Mountainbiken im Gargano in Apulien – Infos, Tourentipps, GPS-Daten

Gargano-MTB-Reisereportage

Vieste ist ein Wassersportparadies. Eigentlich. Auch Brigitte, Uwe und Heiko kamen zum Surfen hierher, sattelten aber schon kurze Zeit später auf Mountainbikes um.

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MountainBIKE Gargano - Übersichtskarte
Der Gargano – der MTB-Tipp fürs Frühjahr oder den Herbst. MountainBIKE hat Infos und GPS-Daten zu vier Top-Touren in der Region.

Aua, ich kann meine Beine kaum noch heben“, stöhnt Brigitte. Mit Mühe rollt sie sich seitlich aus dem Hotelbett. Bei diesem Anblick muss ich lachen, auch wenn es mir selbst keinen Deut besser geht. Am dritten Tag unseres Urlaubs macht sich in Oberschenkeln und Waden ein ausgewachsener Muskelkater breit. Wer hätte das gedacht?

Als meine Freundin Brigitte, mein Spezi Uwe und ich vor drei Tagen mit jeder Menge Sport­equipment über den Brenner Richtung Gargano ins italienische Apulien fuhren, zum so genannten Sporn des Stiefels, hatten wir in Sachen Bike-Touren nicht viel Hoffnung. Was wir noch nicht wussten: dass es im Hinterland von Vieste auf knapp 1000 Meter hochgeht. Umso schöner war die Urlaubsüberraschung vor Ort.

Was wir uns für unseren zweiwöchigen Italienurlaub ­ursprünglich vorgenommen hatten: Wind- und Kitesurfen in diesem im Frühjahr und Herbst einigermaßen sicheren Revier. Die Mountainbikes? Die wollten wir maximal zum Einkaufen bewegen. Na gut, ein paar kleine Trails standen auch auf dem Plan. Stand jetzt: Unser Kite- und Windsurf-Equipment haben wir noch nicht angerührt, dafür sehen unsere Bikes aus, als kämen sie frisch vom staubigen Cape-Epic-Race in Südafrika.

Zuerst haben wir auf eigene Faust die Trails und Schotterwege nahe der Küste unter die Räder genommen – in Sachen Orientierung eine eher mühselige Angelegenheit. Und manchmal auch eine ganz schön gefährliche. Denn die frei weidenden Kuh- und Ziegenherden werden von ziemlich imposanten Hunden bewacht, die es gar nicht leiden können, wenn man dem Vieh zu nahe kommt.

Wo wir unbedingt noch biken wollen: in der Foresta Umbra – seit 1993 wegen der Artenvielfalt in Flora (viele Laubbaumsorten) und Fauna Nationalpark. In diesem kennt Roli sich bestens aus. Der Schweizer hat vor ein paar Jahren die örtliche Bike-Station Garganobike übernommen und bietet seither geführte Touren an.

Zufällig trafen Brigitte, Uwe und ich ihn gestern beim Bäcker – allesamt in voller Bike-Montur, deshalb kamen wir schnell ins Gespräch. „Kommt doch morgen mit“, bot er uns an. „Wir fahren eine schöne Single­trail-Tour durch die Foresta Um­bra.“ Das Angebot konnten wir natürlich nicht ausschlagen.

Mit ein bisschen Mühe klappt das Aufstehen an diesem Morgen schließlich doch noch. Und das ist auch gut so, denn heute steht die Königstour durch das Hinterland von Vieste auf dem Programm. „Eure ersten Bike-Tage waren zum Kennenlernen, ab morgen geht's zur Sache“, hatte ­Roli gestern Abend angekündigt. Nach einem ausgiebigen Frühstück stehen wir jetzt vor unserer Pension in Vieste und warten auf unseren Guide.

In der Sonne ist es bereits ganz schön warm. Nicht auszudenken, wie sich das um die Mittagszeit anfühlen muss. Wir hoffen deshalb auf Schatten im Nationalpark. Immerhin bedeutet Foresta Umbra übersetzt „dunkler Wald“, und das hört sich nach viel Schatten an. Nachdem Roli uns eingesammelt hat, fahren wir die ersten Kilometer auf flacher Strecke durchs Landesinnere. Ideal für uns, um die müden Beine wieder in Schwung zu bringen.

„So gemütlich wird es bestimmt nicht bleiben“, witzelt Uwe. Er soll Recht behalten, denn mit der Zeit werden die Rampen steiler, und der Schweiß tropft uns stetig von den Nasenspitzen. Jetzt, im Frühjahr, liegen die Temperaturen zwar noch im gemäßigten Bereich, doch für uns sind nach dem langen Winter in Deutschland 20 Grad definitiv genug. „Ich fühle mich wie in einer Sauna“, schnaufe ich. „Da müsst ihr mal im Sommer kommen“, antwortet Roli. „Bei Temperaturen um die 40 Grad ist an Biken dann nicht mehr zu denken.“

Nach einem langen Anstieg rollen wir über schmale Wege zurück Richtung Meer. An einem höher gelegenen Küstenabschnitt blicken wir auf Vieste, das, auf steilen Kalkfelsen erbaut, über dem Meer thront. Hier und da erkennen wir auch die für den Gargano typischen Trabucchi. Die aus Holz errichteten Pfahlbauten dienen dem Fischfang und sind an fast jedem Strand zu finden. Bei dem ­Gedanken knurrt mein Magen. Hunger!

„Gleich erreichen wir die Masseria Sgarrazza“, kündigt Roli an, als könne er Gedanken lesen. „Das wird ein Fest für die Sinne!“ Als wir kurze Zeit später in der Gaststube des kleinen Bauernhofs den Caciocavallo probieren, wissen wir, dass Roli nicht zu viel versprochen hat. Der birnenförmige Käse aus Kuhmilch ist schon optisch ein Genuss. Sein Geschmack ist mild, fast schon ein wenig süß. Zusammen mit dem frischen Brot und den Oliven ein Hochgenuss.

Gestärkt und voller Motivation setzen wir nach der Rast unsere Tour fort. „Wollt ihr noch einen kleinen Abstecher ans Meer machen?“ fragt Roli. „Ich kenne da ein paar versteckte Singletrails.“ Singletrails? Küste? Na klar! Doch zunächst rollen wir durch Viestes verwinkelte Altstadt. Im Zentrum tummeln sich bereits die ersten Touristen.

Wir möchten uns nicht ausmalen, wie es hier im August aussieht, wenn ganz Italien die Strände stürmt. Wir hingegen genießen die Ruhe der Nebensaison und das kurze, urbane Intermezzo, bevor uns Roli an die Küste führt. Die dortigen Trails sind ein wahrer Spielplatz für Freerider und Trialfahrer. Ja, wir spielen förmlich mit den vielen Felsstufen und Rampen, fahren bergab, bergauf – mitunter hoch über dem Meer an der Steilküste entlang. Kein Wunder, dass auch Motocrosser hieran Gefallen finden.

So geht es die nächsten Tage weiter. Wir erkunden auf unseren Bikes beinahe jeden Winkel des Gargano. Ab und zu gehen wir auch mal surfen. Aber vielleicht lassen wir bei unserem nächsten Gargano-Trip den Surf-Stuff gleich ganz zu Hause. Dann hätten wir noch Platz für zwei Enduroboliden. Passende Trails hätte es auf jeden Fall genug.


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31.01.2013
Autor: Heiko Mandl
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 03/2013