Mountainbiken auf dem Stoneman Miriquidi im Erzgebirge – Infos, Streckenbeschreibung, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Stoneman Miriquidi

Stoneman spricht seit Mai Sächsisch! Roland Stauders geniale Tourenidee ist die neue Herausforderung – weit über Sachsend Grenzen hinaus.

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MountainBIKE Stoneman Erzgebirge Foto: Gerhard Eisenschink
MountainBIKE Stoneman Erzgebirge Foto: Gerhard Eisenschink
MountainBIKE Stoneman Erzgebirge Foto: Gerhard Eisenschink

Vier Uhr dreißig: Der Weckruf schrillt erbarmungslos. Claudia Engelstädter und Patrick Günther reiben sich den Schlaf aus den Augen, eine Blitzwäsche, ein Sturztee, um Punkt fünf sitzen die beiden auf ihren Mountainbikes. Und starten von Oberwiesenthal Richtung Norden. Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne berühren eben die Sprungschanzen der Medaillenschmiede der Ex-DDR. Heute ist Oberwiesenthal im Sommer das Mekka aller ostdeutschen Mountainbiker. Nur nicht unbedingt um fünf Uhr morgens.

Doch Claudia und Patrick wollen in nur einem Tag den „Stoneman Miriquidi“ bezwingen. Sie haben sich extra einen der längsten Tage des Jahres Ende Juni ausgesucht. Sie wissen genau, dass sie die 16 Stunden Licht noch brauchen werden.

Es tut gut, zum Warmwerden bergauf zu fahren – bei vorweihnachtlichen acht Grad. Oberwiesenthal liegt auf 914 Meter und ist die höchstgelegene Stadt Deutschlands. Aber keine Sorge, der Stoneman bietet genug Uphills zur Erwärmung!

Der Südtiroler Roland Stauder entwickelte das Stoneman-Konzept zwar nicht zum Warmmachen, sondern eher für intensives Landschaftserlebnis. Den ersten Stoneman-Trail setzte er daheim in Sexten, Dolomiten um: 120 Kilometer, 4000 Höhenmeter. Bei der Suche nach dem weltweit zweiten Stoneman wurde Stauder im Erzgebirge fündig. Im Mai 2014 wurde das steinharte Wegewerk eröffnet, das den germanischen Beinamen Miriquidi für „Dunkler Wald“ trägt. Orientierungshilfen: Schilder mit den typischen Steinmännern. Motivation: Wer die 162 Kilometer und 4400 Höhenmeter in 24 Stunden schafft, erhält eine goldene Stoneman-Trophäe. Für zwei Tage gibt es Silber, für drei Tage Bronze.

5:30 Uhr: Durch dunklen Wald schießen Claudia und Patrick abwärts. Noch macht der „Miriquidi“ seinem Namen alle Ehre. Also einfach immer den gelben Stoneman-Schildern hinterherjagen! Oben auf dem Bärenstein wartet dann ein kleines Gipfelfest: die Starterkarte in den speziellen Locher stecken und durchdrücken. Nur wer alle neun Gipfel eingelocht hat, bekommt die Trophäe. Wie grüne Wellen liegen die Hügel und Berge vor dem Bärenstein. Am Horizont lugen die zwei höchsten Stoneman-Berge hervor. Nur noch 150 Kilometer ...

7:15 Uhr: Nach 300 Höhenmetern Aufstieg lockt das Berghotel am 834 Meter hohen Pöhlberg, dem nördlichsten Gipfel der Runde, mit einem zweiten Frühstück. Doch erst am Checkpoint Karte lochen! Jeder der Gipfel auf der Tour bietet Verpflegung gegen Unterzuckerung und Muskelversauern. Und auf dem Pöhlberg erfreut zudem noch der Ausblick auf Annaberg-Buchholz, die uralte Bergbaustadt.

Seinen Namen hat das Erzgebirge nicht von ungefähr. In diesem Gebirge befand sich ab dem Mittelalter eine der intensivst durchwühlten Bergbauregionen weltweit. Der steinalte Bergbaugruß „Glück auf!“ wird heute noch gewechselt, zum Beispiel wenn sich Biker und Wanderer auf den Wegen des Erzgebirges begegnen. Ein schöner Brauch.

8:30 Uhr: In unendlichem Auf und Ab haben Claudia und Patrick ihren dritten Gipfel bezwungen, den 807 Meter hohen Scheibenberg. Nach 46 Kilometern und 950 Höhenmetern. Da sind die Beine nicht mehr taufrisch, obwohl noch nicht einmal ein Drittel der Strecke geschafft ist. Nun folgt bis zum nächsten Gipfel eine der härtesten Passagen der Tour: 36 Kilometer und fast 1000 Höhenmeter bis zum Rabenberg. Rabenschwarze Aussichten, denn auch für die steinhärtesten aller Waden verliert der Stoneman so langsam, aber sicher seinen Spazierfahrtcharakter. Schmerzhaft wird’s.

12:00 Uhr: Geschafft, der Rabenberg ist bezwungen! Zufrieden stärken sich Claudia und Patrick im „Trailcafé“ des Trailcenters. Auf dem Rabenberg befindet sich ein Sportpark, in dem man 30 verschiedene Sportarten ausprobieren kann. Wozu die beiden heute wenig Drang verspüren. Sie müssen weiter, denn es ist gerade mal die Hälfte der Tour geschafft. Aber es wartet eines der fahrtechnisch schönsten Stücke des Stoneman: In Deutschlands erstem Singletrail-Park wurden vier Singletrails mit über 50 Kilometern Länge angelegt und mit Anlegern und Holzelementen garniert. Der Stoneman streift einen Teil dieses Trail-Lustgartens. Auch wenn die Beine nach der Pause verdammt schwer sind, der Fahrspaß im Zickzack durch den Wald ist ein idealer Muntermacher.

14:30 Uhr: Der über 1000 Meter hohe Auersberg ist erreicht. Es kommt so langsam die Hitze des Tages in den „Dunkelwald“. Erste Motivationsprobleme treten auf. Wie schön wäre der Stoneman an zwei Tagen? Da helfen die isotonisch wirkenden alkoholfreien Weizen von Berggastwirt Nils. Mit seiner Irokesenfrisur wirkt er sowieso schon erfrischend anders. Die volle Runderneuerung ist aber vor allem die riesige Vesperplatte, die Nils den beiden Marathonfahrern auftischt. Aber wenn schon der zweite Wind in Sachen Leistung nicht kommen will, der zweite Hunger kommt bestimmt.

16:30 Uhr: Der Leistungswille ist glatt zurückgekehrt. Essen kann auch den Geist beflügeln. Nun ist der 1043 Meter hohe Blatensky vrch erreicht, der Plattenberg in Tschechien. Vorher hatten die beiden in Johanngeorgenstadt die deutsch-tschechische Grenze nach Potucky passiert – Vietnamesenmarkt entlang der Straße mit T-Shirts, Schuhen, Brillen, Taschen, Zigaretten und dem „Kiss Club“. Keine Zeit für solche Verlockungen, der Tag neigt sich langsam, aber unaufhaltsam dem Ende zu.

17:00 Uhr: Finales Einlochen am 1028 Meter hohen Plesivec! Auf Deutsch: Pleßberg. Auch in Tschechien gelten die gleichen Regeln des Stoneman, und der Trail ist mit den gleichen Schildern bestens ausgewiesen. Eine halbe Stunde ausruhen, im Berghaus schnell einen der köstlichen Palatschinken essen, das bringt wieder neue Freude in die Beine. Denn die haben jetzt noch mal eine knallharte Passage vor sich: 26 Kilometer und 950 Höhenmeter hinüber zum 1244 Meter hohen Klinovec oder Keilberg. Denn der Stoneman ist nichts zum Steinerweichen, er bleibt hammerhart, beinhart, steinhart. Aber die Strecke ist landschaftlich zum Herzerweichen. In mildes Spätnachmittagslicht getaucht, passiert man weite Grasflächen, die in den Prärien Montanas liegen könnten. Eine kleine Herde Kühe auf einer riesigen Weide, ab und zu ein vereinzeltes Haus, sonst nur wogende Hügel, eingerahmt vom dunklen Wald. Es gibt nicht mehr viele Stellen in Europa mit so viel Einsamkeit.

20:30 Uhr: Der Klinovec ist erreicht, der Keilberg. Steinhart. Nach fast 600 brutalen Höhenmetern. Die Pausen wurden häufiger, die Fahrt immer mehr zur Qual. Wer den Stoneman in einem Tag bezwingen will, muss sich schinden, muss ein Masochist sein. Quäl dich, du Sau. Hinüber zum letzten Berg, dem Fichtelberg, der schon der Hausberg von Oberwiesenthal ist. Von dort nur noch bergab auf der alten
Rennrodelbahn in den Ort. Ab 21 Uhr startet die Live-Musik im „Prijut 12“, dem Szenetreff der Mountainbiker. Und dort mit einer frischen Stoneman-Trophäe in Gold einzulaufen, das hat was.


Inhaltsverzeichnis

21.08.2014
Autor: Gerhard Eisenschink
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 10/2014