Mountainbiken auf dem Friedensweg – Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten zu 4 Etappen auf dem Sentiero della Pace

Friedensweg: 4 Etappen auf dem Sentiero della Pace - Infos und GPS-Daten

Anno 1917 tobte auf den Bergen des Trentino der Gebirgskrieg. Anno 2017 können Biker dem Irrsinn auf einem knallharten Mini-Alpencross vom Valsugana zum Gardasee gedenken – auf dem Sentiero della Pace. Wir haben Infos und die GPS-Daten zu den 4 Etappen auf dem Friedensweg.

Charakter: viertägiger Mini-Alpencross mit 173 km Länge und 5400 Hm vom mediterranen Valsugana über die waldige Hochebene von Folgaria zum gruslig-karstigen Pasubio und über Dynamite Trails am Monte Zugna und Altissimo zum Gardasee.

Allgemeine Reise-Infos: www.visittrentino.it/de

Mountainbike-Infos: www.visittrentino.it/de/guide/sommer-sport/mountainbike

Beste Reisezeit: Aufgrund der Höhenlage (bis 2200 Meter am Pasubio) sollte man diese Mini-Alpenüberquerung am besten zwischen Ende Mai und Mitte Oktober unternehmen.

Anreise: über München, Autobahn A 8, Kufstein, Inntal- und Brennerautobahn bis zur Ausfahrt „Trento Nord“ und auf der SS 47 weiter bis Levico Terme (350 km/4 h ab München).

Übernachtungstipps für Anfang und Ende der Tour: das „Parc Hotel du Lac“ mit direktem Seezugang zum Lago di Levico (Tel. 00 39/04 61/70 65 90, info@dulachotel.com, www.trentinowellnesshotel.it); das schmucke „Hotel Europa“ direkt an der Hafenpromenade von Riva (Tel. 00 39/04 64/55 54 33, info@gardahotelsitalia.com, www.hoteleuropariva.it)

Rücktransfer nach Levico Terme: Taxi Betulle in Levico Terme (Tel. 00 39/04 61/70 20 32, www.betulleviaggi.com)

Friedensweg in bewegten Bildern: Peter Schlickenrieder hat für die ARD eine zweistündige Doku über den Sentiero della Pace produziert. Zwar per pedes statt per Mountainbike, aber trotzdem sehr sehenswert! http://story.br.de/friedensweg/

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MTB-Geheimtipps für den Friedensweg

1. Sommerfrische am Lago di Levico: Am tiefblauen See kann man sich vor oder nach der Tour herrlich entspannen! www.visitvalsugana.it/de/entdecken/levicosee/

2. Kriegsmuseum Werk Gschwent: sehenswertes Museum in einem ehemaligen Sperrfort auf der Hochebene von Folgaria. Am besten eine geführte Tour unternehmen! Im Hochsommer täglich von 10 bis 18:30 Uhr geöffnet. www.fortebelvedere.org

3. Strada delle 52 Gallerie: Der legendäre Tunnelweg ist für Biker tabu. Wer Zeit hat, erkundet vom Rifugio Papa aus die oberen Tunnels. Tolle Zweitagestour zu Fuß: vom Parkplatz an der Bocca di Campiglio auf dem Klettersteig „Gaetano Falcipieri“ zum Rifugio und anderntags auf der Strada delle 52 Gallerie wieder runter.

4. Sterne gucken am Monte Zugna: Von der Sternwarte in der Nähe des Rifugio Malga Zugna (Übernachtung nach Etappe 2) kann man in die Tiefen des Alls schauen. www.visitrovereto.it/de/entdecken/museen/osservatorio-astronomico/

Videos: Mit Peter Schlickenrieder auf dem Friedensweg










MTB-Reisereportage: Sentiero della Pace

Pasubio. Berg der zehntausend Toten. Schlachtbank. Menschenmühle. Als ich anno ’91 den ersten „MTB-Guide Gardasee“ durchblätterte, überfiel mich bei Elmar Mosers eindrücklichen Schilderungen – verbunden mit den unfassbaren Magazinfotos eines gewissen Heinz Endler von Bikern auf handtuchschmalen Felsbändern – eine gruselig-morbide, adoleszente Faszination.

Eines war klar: Da musste ich hin! Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie nah die „Dente Austriaco“ (die österreichische Platte) und die „Dente Italiano“ (die italienische Platte) auseinander liegen. Ich wollte die Stimmung an den „Sette Croci“, den sieben in Reih und Glied aufgestellten Kreuzen, an denen 1000 Soldaten ihr Leben ließen, aufsaugen. Und nicht zuletzt – ich war jung und dumm – wollte ich die sagenumwobenen Tunnels der „Strada delle 52 Gallerie“ erobern. Bewaffnet mit Stirnlampe. Bedrängt von schwerkräftiger Todesangst vor dem finalen Sturz. Bedroht vom schlechten Gewissen, Unrechtes zu tun und in einem stinkenden Knast in Rovereto zu enden, schob ich mein cantilevergebremstes Giant Escaper von oben bis unten.

Ein Vierteljahrhundert später: Die 52 Tunnels sind seit Menschengedenken Sperrgebiet für Biker. Und das ist auch gut so. Wer die Tunnels erobern möchte (der skurrilste von allen verschwindet in einem kegelförmigen Felskopf und schraubt sich wie ein Stöpselzieher über mehrere Stockwerke hinab), der stellt sein Bike am Rifugio Generale Achille Papa ab und dringt zu Fuß in die feuchten Innereien des Pasubio ein.

So wie wir an diesem Frühsommertag anno 2016. Wie könnte es anders sein, wabern dichte Nebelbänke aus dem Vallarsa hoch und sorgen wie vor 25 Jahren für Gruselstimmung in der Magengegend. Wir, das sind meine Freunde Peter und Andrea Schlickenrieder und ich. Peter hat anno 2002 die olympische Silbermedaille im Langlauf-Sprint erobert, co-moderiert heute für die ARD Langlauf-Übertragungen – und ist in seiner Freizeit ein echter Abenteurer. 2012 war der Schlierseer mit Tourenski auf dem Elbrus, letztes Jahr auf einem Siebentausender. Im Sommer – Überraschung! – sitzt er am liebsten im Mountainbikesattel. Am allerliebsten mit seiner Frau Andrea. Die ist eine Ausdauerwaffe ähnlichen Kalibers, startet im Winter bei der „Patrouille des Glaciers“, dem härtesten Skitourenrennen auf dem Globus. „Aber nur zum Spaß!“

Mit dem Bike auf dem Sentiero della Pace

Letztes Jahr produzierte Peter eine zweistündige Fernseh-Doku zum Thema „Sentiero della Pace“. Zwar per pedes, aber mit eindrücklichen Bewegtbildern, die wie ein Flashback meine Pasubio-Vergangenheit neu beleuchteten. Mein erster Gedanke: Da muss ich wieder hin! Nochmals wollte ich – ich war nicht mehr jung und vielleicht a bisserl weniger dumm – die sagenumwobenen Tunnels der „Strada delle 52 Gallerie“ erobern. Diesmal bewaffnet mit Stirnlampe und Fotoapparat. Unser Plan: Wir wollten auf den Spuren des Gebirgskrieges vor 100 Jahren in vier Tagen vom Levicosee im Valsugana über die Hochebene von Folgaria zum Pasubio. Weiter über das dolomitenhafte Bollwerk der Carega-Gruppe hinab ins Etschtal und über den legendären Altissimo am Gardasee abschwingen.

Und zwar nicht irgendwie kreuz und quer durchs Trentino, sondern auf dem „Sentiero della Pace“, dem Friedensweg. Dieser Weitwanderweg verbindet die historisch wichtigsten Schauplätze des Kriegs, der von 1915 bis 1918 zwischen italienischen „Alpini“ und österreichisch-deutschen „Kaiserjägern“ im Hochgebirge tobte. Der „SP“ führt grob gesagt in einem 500 Kilometer langen U von den Sextner Dolomiten bis zum Stilfser Joch. Im Trentino verläuft der Friedensweg vom Marmolada-Gletscher über Trento, die Hochebene von Folgaria, jenen besagten Pasubio, über die Gardaseeberge und die Brenta bis zum Passo Tonale. Das Symbol einer weißen Taube erinnert dabei Wanderer – und uns Mountainbiker – stets daran, nicht vom rechten Weg abzukommen. Und um Gottes willen den Frieden zu bewahren.

Stumme Zeugen ermahnen zum Frieden

Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs gibt es noch jede Menge. In meinem Elternhaus leben noch zwei davon. Die Zeitzeugen des Ersten Weltkriegs sind mittlerweile alle tot. Umso wichtiger, dass es stumme Zeugen des damaligen Irrsinns gibt, die uns auch ohne Worte zum Pazifismus ermahnen. Am auffälligsten sind sicherlich die vielen Befestigungsanlagen, die wie Mordors Burgen meist hart am Abgrund über das Tal wachen. Bestes Beispiel: das Werk Gschwent, das Andrea, Peter und ich gleich am ersten Tag unseres viertägigen Friedenswegs besuchen. Vom malerischen Lago di Levico führt der sogenannte „Kaiserjägerweg“ auf die Hochebene von Folgaria und zum Kriegsmuseum Gschwent. Von außen sieht dieses Sperrfort schier unzerstörbar aus. Im Inneren zeigen uns drastische Schwarzweißaufnahmen, dass jede Schale irgendwann bricht.

So wie am Pasubio, wo sich im Inneren der beiden Gipfel, der italienischen und österreichischen Platte, im März 1918 die Lage dramatisch zuspitzte. Weil nämlich beide Gegner zeitgleich Tunnels unter die Stellungen des anderen trieben, um diese in die Luft zu sprengen. Dabei konnten sich die Gegner gegenseitig beim Graben der Tunnels hören ... Am 13. März 1918 um 4 Uhr 30 zündeten die Kaiserjäger 50 Tonnen Sprengstoff im Inneren der „Dente Italiano“. Dreieinhalb Stunden vor der geplanten Sprengung der „Dente Austriaco“ durch die Alpini. Dreieinhalb Stunden entschieden über Leben und Tod.

99 Jahre später: Die ungezählten Kriegssteige, Schützengräben, Friedhöfe und Denkmäler sind zu beliebten Touristen- und Bergsteigerzielen mutiert. Kinder spielen mit verrosteten Geschosshülsen. Muttis gehen auf Stacheldraht-Pirsch. Unten in Rovereto – das die meisten nur von der Autobahnausfahrt zum Gardasee kennen – läutet jeden Abend die „Friedensglocke“. Gegossen aus der Bronze der Kanonen aller Länder, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen haben. Jeder Schlag der größten Glocke der Welt ist eine Mahnung, den Frieden zu bewahren.

Wir hören an diesem Abend keine Glocke, sondern nur den eigenen Atem. Tag zwei, Königsetappe: Ich hatte abends zuvor die Schnapsidee, mit Peter über den Tabacco-Karten zu sitzen und zu grübeln. Dabei stießen wir auf den Passo Buole, der eine weitaus spannendere Anfahrt zum Tagesziel, der Malga Zugna, versprach als die Asphaltdüdelei auf dem Hüttensträßchen.

Nun ist es schon nach sechs Uhr abends, als wir nach dem Spitzkehrenoratorium von der Bocchetta dei Foxi endlich im Talgrund des Vallarsa ankommen. Noch drei Stunden Licht. Und Peter meint ganz lapidar: „Jetzt fahr’ ma übern Passo Buole!“ Shit, das sind stramme 1200 Höhenmeter. Aber kneifen gilt bei Schlickenrieders nicht ...

Am Abend gucken wir erst Fußball-EM, danach noch in die sternklare Sommernacht kilometerhoch überm Etschtal – und ich träume von Kriegerfriedhöfen, Beinhäusern und Stacheldraht.

Altissimo, Alleinherrscher über den Lago

Gegen die Königsetappe von Tag zwei ist der nächste Tag fast schon Kinderlulu. Frühmorgens weckt uns ein nicht enden wollender Trail hinunter ins Etschtal. 1400 Tiefenmeter, die das Letzte aus den Unterarmen herauspressen. Aua! Aber kaum hat man den Ausgang aus den „Piccole Dolomiti“ gefunden, wartet jenseits des hektischhässlichen Etschtals der letzte Scharfrichter unserer Viertagestour: der Altissimo. Politisch korrekt: der Monte Altissimo di Nago. Zwischen Seespiegel und Gaststube liegen exakt 2000 Vertikalmeter. Und schon wieder ein Flashback. Denn auch hier war ich anno ’91 schon gewesen. Ich war bei Sonnenschein und milden Herbsttemperaturen am Zeltplatz Arco gestartet – und bei Schneefall und fünf Meter Sicht am Gipfelhaus angekommen. Als blinder Eiszapfen. Niemals wieder hatte ich bei der Abfahrt so gefroren wie damals. In Arco lachte wieder die Sonne.

Heute lacht einer mit der Sonne um die Wette: Danny, seines Zeichens Hüttenwirt des Rifugio Damiano Chiesa am Altissimo und eine lebende Kletterlegende am Gardasee. Peter und Danny kennen sich schon ewig, entsprechend lustig wird der letzte Abend unseres Trentino-Crosses.

Auch wenn wir dem offiziellen Sentiero della Pace mit seinem Friedenstauben-Symbol nicht auf jedem Meter gefolgt sind, verfolgt mich diese Friedenstour sicherlich die nächsten 25 Jahre. Dann bin ich ein älterer Herr, die beiden Zeitzeugen in meinem Elternhaus längst in den ewigen Jagdgründen. Was bleibt, ist die Erinnerung.

Nochmals am Pasubio: Eine hundertjährige Legende besagt, dass die Wiesen unter der weggesprengten italienischen Platte besonders intensiv grün blühen. Weil menschliches Blut so ein guter Dünger sei. Als ich auf Peter und Andrea warte, ertappe ich mich dabei, mich verstohlen nach diesem anderen Grünton umzusehen. Vergebens. Das einzige, was meinen Blick fesselt, ist ein einsames, unscheinbares Vergissmeinnicht.

17.04.2017
Autor: Andreas Kern
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 04/2017