Mountainbiken rund um Brixen in Südtirol – Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Brixen

Ob sich Großbritannien mit dem Ausstieg aus der EU einen Gefallen getan hat, muss sich noch zeigen. Was aber jetzt schon sicher ist: Biker, die nach Brixen fahren, schaffen hier ohne Nebenwirkungen den Ausstieg aus dem Alltag. Im Lieblingsrevier unseres Reiseredakteurs.

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Brixen ohne Plose ist wie Kurbel ohne Pedal. Untretbar. Wer auf der Autostrada del Brennero kurz hinter der morbiden Weltkriegsfestung „Franzensfeste“ – ich frage mich jedes Mal aufs Neue, ob hier vielleicht noch Mussolinis Goldreserven auf meinen Metalldetektor und mich warten? – mit 120 Sachen um die Ecke kommt, dem zeigt die Plose stolz ihre breite Brust: Fast 2000 Meter über den Laubengassen endet Brixens Hausberg in einer flachen, von einer Berghütte und einer Kohorte hässlicher Antennen verhunzten Kuppe. Zugegeben: Es gibt bedeutend hübschere Gestalten als die Plose, aber keine, deren Eroberung brennender juckt. Vor allem in den Waden.

Plose, die Alleinherrscherin über Brixen
1927 Höhenmeter zwischen Tal und Gipfel? Und jeder Meter bergauf fahrbar? Dieser Uphill sucht – zumindest in den Ostalpen – seinesgleichen. Na gut, zwischen Gardasee-Ufer und Altissimo liegen noch ein paar mehr Vertikalmeter, aber ohne Absteigen fährt keiner von Torbole hoch. Die Spaßwertung geht eindeutig an die Plose.

Apropos: Alex Angerer steht voll auf Spaßwertungen. Einst organisierte der Brixner die Luftmatratzen- Weltmeisterschaft, anno 2004 nahm er mit seinem Kumpel Alex Resch dann die fast zwei Kilometer Höhenunterschied zum Anlass, ein Abfahrtsrennen unter Freunden namens „CAIDom“ zu organisieren. Start war an der CAIHütte (CAI bedeutet: Club Alpino Italiano) auf 2446 Meter Höhe. Gut zwanzig Minuten später rauschten die ersten am Dom zu Brixen ein. Fünf Jahre später gaben sich 200 Fahrer, inklusive DHProfis wie Remy Absalon und Marcus Klausmann, die Ehre. Auch andersrum, als Uphill vom Dom zur Hütte, wurde die Plose damals bezwungen. Von den Besten in gut unter zwei Stunden. Logischerweise hieß das Rennen „DomCAI“.

Aber Down- und Uphillrennen sind olle Kamellen. Anno 2016 thront die Plose längst wieder stressless über dem Dom. Beschaulichkeit hat Rennhektik überwuchert. Nur einmal im Jahr, beim Testival Ende September, tummeln sich Hundertschaften an der Talstation von Sankt Andrä, um sich auf die Plose gondeln zu lassen. Und wundern sich, dass sie von der Gipfelstation glatt noch 400 Meter gen Gipfel treten dürfen. So sind sie halt, die Brixner: Die Gipfelstation ist nicht am Gipfel, im Gegenzug dazu ist die Talstation 400 Meter über den Dächern der Domstadt ...

Brixen: Warum in die Ferne biken ...
... wenn das Gute liegt so nah? Ich werde oft gefragt, welcher Bike-Spot, den ich im Laufe von zweieinhalb Jahrzehnten kennengelernt habe, mein Top-Favorit sei. Neuseeland oder Moab? Oman oder Nepal? Ganz falsch, Brixen ist’s! Südtirol ohne Brixen ist wie Einstein ohne Hirn. Undenkbar. Mitten durch die Altstadt von Südtirols ältester und drittgrößter Stadt fließt ein Bächlein, Mädels auf Hollandrädern lassen die Röcke fliegen, Laubengassen spenden Schatten, blaugeschürzte Kramersleute von den Höfen östlich und westlich der Eisack und Strenesse-Yuppies aus den Ladenbüros plaudern in kehligem Dialekt miteinander – und über allem wacht der bischöfliche Dom. Segen von oben inbegriffen.

Warum Brixen mein Paradies ist? Erstens: Der Weg hierher führt nicht über ewige Reinkarnation, sondern ganz profan über Kufstein und Brenner. Wer frühmorgens in München losdüst, ist zweieinhalb Stunden später am Dom. Inklusive Boxenstopp bei M-Preis in Seefeld. Zweitens: Man spricht Deutsch. Das ist keine Proletenpropaganda, sondern hat pragmatischunpolitische Gründe: Meiner Faulheit sei Dank habe ich weder Italienisch noch Spanisch gelernt, und meine drei Jahre Französisch endeten mit den Noten 4, 5, 5. Und nach England zum Radeln? No, thanx! Einziger Ausweg also: Brix it!

Brixen: Dieser bilaterale Solidarpakt passt
Drittens: Auch Mutter Natur hat an der Gegend jenseits des Alpenhauptkamms einen Narren gefressen. Wenn bei mir daheim Eiszapfen und Nasen tropfen, kurbeln sich die ersten Biker auf der „Kastanientour“ zwischen Brixen und Klausen schon den Winterblues von der Seele. Und wenn im Hochsommer im Eisacktal Eis und Asphalt schmelzen? Dann zieht es Sommerfrischler auf zwei Reifen weit über die Zweitausendermarke hinauf – etwa zur Wallfahrtskirche am Latzfonser Kreuz oder ins kühle Villnösstal, die Heimat von Bergsteigerlegende Reinhold Messner.

Viertens: Ich kenne mich in diesem Sandwich zwischen Sarntaler Alpen auf der einen und Dolomiten auf der anderen Seite fast schon besser aus als bei mir zu Hause. Und fünftens, aber vielleicht wichtigstens: Ich mag die Südtiroler einfach! Mit dem Resch Alex von der Goldenen Krone – dem Miterfinder des legendären CAIDom- Rennens – habe ich vor gefühlten 20 Jahren die Bikeguide-Ausbildung gemacht. Der 46-jährige Hotelier ist ein echter Südtiroler: bodenständig und scheuklappenlos. Geradeheraus und auf äußerst sympathische Art clever. Traditionsverpflichtet und über den Eisackrand hinausblickend. Und keiner kennt sich besser aus.

Berg steil! Hinein in die vertikale Welt
Brixen und seine Dolomiten sind wie Messners Yeti: unglaublich. Glaubt man dagegen dem Geschichtsbuch des Alpinismus, füllt eine andere stumme Bergpersönlichkeit ein ganzes Kapitel: der Peitlerkofel. Dieser Dolomitzacken ragt wie ein drohender Finger zwischen Plose und Geislerspitzen in den Südtiroler Himmel. Im zarten Alter von 23 Jahren gelang dem jungen Reinhold aus dem Villnösstal die Erstbesteigung der Nordwand-“ Direkten“. Acht Jahre später verewigte sich ein anderer Südtiroler in den Annalen des Alpinismus: Heini Holzer, seines Zeichens Kaminkehrer aus der Nähe von Meran. Der nur 1,53 Meter kleine Heini wedelte am Peitlerkofel die sausteile Ostwand mit Ski herunter. Sind schon ganz schön Wilde Hund’, diese Südtiroler!

Da staunen wir – das sind an diesem Hochsommermorgen: Michaela aus Bruneck, Arno aus Innichen und ich –, die wir zwischen Kreuzkofelund Gömajoch in der Sonne sitzen, dass man von dem 2875 Meter hohen Zinken mit Ski abfahren kann. Wir fahren lieber mit Bikes um den Peitlerkofel herum – auf einer der genialsten Runden im Bike-Paradies Brixen.

Neuer Tag, neues Tourenglück! Auch heute starten wir vor Sonnenaufgang. Unser Ziel: die andere Seite des Eisacktals, die Sarntaler Alpen. Dieser Gebirgszug liegt zwischen Brixen, Bozen und Meran – und hält im Tourismusschatten der Dolomiten noch immer sein ausgedehntes Dornröschenschläfchen. Ob wir ihn erwecken?

Die Sarntaler Alpen, das unentdeckte Juwel Unser Seensuchtsziel: der Radlsee mit der gleichnamigen Hütte. Die thront in unverbaubarer Toplage genau gegenüber der Plose. Nochmals 150 Meter höher: ein Gipfel namens Königsanger – mit weithin sichtbarem Gipfelkreuz. Da zieht es jeden Trail- und Gipfelsammler magisch hoch! Plose, Peitlerkofel, Tofana, Geislerspitzen, Heiligkreuzkofel, und, und, und: Oben an dem Panoramatisch zeigt sich Südtirol von seiner Schokoladenseite. Und Brix-Biken mit Schokolade im Gepäck ist wie Portugal ohne Ronaldo: unschlagbar.


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01.06.2016
Autor: Andreas Kern
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 09/2016