Minega fand es in einer Blumenwiese, lief dem Fremden hinterher und gab es ihm zurück. Als Dank wollte der Unbekannte der Finderin einen Wunsch erfüllen. Sie wünschte sich eine Puppe. „Komm morgen hierher und ich führe dir eine Schar Puppen vor. Die Schönste kannst du dir aussuchen. Jetzt aber schnell nach Hause! Es dämmert und die Geröllhexen kommen von den Mugoni herab.“

Der Latemar. Hier im wilden Westen der Dolomiten sehen die Berge nicht nur so aus, sondern sind es auch: männlich. Der Schlern. Der Rosengarten. Der Latemar. Anders als der Rosengarten auf der anderen Seite des Karerpasses leidet der an einer chronischen – also schon mehrere Millionen Jahre andauernden – Magnesiumunterversorgung. Die Folge: unermessliche Schutthalden unter hohen Felstürmen. Und Steinschlag.

Auch hierzu erzählen sich die Ladiner so manche Sagen: Über dem sogenannten „Geplänk“ oberhalb des Karersees soll seit Urzeiten der „Geplänkmaurer“ leben. Der baut inmitten der Felstürme an seiner Mauer, die aber immer wieder einstürzt und ihre Steinlawinen hinab zum Karersee schickt. Wehe, wer ihm zu nahe kommt!

Der Karersee. Mountainbiker kurbeln auf ihrer Runde um den Latemar durch den Latemarwald, einen der schönsten Fichtenwälder Europas mit 300 Jahre alten Baumriesen. Wer dann urplötzlich am Ufer des Bergsees steht, spürt augenblicklich die Kraft, die von diesem tiefgründig-magischen Ort ausgeht. Warum die Ladiner ihn „Lec de ergobando“, den Regenbogensee, nennen? Schuld trägt eine Nixe, die einst in den Tiefen des Karersees lebte. Der Hexenmeister von Masaré wollte die wunderschöne Wasserjungfrau entführen. Sein fieser Plan: Er wollte sich als Juwelenhändler verkleiden und vom Rosengarten bis zum Latemar einen Regenbogen aus Edelsteinen spannen, der die Nixe anlocken sollte. Der Hexenmeister vergaß im Liebesrausch aber, sich zu verkleiden. Die Wasserfee erkannte den Trick, tauchte im Karersee unter und ward nie wieder gesehen. Der Hexer riss daraufhin vor Zorn den Regenbogen vom Himmel und warf alle edelsteinernen Regenbogenstücke in den Karersee. Daher schimmert er heute in den prächtigsten Farben, der „Lec de ergobando“, der Regenbogensee.

Latemar: an nur einem Tag außen herum
Rund um den Latemar. So unergründlich der Karersee und so unerschöpflich die Sagen rund um den Latemar, so überraschend geheimnislos ist der Weg rund um den 2800 Meter hohen Koloss zwischen dem Südtiroler Eggental und dem Trentiner Fassatal. Selbst Bergradlnovizen oder Familien mit mountainbikebegeisterten Kindern kommen locker in einem Tag um den Latemar. Möglich macht’s die Seilbahn in Predazzo. Die sammelt in wenigen Minuten satte 1100 Höhenmeter und liftet am Ende eines langen Tourentages Mensch und Maschine hinauf auf den Passo Feudo. Hier auf fast 2200 Metern Höhe liegt einem ein kleines Paradies zu Füßen: das Eggental.Seine bunt auf den Blumenwiesen verstreuten Bergdörfer Deutsch- und Welschnofen, Obereggen, Steinegg und Tiers sind die Abenteuerspielplätze im Obergeschoss von Bozen.

Keine halbe Autostunde über den Dächern der Südtiroler Hauptstadt fühlt man sich wie in einer anderen Welt. Einer Welt aus sattem Grün, aus dem bizarre Burgen in den tiefblauen Himmel emporstreben. Der Rundumblick oben am Karerpass, dem ersten Höhepunkt der Latemarumrundung, ist unvergleichlich: Im Genickstarrenwinkel wächst der Rosengarten – den König Laurin vor Wut in Stein verwandelt hat – senkrecht hoch, gegenüber der nicht minder spektakuläre Latemar. Und im Norden bricht der Schlern quasi senkrecht ins Eisacktal ab. Hier auf dem gigantischen Hochplateau versammelten sich in urzeitigen Gewitternächten die Schlernhexen, um magischen Unfug zu treiben. Etwa in der Art: Wer seine Federgabel in einen Presslufthammer verhexen will, dem sei der „Knüppelsteig“ vom Schlern nach Völs heißestens empfohlen.

Wie das Land, so die Biker: echt (und) nett
Wir aber wollen keinen Hexen-, sondern den Latemar- Kreis schließen. Nicht auf der einfachen Familienvariante auf Forstwegen, sondern auf schmalen, aber selten schwierigen Wegen. Wir, das sind Dieter, Bikeguide und Postbote, dann Michaela, Bikehotels-Südtirol-Chefin und Liteville- Liebhaberin sowie Gerhard, Küchenchef und Bike-Tausendsassa. Den Gerhard kennt die Bike-Welt als den „Krauti“. Der ist kein Eggentaler Einheimischer, sondern ein „Zweiheimischer“ aus der „Buckligen Welt“ in Niederösterreich, den die Liebe ins Eggental getrieben hat: die Liebe zu Beate. Die Liebe zum professionellen Kochlöffelschwingen. Und die Liebe zum Biken.

Und Biken kann man im Eggental sagenhaft! Wenn anderswo in den Alpen der Osterhase seine Eier noch im Schnee sucht, sitzt ein anderer Eggentaler, der Resch Kurt drüben in Steinegg, mit seinen Hotelgästen schon längst im Sattel. Im höher gelegenen Welschnofen beginnt die Saison dann etwas später im Mai. Die sanften Höhepunkte Nigerpass, Karerpass und Jochgrimm empfangen Mountainbiker dafür bis spät in den goldenen Oktober hinein.

Jochgrimm. Dieser knapp 2000 Meter hohe Pass ist ein beliebtes Ziel vieler Biker – der einfachen Auffahrt und der grandiosen Rundumschau sei Dank. Der Übergang ist eingezwickt zwischen zwei ungleichen Zwillingen: dem Weißhorn und dem Schwarzhorn. Wie der Name schon sagt, das eine besteht aus weißem Sarldolomit, das andere aus dunklem Bozener Quarzporphyr. Im Westen der genetisch mutierten Zwillinge schneidet der Bletterbach-Canyon eine tiefe Kerbe in den Südtiroler Bergwald. Im Osten thront der Latemar. Mit seiner „Puppenkanzel“ ...

Mittendrin im Sagenreich des Latemar
Auf der Flucht vor der Nacht und den Geröllhexen traf das Hirtenmädchen Minega eine fremde Frau und erzählte ihr vom wiedergefundenen Messer und den Puppen. „Oh du Glückskind“, sagte die Fremde, „der alte Venediger ist ein steinreicher Mann, der oben am Latemar wunderbare Schätze hortet. Er hat auch zweierlei Puppen: die einen tragen bunte Kleider, die anderen jedoch brokatene Gewänder mit allerlei Perlen und goldenen Kronen. Wenn der Geizhals dir also morgen nur die billigen Puppen zeigt, dann sprich: „Puppen von Stein mit seidenen Fetzen, bleibt dort und schaut euch den Latemar an!“

Als Minega anderntags auf den Latemar stieg, öffnete sich ein schweres Tor am Himmel, aus dem ein endloser Zug von Puppen hervorkam. Mit weißen, gelben und roten Kleidern. Minega sagte ihren Spruch auf, und zugleich hörte man ein Pfeifen und Sausen durch den Berg ziehen, und die Puppen wurden zu Stein. Wer von Welschnofen hinauf zum Latemar schaut, der sieht sie vielleicht: die farbigen Seidenkleider ...


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01.05.2016
Autor: Andreas Kern
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 07/2016