Mountainbiken in den Vogesen – Infos, Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Vogesen

Die Elsässer Vogesen sind ein Traumziel für Mountainbiker. Enduro-Champion Jérôme Clementz zeigte unserem Autor seine Lieblingsorte – auf und neben den Trails. Logisch, dass dabei auch die kulinarischen Schmankerln und das eine oder andere Glas Riesling nicht verschmäht wurden.

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MountainBIKE Vogesen Foto: Stefan Neuhauser
MountainBIKE Vogesen Foto: Stefan Neuhauser
MountainBIKE Vogesen Foto: Stefan Neuhauser

Jérôme Clementz zirkelt seine Home-Trails in den Vogesen hinab. Man sieht es gleich: Er ist ein Champion, er adelt Mountainbiken zur Kunst, harmoniert mit seinem Bike in Perfektion. In seiner Heimat kennt der französische Enduro-Star und mehrfache Gewinner des Megavalanche nahezu jeden Stein, jede Kurve und jeden Sprung aus dem Eff eff.

Das Beste: Die nächsten Tage teilt der Bike-Profi seine Begeisterung für die heimatlichen Trails mit uns. Mit einer Gruppe guter oder sehr guter Biker gemeinsam unterwegs zu sein, ist das eine. Mit einem Supersportler wie Jérôme auf Tour zu gehen, etwas ganz anderes. Dennoch gelingt es mir überraschend gut, den Abstand zwischen Jérômes Hinterrad und meinem Vorderrad nicht allzu groß werden zu lassen. Ich habe irgendwie das Gefühl, heute eine Klasse besser zu fahren als sonst und bin gespannt, wie ich mich im weiteren Verlauf schlagen werde.

Nach einer kurzweiligen, aber vergleichsweise gemütlichen Einrolltour vom idyllischen Winzerdörfchen Andlau aus steht heute noch ein echter Kracher auf dem Programm: eine knapp 60 km lange Rundtour über 2300 Höhenmeter. Sie führt uns vom pittoresken Weindorf Kaysersberg über die bekannten Seen Lac Blanc und Lac Noir und von dort über die Kriegsschauplätze des Ersten Weltkriegs zum Wallfahrtsort Trois Epis und nach Ammerschwihr in die Rheinebene hinab. Man könnte sagen: Es wartet eine konditionell anspruchsvolle, zugleich aber auch landschaft lich einmalige Strecke auf uns.

Mit von der Partie sind Jérômes Freundin Pauline und seine Mountainbike-Freunde Matthieu, Robin und Thierry. Unser idyllischer Startpunkt in Kaysersberg liegt inmitten von Weinbergen am Fuße der Vogesen. Reich verzierte Fachwerkhäuser und malerische Brücken prägen das Stadtbild. Vogesen-Romantik pur! Leider sind meine Augenlider und mein Kopf vom Vorabend noch etwas schwer.

Jérôme hat es sich nicht nehmen lassen, mir die besten Seiten seiner Heimat zu zeigen, auch abseits der Trails. Der Riesling war verdammt gut, die Nacht, um ihn komplett zu verdauen, leider etwas zu kurz. Entsprechend schwer fällt mir der Start. Zum Glück verläuft das erste Teilstück ziemlich flach. Gemütlich pedalieren wir durch die engen Gassen des romantischen Winzerstädtchens.

Auch die erste lange Auffahrt, die überwiegend durch schattige Wälder verläuft, bringen wir dank breiter Pisten ohne viel Anstrengung zügig hinter uns. „Zur Belohnung folgt eine erste feine Abfahrt nach Bonhomme“, verspricht Jérôme. Er soll recht behalten. Wir fahren bergab durch eine Landschaft wie aus einem Vogesen-Werbeprospekt: Exzellente Trails schmiegen sich in sanft geneigte Wiesenhänge, Kühe grasen auf Blumenwiesen, Kehre reiht sich an Kehre. Schnell wird mir klar, warum die Vogesen für Jérôme perfekte Trainingsbedingungen bieten.

Ob Steilanstiege, Abfahrten im besten Enduro-Style, Freeride-Strecken oder sogar Bike-Parks – auch auf unserer Tour bleiben keine Biker-Wünsche offen. Ganz umsonst gibt’s diese Leckerbissen allerdings nicht. Man muss schon recht kräftig – und vor allem ausdauernd – in die Pedale treten.

Auch der Aufstieg von Bonhomme zum Lac Blanc hat es in sich – vor allem in der Mittagsglut. Nur Jérôme hat noch ausreichend Puste und plaudert munter aus dem Nähkästchen. Er erzählt von seinen Siegen und Teilnahmen am legendären Downhill-Rennen Megavalanche. Auch Thierry und Matthieu geben immer wieder ihren Senf dazu.

Der Anstieg vergeht dank der guten Unterhaltung wie im Fluge, doch total durchgeschwitzt bin ich dennoch Jetzt treff en wir das erste Mal auf den Massentourismus: Die unzähligen Freeride-Boliden, die der überregional bekannte Bike Park Lac Blanc anzieht, und die zahlreichen Wanderer sowie Motorrad- und Auto-Touristen, die die Hochstraße Route de Crete bevölkern, lassen an diesem Pfingstsonntag keine beschauliche Einkehr zu. Wir pausieren nur kurz und fahren dann auf einen ruhigeren Single trail, der uns zu den Seen Lac Blanc und Lac Noir führt. Am zweiten wollen wir unser Glück noch mal versuchen und eine Rast einlegen.

Ein großer Pluspunkt der Vogesen sind die vielen Einkehrmöglichkeiten. Wenn der Magen knurrt, steuert man einfach die nächste Ferme Auberge und probiert regionale, überwiegend selbst produzierte Schmankerln. „Flammkuchen und Munster-Kas können es in ihrer Funktionalität vielleicht nicht ganz mit herkömmlichen Energieriegeln aufnehmen“, witzelt Jérôme, „geschmacklich sind sie ihnen aber eindeutig überlegen.“ Leider haben auch am Lac Noir die Ausflugsfahrer klar die Oberhand. Wir kehren daher nur für eine kleine Stärkung ein und machen uns dann wieder auf den Weg.

Noch liegen knapp 25 Kilometer und fast 1500 Abfahrtsmeter vor uns. Wir fahren durch zauberhafte Landschaften, tauchen in dunkle Wälder ein und geben auf rassigen Trails Vollgas, bis wir uns der Rheinischen Tiefebene nähern, in die unser letzter, langer Downhill führen wird.

Der Trail, der über den Col du Wettstein und die Linge verläuft, konfrontiert uns mit einer traurigen Vergangenheit: Im Ersten Weltkrieg erstarrte hier die Front zwischen Frankreich und Deutschland zum Stellungskrieg.

Mehrfach säumen große Soldatenfriedhöfe unseren Weg. Heute sind die riesigen Gräberreihen Mahnmale für Frieden und Versöhnung. Als wir mit unserer Bike-Gruppe jene Wege hinabjagen, die von den ehemals verfeindeten Völkern angelegt wurden, ist mir die deutsch-französische Geschichte mehr als präsent. Doch der Downhill-Trail in Richtung Trois Epis vertreibt alle traurigen Gedanken.

Unten angekommen, erwartet uns eine Ansammlung von Kapellen und wenig hübschen Kirchlein. Trois Epis ist ein Wallfahrtsort und mit seinen Nippes-Läden ganz auf Touristen eingestellt. Das Wunderheilungs-Business à la Lourdes und der Schwarzwald-Kitsch à la Titisee schrecken mich ab. „Ich will hier weg“, flehe ich Jérôme an. „Kein Problem“, sagt er. „Der nächste Trail nach Ammerschwihr wird dir wieder gefallen!“ Und ja – er gefällt mir.

Mit qualmenden Bremsscheiben rollen wir durch die Weinberge nach Kaysersberg zurück. Nachdem das Mittagessen am Lac Noir eher dürft ig ausgefallen ist, freue ich mich umso mehr auf einen deftigen Flammkuchen mit Sauerrahm und Speck. Und auf ein schmackhaft es Elsässer Bier. Denn auch das habe ich von Jérôme gelernt: Die Elsässer können nicht nur hervorragend mountainbiken, sie brauen auch richtig gutes Bier, auf das sogar mancher Bajuware stolz wäre. Die Beine schmerzen, aber ich fühle mich wie ein Enduro-Champion. Na dann, prost!


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05.07.2013
Autor: Tobias Kurzeder
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 08/2013