Mountainbiken auf Korsika – Infos, Tourentipps, GPS-Datenaten

MTB-Reisereportage Korsika

Abenteuerliche Trails, auf denen auch mal Wildschweine den Weg kreuzen, sind auf Korsika keine Seltenheit. Biker lieben die Insel vor allem wegen ihrer Ursprünglichkeit.

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MountainBIKE Korsika Foto: Ralf Schanze
MountainBIKE Korsika Foto: Ralf Schanze
MountainBIKE Korsika Foto: Ralf Schanze

Korsika ist das Land, wo es Blutrache gibt, die Siesta, politische Intrigen, aromatischen Käse, wilde Schweine, Esskastanien und alterslose Greise, die einfach nur zuschauen (die Greise nämlich), wie die Zeit vergeht. Korsika ist aber noch mehr.

Es gehört zu den bevorzugten Fleckchen Erde, die Eigenart, ja sogar Persönlichkeit besitzen, denen weder Zeit noch die Menschen etwas anhaben können. Korsika ist eine der bezauberndsten Gegenden der Welt und trägt zu Recht den Namen ‚Insel der Schönheit‘.“

Zugegeben, in Wirklichkeit stammen diese Zeilen aus dem Comicheft „Asterix und Obelix auf Korsika“. Doch selbst das französische Fremdenverkehrsamt hätte wohl keine schönere Liebeserklärung an die drittgrößte Mittelmeerinsel zustande gebracht als die beiden schnauzbärtigen Gallier.

Und wenn es zu Römerzeiten schon vollgefederte Mountainbikes gegeben hätte, wäre sicherlich noch eine weitere Lobpreisung hinzugekommen. Doch bevor man auf Korsika mit seinem Bike auf Erkundungstour gehen kann, heißt es: knallhart recherchieren! Denn Korsika ist in vielerlei Hinsicht ein Mountainbike-Entwicklungsland.

Internetforen und Bücher liefern nur wenige Toureninfos, gutes Kartenmaterial ist rar. Eigentlich unverständlich, bietet Korsika doch nahezu ideale Voraussetzungen für Biker. Auf der Insel finden sich insgesamt 80 Berge mit über 2000 Metern Höhe, dazu unzählige Wanderwege, die immer wieder das Macchia-Labyrinth kreuzen. Der wohl bekannteste unter ihnen: der Hauptwanderweg G20.

Vielleicht zählt Korsika unter Bikern auch deshalb noch zu den großen Unbekannten, weil die Insel verkehrstechnisch so schlecht erschlossen ist. Auf den kurvenreichen Landstraßen kommt man mit dem Auto nur langsam voran, und magenempfindliche Zeitgenossen sollten immer eine Spucktüte bereithalten. Mein Bike-Kumpel Thomas und ich haben uns daher schon während der Reiseplanung eine Strategie überlegt: Wir suchten nach einem geeigneten Basislager, um von dort aus unsere Touren zu planen.

Gelandet sind wir im Golf von Valinco im Südwesten der Insel. Dass diese verschlafene Region mit ihren verträumten Orten absolut Biker-freundlich ist, erfahren wir einen Tag nach unserer Anreise, als wir frühmorgens in dem kleinen Bike-Laden von Philippe Teixeira stehen. In null Komma nichts sind wir mit korsischen Insider-Infos, Karten und GPS-Daten ausgestattet, um kurze Zeit später über den ersten Trail zu rollen.

„Das wird kein Kindergeburtstag“, witzelt Thomas, als wir eine steile Rampe durch dichtes Macchia-Gebüsch hochstrampeln. „Zum Glück haben wir Tubeless-Reifen aufgezogen“, antworte ich. „Sonst hätten wir schon ein Dutzend Schlauchflicken verbraucht.“ Alles andere als ein Kindergeburtstag ist auch der abschließende Ritt über den Mare-e-Monti-Wanderweg. Unsere Gabeln ächzen, als wir über die dicken Felsbrocken fahren.

Immer wieder müssen wir absteigen. Wir fühlen uns ein bisschen wie Nahkämpfer und sehen wohl auch so aus – unsere Arme sind von der Macchia schon gut zerkratzt. Doch der Mare e Monti hält auch eine gehörige Portion Flow für uns bereit.

Dass Korsika auch lieblich sein kann, beweist uns der folgende Tag. Gemütlich kurbeln Thomas und ich auf einer kleinen Landstraße ins Bergdörfchen Sollacaro. Links und rechts von uns verwandeln Klatschmohn, Schafgarbe und Butterblumen die weiten, grünen Wiesen in ein buntes Blumenmeer. Alte, knorrige Olivenbäume säumen unseren Weg.

Wie alte Männer scheinen sie über die Landschaft zu wachen. Ja, Korsikas Schönheit zeigt sich hier in vielen Facetten. In einer Bar in Sollacaro machen wir in einer Altstadtgasse Pause. Es ist Mittagszeit, und an den Nebentischen laben sich französische Touristen an deftigen Vorspeiseplatten mit Wildschwein-Wurst, Käse und Oliven. Uns läge das viel zu schwer im Magen, schließlich haben wir noch ein paar anstrengende Kilometer vor uns. Wir entscheiden uns für Forelle mit frischen Kräutern. Ein Genuss!

Die anschließende Piste führt uns durch dichte Wälder immer weiter in die Berge. Dort, wo die Bäume Lücken lassen, fällt der Blick auf den Hafen von Propriano und auf die weißen Sandbuchten des Golfs von Valinco. Wo sonst genießt man in Europa noch solche Ausblicke auf unverbaute Sandstrände, auf denen sich die wenigen Sonnenanbeter im endlosen Nichts verlieren?

„Es hat eben auch sein Gutes, dass die Franzosen Korsika lange vernachlässigt haben und die Insel einen touristischen Dornröschenschlaf halten durfte“, kommentiert Thomas unseren Ausblick. Wir sehnen uns nach einem kühlen Bad im Meer, aber der Blick auf die Karte verrät, dass noch ein gutes Stück Arbeit vor uns liegt. Bei der Abfahrt über einen zugewachsenen Serpentinenweg lassen wir es krachen, obwohl das Macchia-Gebüsch wieder heftig an Armen und Waden reißt.

Dann der Schockmoment: In einer Kurve stürzt mit wildem Gegrunze fünf Meter vor mir unvermittelt ein Wildschwein aus dem Gebüsch – und verschwindet so schnell, wie es gekommen ist. Der Wildwechsel treibt meinen Puls in astronomische Höhen. „Nie hätte ich gedacht, dass die Viecher so groß sind“, rufe ich. „Obelix hätte seinen Spaß gehabt!“ Unser Spaß wartet ein paar Kilometer weiter. Der Mare e Monti schlängelt sich durch eine echte Zauberwelt.

Die Wipfel riesiger Bäume wiegen im Wind bedächtig hin und her. Lange Flechten hängen von mächtigen Ästen hinab. Das Spiel aus Licht und Schatten sorgt für eine fast mystische Stimmung. Auf den nächsten Trail-Passagen pumpen wir mit der Gabel um die Wette, fliegen förmlich über kleine Stufen und rauschen durch unzählige Kurven. Auch beim Gute-Nacht-Bier in Porto Pollo denken wir noch immer an den Mare e Monti.

Er steht auf unserer Singletrail-Hitliste ganz weit oben – so wie Korsika als Insel zum Mountainbiken. Asterix und Obelix wussten ja schon damals, dass Korsika „eine der bezauberndsten Gegenden der Welt“ ist.


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04.04.2013
Autor: Ralf Schanze
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 05/2013