Mountainbiken auf Kreta – Infos, Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Kreta

Wer im Osten Kretas bikt, trifft auf eine Landschaft wie im Wilden Westen mit krassen Canyons und Trails, die selbst Moab neidisch machen. Einziger Unterschied: Kafenions statt Saloons.

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MountainBIKE Kreta Foto: Norbert Eisele-Hein
MountainBIKE Kreta Foto: Norbert Eisele-Hein
MountainBIKE Kreta Foto: Norbert Eisele-Hein

Rein optisch wirkt Martin Gernet überhaupt nicht wie ein Hardcore-Mountainbiker. Seine langen Haare und die sonnengegerbte Haut ließen eher auf einen langsam aus der Pubertät kommenden Beachboy schließen. Und die Sache mit den Cowboystiefeln: Steckt der 58-Jährige nicht in Freeride-Shorts, klackert er mit Cowboy-Hemd, Jeans und verschärften Boots über den Fliesenboden seines Hotels.

„Die Stiefel hatte er sogar bei unserer Hochzeit an“, offenbart seine Ehefrau Barbara schmunzelnd. Seit 1995 leben die beiden Schweizer auf Kreta. Ihre erste Bike-Station führten sie in Heraklion. 2006 zog es sie dann nach Lenika bei Agios Nikolaos im Osten der Insel. „Weil es die Postkartengegend ist“, sagt Martin, den Cowboys, Indianer und Amerika schon seit seiner frühesten Kindheit begeistern.

Warum ein Cowboy auch auf Kreta glücklich sein kann, wird klar, wenn man von der Swimmingpool-Terrasse der Bike-Station über die Bucht von Agios Nikolaos Richtung Südosten blickt: Die bis zu 1476 Meter hohen Gipfel des Thripti-Gebirges scheinen hier direkt aus dem Meer zu entspringen. Geteilt werden sie nur durch den unbegehbaren Ha-Canyon. Dieser größte tektonische Bruch Europas wirkt, als hätte Zeus das Massiv mit einem Blitz gespalten.

Als regelrechtes Cowboyland erweist sich Kreta bei noch genauerem Hinsehen. Vier mächtige Gebirgsrücken mit 60 Gipfeln über 2000 Meter Seehöhe und zahlreiche Canyons halten für Stahlross-Indianer so manche Trail-Perle bereit. Eine davon lernen wir auf der Selakano-Tour kennen. Bei Martin und Barbara läuft sie unter dem höchsten Level, der 4.

Das heißt: Schweiß, Schmerz und großer Durst. Zunächst führen die langen Kehren noch durch schattige Pinienwälder, doch bald knallt die kretische Sonne mit voller Wucht auf uns und die grobe Schotterpiste. Bis zum Timeos Stavros mit seinem monströsen Gipfelkreuz müssen unsere Waden 1500 Höhenmeter wegkeulen. Gemessen an den Alpen wirkt die kartografische Höhe auf Kreta häufig bescheiden. „Aber bei uns wird immer auf null gestartet“, erklärt Steff, unser turbofitte Guide.

„Da hat sich schon so mancher verrechnet und gewaltige Einbrüche erlebt“, fügt er hinzu. Wir können nur nicken, zum Antworten fehlt uns die Spucke. Oben angekommen, gibt das 360-Grad-Panorama endlich unseren Lungenflügeln Zeit, sich zu erholen. Die Aussicht reicht bis zu beiden Küsten der 260 Kilometer langen und maximal 60 Kilometer breiten Insel. An den sichelförmigen Badebuchten des Libyschen Meers im Süden erstrahlt Ierapetra, die südlichste Stadt Europas. Im Nordosten, am Kretischen Meer, erkennen wir unseren Startort Agios Nikolaos.

Unmittelbar nach der Rast folgt dann das eigentliche Highlight der Selakano-Runde: Handtuchbreit, steil und kaum verblockt schlängelt sich ein Singletrail durch riesige Kiefern. Nur ab und zu queren wir eine geschotterte Forststraße.

Hügelig und mit herrlichem Flow führt die Route schließlich nach Anatoli, einem typisch kretischen Dorf mit weiß gekalkten Kuben, bunt gestrichenen Türen und Fensterrahmen, einer schmucken Kirche und einem kunstvoll errichteten Steinbrunnen mit eiskaltem Quellwasser. Vor dem Kafenion, dem traditionellen griechischen Kaffeehaus, haben sich alte Männer auf Baststühlen gruppiert.

Wir setzen uns ebenfalls an einen der Tische, strecken die Beine aus und schlürfen einen eisgekühlten Café Frappé. Wenn nicht hier, in der Heimat Alexis Sorbas‘, wo sonst sollte uns die Muse küssen?

Martin ist ein rastloser Tüftler und komplett vom Singletrail-Fieber infiziert. Mit eidgenössischer Akribie sucht und feilt er beständig an neuen Routen. Beim Raki, dem typisch kretischen Tresterschnaps, verhandelt er mit den Bauern über neue Weg-Optionen durch ihre Olivenhaine.

Jede seiner Touren hat eine eigene Geschichte. So zog er für seine Kroustas-Tour zig Mal mit Säge und Gartenschere los. Den Landeigner traf er erst nach vielen Jahren. Der winkte ihn einfach durch. Die Lato-Tour hingegen kann nur sonntags gefahren werden. Sie führt an der Kante eines Steinbruchs entlang, wo werktags gesprengt wird.

Während der Saison bietet Martin täglich vier Touren auf verschiedenen Levels in sieben Gebieten an. Eine davon führt uns in die einstige Hippie-Hochburg von Matala. Wir starten in Platanos und rauschen in weiten, sandigen Kehren mit vielen sportlichen Anliegern Richtung Agia Faragia, dem südlichsten Zipfel Kretas.

Die Küstenberge wirken unbezwingbar, aber wer sich auskennt, findet einen kleinen Spalt im Felsmassiv. Dieser Mini-Canyon dient im Frühjahr als Wasserablauf und sammelt so fruchtbare Erde an. Zur Osterzeit explodiert die Schlucht dann förmlich in psychedelischem Pink. Ein lenkerbreiter Trail führt durch fünf Meter hohe, blühende Oleander-Büsche. Das Pink im Kopf und der Duft einer Flasche Weichspüler im kompletten Atemsystem lassen unsere Glückshormone Sirtaki tanzen.

Weiter zirkelt die Route durch ein großartiges Felsenkino, vorbei am Kloster Faragia und landet schließlich direkt am Strand. Dort hausen in einer riesigen Höhle ein paar Alt-Hippies, eine Handvoll Kletterer baumelt über dem azurblauen Meer. Später, zurück in Matala, schultern wir die Räder beim felsigen Übergang zum Red Beach.

Insgeheim fragen wir uns, ob Steff eine Überdosis Weichspüler abbekommen hat, weil wir jetzt schleppen statt biken. Aber die Viertelstunde Bizepstraining rentiert sich: Uns erwartet ein Downhill vom Feinsten. Die Singletrail-Serpentinen auf festem Gestein in der kolossalen Steilwandbucht erinnern schwer an Utah.

Haarsträubend führen hartgepresste Sanddünen mit schneidiger Kante bis kurz vor die Brandung. So etwas gibt es nicht mal in Moab! Zur Krönung wartet am Red Beach ein herrlich abgetakeltes Kafenion mit knarzenden Saloon-Türen. Der Barkeeper mixt einen umwerfenden Mojito.

Auch diese kretische Westerntour haben wir Martins Trail-Tüftelei zu verdanken. „Davon habe ich noch viele auf Lager“, lacht er, und uns ist klar: Wir kommen wieder, und zwar, wenn Martin Geburtstag feiert. Ein Geschenk haben wir auch schon: Cowboystiefel für Klickpedale.


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02.10.2013
Autor: Norbert Eisele-Hein
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 11/2013