Mountainbiken im Spessart – Infos, Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Spessart

Wo einst lichtscheues Gesindel sein Unwesen trieb, räubern heute Mountainbiker auf einem über 1000 km langen undeinheitlich beschilderten Wegenetz.

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MountainBIKE Spessart Foto: Gerhard Eisenschink
MountainBIKE Spessart Foto: Gerhard Eisenschink
MountainBIKE Spessart Foto: iStockphoto

Der Specht trommelt begeistert gegen eine alte Buche, die Singdrossel schmettert inbrünstig ihr Lied von einer wettergegerbten Knorreiche. Frühling im Spessart. Doch die Idylle ist eine trügerische. Knackt da nicht ein Ast? Dann ein bedrohliches Rascheln!

Und urplötzlich bricht unter Höllengeschrei eine Horde zerlumpter und übelriechender Wegelagerer aus der Deckung und überfällt eine ahnungslose Wandergruppe. Treiben hier etwa die berüchtigten Spessart-Räuber noch immer ihr Unwesen?

Manfred „Mambo“ Englert und seine drei Freunde würde das auf ihrer Bike-Tour nicht weiter wundern. „Räuberüberfälle als kleine Überraschungseinlage für Wandergruppen werden im Spessart immer beliebter“, meint Mambo und fragt seine Freunde. „Warum machen wir das nicht einmal für Mountainbiker?“

Man glaubt es kaum: In manchen Orten im Spessart können Überfälle als Touristenattraktion hochoffiziell beim Fremdenverkehrsamt gebucht werden. Einschließlich Fesseln und touristentauglich-sanfter Folter. Zur Nervenberuhigung gibt es anschließend ein Glas Kräuterschnaps für jeden Überfallenen. Mit was man Wanderer doch locken kann! Biker dagegen sind den Räubern zu flott.

Biker finden ihren Adrenalin-Kick aber auch auf andere Weise. Etwa beim rasanten Slalom durch den dunklen Spessartwald hinunter ins Aubachtal. Auf einem Naturweg, der mit Wurzeln und Rinnen eine etwas andere Art von Folter bietet. Mit echten Schlägen.

Die rollende Räuberbande ist unterwegs in der Nähe ihrer Heimatgemeinde Frammersbach. Der 5000-Seelen-Ort liegt mitten im Spessart und ist in Mountainbike-Kreisen so etwas wie der Nabel des Mittelgebirges. Nicht nur wegen der zentralen Lage, sondern wegen des Spessart-Bike-Marathons, den die Frammersbacher bis 2012 sechzehnmal veranstaltet hatten. Oder einfach wegen der totalen Bike-Begeisterung, die in dem kleinen Ort herrscht.

Knapp ein Dutzend Bike-Teams wurde im Laufe von zwei Jahrzehnten in Frammersbach gegründet. Der Heizungsbauer fing an, der Feinblechbetrieb zog mit, Elektroinstallateur, Optiker, Bürobedarf und Versicherungsbüro folgten. Wer in der Geschäftswelt des kleinen Ortes etwas auf sich hielt, setzte irgendwann ein MTB-Team ins Leben. Mit den ernsten Ambitionen einer Rennmannschaft.

Eine der größten Herausforderungen war bis 2012 jedes Jahr der mitten im Ort startende Spessart-Bike-Marathon. Nicht minder motiviert, hielten die Nachbarn der Frammersbacher wacker dagegen – mit dem Keiler-Bike-Marathon in Lohr oder dem Biebergrund-Bike-Marathon in Biebergemünd. Renn- statt Räuberwahn im Spessart.

Mambo und seine drei Kumpels veranstalten auf ihrer Samstagstour lieber ihr eigenes Privatrennen. Der Nachbarort Habichsthal wird in einem abwechslungsreichen Potpourri aus mehr oder weniger breiten Wanderwegen umzirkelt, dann folgt echtes einspuriges Fahrvergnügen auf der wilden Abfahrt in den Birklergrund südlich von Wiesen. „Räubern wir los“, ruft Mambo begeistert.

Eines ist sonnenklar: Der schattige Spessart ist echtes Räubergelände! Eng und fies geht dieser Trail ab, ist er doch gespickt mit unzähligen Baumwurzeln. Relativ gutmütige, die quer zum Trail verlaufen. Über die knallt man einfach drüber – anders als über die längs laufenden ... Bei feuchtem Untergrund kann man sich hier gut ablegen, wenn die dicke Muddy Mary nicht aufs Wort gehorcht.

Doch heute ist es trocken, und die vier brechen mit voller Sause zu Tale. Hardtails kommen auf diesem Wurzel-Parcours schnell an ihre Grenzen. Wo sonst herrlicher Flow auf den Trails des Spessarts dominiert, ist hier geschüttelt, nicht gerührt angesagt. Wie auf einem Waschbrett hauen die Wurzeln im Stakkato auf Rahmen und Fahrer ein. Die Härte des Lebens für alle Hardtailer.

Die haben sonst auf den Wegen des Spessarts beste Karten, denn die Trails sind meist technisch einfach und so gut wie nie verblockt. Lange Federwege sind nicht nötig, wenngleich bei den allgegenwärtigen Baumwurzeln sinnstiftend. Mambo liebt diese Wege, sie sind fast schon sein Lebensinhalt.

Wenn der Berufsmusiker zur Entspannung auf dem Bike sitzt, dann ist er immer auf der Suche nach Einspurigem. Denn Mambo Englert ist der GPS- und Singletrail-Spezialist der Frammersbacher Mountainbike-Gemeinde. Ein Generationensprung zu seinem Tour-Kameraden Thomas Hofmann. Der ist Mr. Bikewald, weil er schon 2004 damit begonnen hat, ein Mountainbike-Wegenetz im Spessart zu etablieren.

Heute kann das Projekt Bikewald Spessart auf 875 Kilometer und 17 000 Höhenmeter einheitlich ausgeschilderte Bike-Strecken stolz sein. Ein gewaltiges Wegenetz, das das Herzstück des Spessarts von Aschaffenburg im Westen bis Lohr im Osten und Sinntal im Norden umspannt.

Doch das Wegenetz bestand bisher fast nur aus Forstwegen, weil der Beschilderung von einspurigen Abschnitten zu viele Widerstände entgegengesetzt wurden. Das GPS-Gerät war für Mambo die Innovation, die den Generationensprung in Sachen Tourenorientierung möglich machte. Heute kann man auf der Webseite des Bikewald Spessart sieben Touren herunterladen, die viele naturnahe Pfade und enge Singletrails beinhalten und das Wegenetz auf über 1000 Kilometer wachsen ließen.

Viele Sahnestückchen sind da dabei. Der Weg aus dem Birkler Grund auf der anderen Talseite hoch ist für Mambo und seine Tourkameraden so ein Premium-Teil und die Belohnung für unzählige Stunden an Planungsarbeit und Erkundungsfahrten. „Ein Klasse-Trail, so breit wie Mutters Geschirrtuch und gespickt mit Wurzeln aller Kategorien“, ruft Mambo – einmal mehr begeistert von seinen eigenen Tourenkreationen. So muss sportliches Bike-Vergnügen im Mittelgebirge aussehen!

Das Dorf Wiesen ist erreicht, ergo weicht der Wald Wiesen und gibt den Blick frei auf weite Landschaften. Dahinter ein Meer an Bergrücken, die wie grüne Wellen zum Horizont laufen. Der Spessart ist ein dicht bewaldetes Mittelgebirge und Touren finden allermeistens unter Bäumen statt.

Diese fast durchgehende Bewaldung war auch der Grund, warum sich hier die Räuber und Wegelagerer bis weit ins 19. Jahrhundert so wohl fühlten. Lediglich zwei Straßen durchzogen noch vor 100 Jahren die damals dichten Urwälder. Für Wegelagerer war das ideal. Sie suchten eine geeignete Stelle, zogen einen Graben quer über den Weg, verbargen ihn unter Zweigen und warteten, bis ein Fuhrwerk dort mit Achsbruch liegenblieb. Der Rest war einfach: ausrauben und ab in die Wälder.

Dass gerade der Spessart zum deutschlandweit bekannten Räuberwald wurde, ist dem Film „Das Wirtshaus im Spessart“ von 1958 mit Lilo Pulver in der Hauptrolle zu verdanken, der zu einem der beliebtesten Streifen der deutschen Filmgeschichte wurde und noch heute auf Youtube wie wild geklickt wird.

Literarisches Vorbild des Filmes war die gleichnamige Erzählung von Wilhelm Hauff aus dem Jahre 1828, die schon gut hundert Jahre früher für Klicks der anderen Art in den Köpfen der Deutschen sorgte: der Spessart als dichtes Waldgebirge, das Räuberland mit Geisterschlössern und Wirtshäusern mitten im Wald.

Dabei ereilte das wirkliche Wirtshaus im Spessart ein weniger romantisches Schicksal als der Filmkneipe: Es wurde schlicht platt gemacht. Zwar ist nicht ganz klar, welches Wirtshaus Vorbild für Hauffs Erzählung war, aber der Top-Aspirant, das Wirtshaus in Rohrbrunn, liegt unter dem Asphalt der A 3 und der Raststätte Rohrbrunn begraben.

Vielleicht hatte Hauff aber an das Gasthaus Zur Post in Mespelbrunn gedacht, wo er 1826 auf seiner Reise quer durch den Spessart nach Frankfurt Station machte. Mespelbrunn ist schließlich der ideale Ort in Sachen Spessart-Romantik, denn das dortige Wasserschloss gehört zu den schönsten in Deutschland und war auch Drehort des Filmes von 1958, der Räuber, Comtessen und Wanderburschen zu seichtem Herz-Schmalz verrührte.

Doch Mambo und seine Freunde pfeifen heute auf jegliche Spessart-Romantik, ihnen liegt mehr an der sportlichen Seite des Gebirges. „Ab in die Wälder!“ ruft Mambo und führt seine Gruppe nun auf eine der wenigen aus der Eisenzeit stammenden Straßen, den Eselsweg.

Heute ist die alte Nord-Süd-Verbindung im Spessart Wander- und Forstweg und wurde von Mambo in ihren schönsten und vor allem schmalsten Stücken in seine Pfad-Tour integriert. Bald räubern die vier Mountainbiker durch Jakobsthal, wieder so ein kleines Loch im grünen Rock des Waldes.

Und ab da folgt das nächste Sahnehäubchen der Pfad-Tour, ein einsamer, gewundener Waldpfad hinüber nach Heigenbrücken, der sich haarscharf um Baumstümpfe und Brombeerhecken herumwindet, der angeschmiegt an den Hang kurvig einem Bachlauf folgt und der mit kurzen Drops und kleinen Giftspritzen-Anstiegen vorausschauendes Schalten erfordert. Herrlich, so durch den Wald zu zimmern!

„Wenn es die spannenden Singletrails im Spessart nicht gäbe“, sinniert Mambo am Ende der Tour, „dann müsste ich irgendwann auch aus Langeweile anfangen, Wandergruppen zu überfallen.“


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26.03.2014
Autor: Gerhard Eisenschink
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 05/2014