Mountainbiken im Aostatal – Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Aostatal

Ein atemberaubendes Netz an Singletrails für Enduro-Piloten und Enduro-Einsteiger: An kaum einem Ort in den Alpen lassen sich mehr Vertikalmeter auf derart himmlische Weise vernichten als im Valle d’Aosta auf der Südseite von Mont Blanc und Matterhorn.

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MountainBIKE Aostatal Foto: Christian Penning
MountainBIKE Aostatal Foto: Christian Penning
MountainBIKE Aostatal Foto: Christian Penning

Mountainbiker bekommen es schon auf Erden zu spüren: Der Weg ins Paradies ist bisweilen weit und steinig. Und manchmal führt er auch über unendlich viele, ermüdend öde Autobahnkilometer. Zum Beispiel, wenn es in die Westalpen, in den wildesten und höchstgelegenen Teil des Alpenbogens, gehen soll.

Mit steifen Knochen klettert Flo Konietzko nach 600 Kilometern auf der Passhöhe des Gran San Bernardo aus dem Bulli. Eigentlich hatte er sich auf den ersten Espresso gefreut, hier auf 2469 Metern Höhe an der Grenze zu Bella Italia. Doch der Mountainbikeprofi ist auch ohne den kleinen Schwarzen in Sekundenschnelle hellwach. Nicht nur ob des eisigen Windes hier oben.

An der Statue des Heiligen St. Bernhard blinzelt er in die Sonne und blickt auf die steilen Felswände, die das Valle Gran San Bernardo flankieren wie der zackige Rücken eines grauen Urzeitdrachens. Silbrig schimmernd schlängelt sich ein bierkastenbreiter Weg auf die steinernen Giganten zu. Das Paradies!

Im gelobten Land der Rettungshunde

„Einfach göttlich“, sinniert Flo, als er sich wieder erhebt. Und tatsächlich stand hier zur Römerzeit ein Tempel, in dem die Einheimischen ihren Berggott Poeninus verehrten. Die schmalen Wege, die sich Flo für den Start des Trips ins Aostatal ausgeguckt hat, gab es zum Teil schon vor gut 3000 Jahren. Seitdem hat sich rund um den Gran San Bernardo ein weit verzweigtes Netz aus Pilgerwegen entwickelt.

Der Heilige St. Bernhard gründete 1050 auf der Passhöhe das Hospiz, in dem später die ersten Bernhardiner als Rettungshunde für die Suche nach Lawinenopfern gezüchtet wurden. In der Hier-und-Jetztzeit treibt es den Menschen aber nur noch in homöopathischer Anzahl zum Beten an den Alpenübergang an der Nordgrenze der Region Aosta. Immer häufiger pilgern dafür erlebnishungrige Biker in dieses hochalpine Trail-Mekka.

XXL-Unterschiede zwischen oben und unten

„Salve“, grüßt Fabrizio augenzwinkernd, als Flo sein Endurobike startklar macht. Es ist schon später Nachmittag, als wir endlich im Paradies einlaufen. Doch den Singletrail hinab nach Saint Rhemy will er Flo unbedingt noch zeigen. „Eigentlich“, sagt Fabrizio, „müssten wir die Grand-Combin-Tour mit ihren vielen Trails fahren, die hier über den Pass führt.“ Doch dann fügt er hinzu: „Dafür ist es aber heute etwas spät.“ Spricht’s und verschwindet auf dem mäandernden Trail hinter orange leuchtenden Felsblöcken talwärts.

Das Aostatal – die Italiener sagen „Valle d’Aosta“, ihre französischen Nachbarn „Vallée d’Aoste“ – liegt noch im dämmrigen Schatten, als Flo und Fabrizio am nächsten Morgen starten. Mehr als 4000 Meter über dem Talgrund leuchten blitzblanke Schneefelder – der Gipfel des Mont Blanc hebt sich klar und sonnenüberflutet aus einer sanften Dunstschicht.

Der höchste Berg der Alpen! Pfeifend schraubt sich der Turbo die Passstraße zum Col San Carlo am westlichen Ende des Aostatals hinauf. Die Höhenunterschiede zwischen Tal und Gipfelregionen sind im Aostatal und den Seitentälern enorm. „Da darf man sich schon mal mit einem Shuttle oder einer Bergbahn in den Biker-Himmel liften lassen“, grinst Fabrizio. Keine Widerrede!

Flowtrails ohne Ende – sogar bergauf

Fast 100 Kilometer misst das Aostatal von West nach Ost. Zwischen den Gebirgsmassiven Mont Blanc, Grand Combin, Matterhorn, Monte Rosa und Gran Paradiso gelegen, versprechen gerade die oft wilden und ursprünglichen Seitentäler großartige Bergabenteuer. Auch wenn der oberste Stock zwischen 3000 und fast 5000 Meter Höhe für Biker Tabuzone ist, kommen von der mittleren Etage hinab ins Parterre auf etwa 600 Meter Seehöhe auf teils flowigen, dann wieder verblockten Trails leicht 2000-Meter-Abfahrten zusammen.

Aber keine Bange – auch Enduro-Einsteiger kommen hier im tiefsten Wilden Westen voll auf ihre Kosten! „Ru“ nennen die Einheimischen die künstlich angelegten Wasserläufe, mit denen sie seit Jahrhunderten Wasser von den Gletschern in die Täler leiten. Entlang dieser Wasserwege führen immer auch Pfade mit nur minimalem Gefälle. „Fett!“ Flo will gar nicht mehr aufhören zu schwärmen, als er aus dem Wald am Col San Carlo zu den baumlosen Berghängen am Col de la Croce hinaufkurbelt.

Die Grandes Jorasses steht im Morgenlicht da wie eine Burg aus Fels und Eis. Derweilen tritt Fabrizio neben ihm stoisch weiter in die Pedale. „Es wird noch besser“, meint er trocken. Die Landschaft zu genießen fällt selbst auf diesem Uphill-Trail leicht. Schließlich hatten es die Erbauer darauf angelegt, mit schwerem Militärgerät das Joch zu erreichen und deshalb mit Steigungsprozenten gegeizt. Auf knapp zweieinhalbtausend Meter Höhe wirkt der Rest der Festungsmauern wie die Brüstung eines gigantischen Panoramabalkons.

Der Mont Blanc scheint zum Greifen nah. „Ohne Worte!“ stammelt Flo. Mit herauf gekommen ist Ciccio. Der Ex-Downhiller führt im Sommer Bike-Touren. „Ich bin in den Bergen aufgewachsen“, erzählt er. „Zum Studium und zum Arbeiten war ich dann eine Weile weg. Jetzt wieder hier zu sein, macht mich glücklich.“ Dieses Glück teilt er heute mit Flo – beim Tiefflug auf dem 1500-Tiefenmeter-Trail vorbei am Lago d’Arpy nach Morgex und vorbei an den höchstgelegenen Weinbergen Europas.

Entwicklungsland mit großem Potenzial

Wie ins mongolische Hochland versetzt fühlt sich Flo bei der nächsten Tour auf den Wiesenhängen rund um das Rifugio Mont Fallère – auch diesmal wieder mit Gletscherblick. Er kann es kaum glauben: „Wieso sind hier nicht mehr Biker unterwegs?“ „Der Mountainbike-Tourismus steckt bei uns noch in den Kinderschuhen“, erklärt Fabrizio. Doch Jungs wie Ciccio und er sind dabei, das zu ändern. Und das gelingt ihnen mit einem Mix aus Begeisterung und Scout-Qualitäten. „Die beiden kennen hier wirklich jeden Meter Trail“, staunt Flo und reitet mit seinen Guides in die Abendsonne – 1500 Singletrail-Höhenmeter Richtung Aosta.

Nach einer üppigen Portion Polenta Concia mit fein-nussigem Fontina-Bergkäse und ein paar Gläschen Pinot Noir am Vorabend fühlt sich Flo wie berauscht, als er am folgenden Morgen dem Gipfelgrat über dem Bikepark Pila folgt. Wolkenschwaden wabern um die Felsgrate am 2815 Meter hohen Col Chaseche. „Wie am Rand eines schmauchenden Vulkans“, staunt Flo. Plötzlich – begleitet von einer leichten Windböe – dampft das vergletscherte Gipfelmassiv des Fast-Viertausenders La Grivola aus den Wolkenschwaden hervor. Ein bisschen Jurassic-Park im Bikepark.

„Flowige Naturpfade findest du hier genauso wie anspruchsvolle Downhill-Trails“, erzählt Ciccio mit glänzenden Augen von den vier Bikeparks in der Region. Nach der Abfahrt über den Trail am Grat und einigen Kostproben der 185 Trail-Kilometer steht auch für Flo fest: „Ein echtes Freeride-Mekka. Biker finden hier einen beeindruckenden Spielplatz mit gepflegten Trails, die nicht nur für Profis, sondern auch für weniger routinierte Biker fahrbar sind.“

Auf Wiedersehen im Paradies

Dann schwingt er sich zu einem letzten Ritt in den Sattel – vom Gipfelgrat nach Aosta, 2100 Höhenmeter am Stück. Auf der Rückfahrt im VW-Bus dreht sich Flo am Passo Gran San Bernardo nochmals um. „Einfach göttlich“, murmelt er mit verklärtem Blick. Ob er die Reise ins Paradies wieder auf sich nehmen wird? „Klar!“ sagt er. Die Pläne dafür hat er schon auf der Passhöhe geschmiedet.


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28.07.2014
Autor: Christian Penning
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 09/2014