Eva Lechner - Südtirols Vorzeige-Mountainbikerin

MTB-Profi im Porträt: Eva Lechner

Eva Lechner: Südtirols Vorzeige-Mountainbikerin
Foto: Alber
Die Eppanerin legte in den letzten Jahren eine grandiose Karriere als Radprofi hin. Sie ist nicht nur auf dem Mountainbike, sondern auch im Radcross und Rennradfahren erfolgreich. Inzwischen ist die 27-jährige Südtirolerin 16-fache italienische Meisterin.

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Das ganze Rennen liegt Eva auf­ Platz zwei hinter Marianne Vos aus Holland, gefolgt von der Französin Lucie Chainel-Lefe­vre. Dann aber schließt die Gesamtweltcupgewinnerin Katie Compton von hinten auf und überholt Eva in einer der letzten Runden. Eva rutscht aus und steht.

30 Meter verliert sie so auf ihre amerikanische Konkurrentin. In der vorletzten Runde kommt Katerina Nash aus Tschechien heran. Eva stürzt vor der Zielkurve, Katerina überholt.

Erst Bronze, jetzt Holz. Die Medaillenhoffnung bei der Radcross-WM am 2. Februar 2013 in Louisville, Kentucky, scheinen zerplatzt. Bis sich Eva wieder aufrappelt, vergehen kostbare Sekunden. 30, dann wird sie von Sanne von Paassen überholt und rutscht auf Platz fünf. Das Rennen scheint für die 27-jährige Südtirolerin gelaufen.

Aber dann bekommt sie eine Chance, mit der keiner gerechnet hätte. Am wenigsten sie selbst. In der letzten Runde, 300 Meter vor dem Ziel, ist eine technische Stelle zu bewältigen. Hier stürzt die eine Konkurrentin, die andere muss ein Stück laufen. Für Eva die überraschende Chance, doch noch Bronze zu holen. Aber sie nutzt sie nicht ...

Durch Niederlagen lernen

"Ich hatte wohl schon abgeschlossen", erzählt sie, als sie wieder daheim ist. "So kurz vor dem Ziel denkt man nicht mehr, dass man noch mal die Möglichkeit bekommt, von Platz fünf auf Platz drei zu fahren." Eigentlich hätte es ihr sogar auf Platz zwei reichen müssen. Die Eppanerin hatte einen megaguten Tag. "Superbeine", wie sie sagt. "Aber ich habe etwas daraus gelernt: Man darf einfach nie aufgeben – und wenn es noch so kurz vor dem Ziel ist."

Seit 2005 ist Eva Profibikerin. Sie fährt im Mountainbike Pro Team Colnago-Südtirol. Zudem fährt sie Straßenrennen für die italienische Nationalmannschaft, und zur Vorbereitung für ihre Mountainbike-Saison nimmt sie von Oktober bis Februar an Radcross-Rennen teil. Sehr erfolgreich: So sicherte sie sich kurz vor ihrem verschenkten dritten Platz bei der WM in Amerika bei den italienischen Meisterschaften im Querfeldein einen weiteren Meistertitel. Ihren vierten in dieser Sportart.

Als Eva mit 16 Jahren mit dem Mountainbiken beginnt, hat sie schon einige Sportarten ausprobiert: erst Leichtathletik – die Mutter war Leichtathletin –, später dann die Mannschaftssportarten Basketball, Volleyball, Hand­­ball und Fußball. "Aber irgendwie waren Mannschaftssportarten nicht so mein Ding", sagt sie. Eva will eine Sportart, auf der sie Wettkämpfe bestreiten kann. Fürs Rad hatte sie sich schon als Kind immer interessiert und im Fernsehen bei der Tour de Fance und dem Giro d’Italia mit den Profis mitgefiebert. Eva geht jobben, um sich ihr erstes Mountainbike zusammenzusparen. Im Bike-Laden lernt sie ihren ersten Trainer kennen. Der trainiert nur Jungs, und die fahren Rennen. Er fragt Eva, ob sie mitfahren will, und Eva sagt ja.

Dann geht alles schnell. Schon beim ersten Wettkampf fährt sie vorne mit. Bei ihrem zweiten Rennen lernt sie ihren jetzigen Trainer, Edmund Telser, kennen, der damals die Mountainbike-Jugend Südtirols trainierte. Er lädt sie zum Training ein, und Eva fährt den Italiencup. Schon im ersten Jahr wird sie Italienmeisterin U23 im Mountainbike XC und gewinnt so ziemlich alle Juniorentitel, die es zu gewinnen gibt. Im zweiten Jahr als Junior fährt sie auch bei der Damen-Elite auf Platz 3. Dann wird sie Vize-Juniorenweltmeisterin. Das Profi-Team Colnago macht ihr ein Angebot. Sie sagt zu und nimmt ihren Trainer mit. 2010 holt sie sich ihren ersten Weltcupsieg, wird bei der EM Dritte in der Einzel- und und Zweite in der Teamwertung. 2011 bei der WM in Champéry bekommt sie ihre erste Medaille in der Elite-Wertung: Bronze im Einzel, Silber in der Mannschaft.

2012 ist ein durchwachsenes Wettkampfjahr, Eva wird es am Ende als schlechte Saison abhaken, obwohl sie den italienischen Meistertitel im Mountainbike und einen ersten Platz in der Teamwertung auf der WM belegte. Bei den Olympischen Sommerspielen in London wird sie nur 17. Sie hatte sich mehr erhofft. Zumal das Ergebnis einen Platz schlechter ist als bei ihren ersten Olympischen Spielen 2008 in ­Peking. Eva fällt 2012 in ein tiefes Loch. Irgendwie hat sie den Spaß am Biken verloren.

Das Glück der Erde

Trost spenden ihre beiden Pferde "Motown" und "Elba". Je nach Training geht Eva pro Woche mindestens vier bis fünf Mal reiten. Mit ihrem Araberwallach "Motown" hat sie sich vor drei Jahren einen lang ersehnten Wunsch erfüllt. Schon als Kind ist Eva auf den Ponys ihrer Cousine geritten. "Es war immer mein Traum, ein eigenes Pferd zu haben, ich wusste nur nicht, wie es bei mir mit dem Platz und der Zeit gehen sollte", erzählt sie. Dann stand "Motown" zum Verkauf, und sie hat zugeschlagen.Letztes Jahr kam noch ihre Stute "Elba" dazu.

2013 begann trotz WM-Pech gut. Eva hat sich viel vorgenommen: Sie möchte nicht nur einen Mountainbike-Weltcup gewinnen, sondern insgesamt eine konstante Saison fahren, also auch im Gesamtweltcup möglichst weit vorne liegen. In der vergangenen Cross-Saison hat sie schließlich viel gelernt. Eva ist 2013 in Topform. Nicht nur körperlich, sondern auch mental. Denn sie hat den Spaß am Biken wiedergefunden. Und das ist das Wichtigste, um in Wettkämpfen erfolgreich zu sein.


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01.11.2012
Autor: Mirjam Hempel, Andreas Kern, Achim Isenmann
© MOUNTAINBIKE