Mountainbiken am Trauf der Schwäbischen Alb - Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Schwäbische Alb

Eduard Mörike nannte den Albtrauf, die 400 Meter tiefe Kante zwischen Ulm und Stuttgart, die „Blaue Mauer“. Biker erfahren: An dieser Mauer werden auch Muskeln ganz schön blau!

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„Großhirn an Drüsen: Adrenalinausstoß vorbereiten!“ Um es mit Otto Waalkes zu sagen. Der ist zwar Friese statt Schwabe, aber seine Worte könnten passsicherer nicht treffen. Eben habe ich mein Vorderrad über eine armdicke Wurzel gelupft, schon rolle ich auf die nächste Trailtücke zu: eine schräg zum Weg verlaufende Steinplatte, deren Oberfläche gefährlich nass schimmert und mit ein wenig Moos überzogen ist. Bevor ich noch über Otto und Adrenalin nachdenken kann, ist mein Bike auch schon darüber hinweggerauscht – und ich vom Bike abgerauscht.

Und so geht es schier endlos weiter auf den Trails entlang der Kante des Albtraufs. Biker müssen hier allzeit hellwach sein. Ein Fahrfehler könnte viel „Airtime“ bedeuten, denn der Weg fällt zur einen Seite steil ab. Nichtsdestotrotz brauchen die Wurzelfelder Speed, damit man nicht mit dem Vorderrad hängen bleibt. Was dabei herauskommt, ist eine Mischung aus Daueranspannung und Dauerglück – in einem Wort Mountainbiken at its best.

Albtrauf. So wird der bis zu 400 Meter hohe nordwestliche Steilabfall der Schwäbischen Alb genannt. Er trennt die Albhochfläche vom Albvorland. Ein wild zerklüfteter Mix aus engen Tälern mit verträumten Fachwerkdörfern, weiten Hochebenen mit den typischen Wacholderheiden, lichten Streuobstwiesen und sattgrünen Eschen- und Buchenwäldern. Durch die weit verzweigten Täler am Rande des Traufs finden Biker hier ein Spaßparadies. Aber Obacht: » Wo es steil runter geht, muss es auch wieder steil hoch gehen.

Albtrauf: Eine Traumwelt der Schwäbischen Alb

Ich muss gestehen, ich hatte die Schwäbische Alb ausgesprochen negativ in Erinnerung. Denn während meine Schulfreunde ihre Abschluss-Klassenfahrten in Rom, Paris und London genossen, zwang uns der Lehrer meines Erdkunde-Leistungskurses in eine gruselige Jugendherberge im Schwabenländle. Seitdem war die Schwäbische Alb für mich sozusagen eine „Landschaft non grata“.

Inga und Andreas wollen das ändern. Eine bessere Begleitung hätte ich mir für mein langes Albtrauf-Wochenende nicht wünschen können. Andreas arbeitet bei einer hiesigen Tageszeitung und hat zu fast jedem Gebäude und Dorf entlang des Weges eine spannende Geschichte parat. Und Inga kennt hier als Mountainbike-Guide eines lokalen Tourenanbieters jeden Trailmeter aus dem Effeff.

Also tauche ich mit Inga und Andreas ein in die Traumwelt Albtrauf. Aber wohin wir auch sausen, auf fast jedem Trail sorgen Wurzeln, Geröll und Steinplatten für einen hohen Adrenalinspiegel. Der hiesige weiße Kalkstein ist zwar ein vielseitiger Baustoff, doch regennass ist er so schmierig wie Seife.Am nächsten Tag führt uns Andreas auf eine fast 800 Meter hohe Hochebene nahe Münsingen. Hier befand sich einst inmitten der sanft hügeligen Kuppen das 665 Einwohner zählende Dörfchen Gruorn. Es wurde 1939 aufgelöst, die Bewohner zwangsumgesiedelt. Die gesamte Markung wurde in den seit 1896 bestehenden Truppenübungsplatz Münsingen einbezogen, um diesen erweitern zu können. Am Anfang übten die Soldaten hier den Häuserkampf, im Laufe der Jahre verfiel Gruorn, später wurden die Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Übrig blieb die Dorfkirche, der Friedhof, das Schulhaus und ein paar alte verwitterte Hausmauern, die inzwischen alle von Büschen und Bäumen überwuchert wurden. Wie Mahnmale einer längst vergessenen Zeit stehen die Mauerreste zwischen dem satten Grün. Gruselstimmung mitten im Spätzleland.

Blick über die Abbruchkante der Albtrauf

Doch Inga kribbelt es schon wieder in den Beinen, sie hat heute ebenfalls noch ein paar Besichtigungs-Highlights auf ihrer Bike-and-Trail-Agenda stehen. So kurbeln wir schon bald wieder durch dichte Buchenwälder. Über ein paar steile Rampen kämpfen wir uns auf eine neue Hochebene. Im Zickzack-Kurs geht es weiter durch den Wald, und kurz darauf stehen wir an einer der spektakulären Abrisskanten, für die die Landschaft des Albtraufs so berühmt ist. Wir legen die Mountainbikes besonders sorgfältig ab und tasten uns vorsichtig an die Kante heran. Vor unseren Füßen geht es mehrere hundert Meter senkrecht nach unten. „Puh, ich kann gar nicht runterschauen“, meint Inga und tippelt wieder vorsichtig zurück zu ihrem Rad. Auch mir kribbelt es beim Blick nach unten im Magen. Dennoch – wir mögen unsere Augen kaum lösen von diesem „Grand Canyon der Schwäbischen Alb“.

Zur Burgruine Hohenneuffen

Auch am nächsten Tag erwartet mich ein weiteres Highlight, denn Andreas hat noch ein Schmankerl auf seiner To-do-Liste: die Burgruine Hohenneuffen. Unter den aufmunternden Zurufen der Wochenendausflügler treten wir die letzten steilen Meter zum Burghof hinauf. Wow! Wie ein Gemälde liegt die schwäbische Landschaft vor uns, nur der Rahmen fehlt noch. Zauberhafte Wolkenspiele ziehen über die grünen Wiesen im Tal. Endlos schweift der Blick über die Hügel bis hinüber nach Stuttgart, dessen Fernsehturm wir im Dunst am Horizont erahnen.

Kein Wunder, dass die Burgruine Hohenneuffen auch gerne für Hochzeitsfeiern gebucht wird. Gerade baut sich ein frisch vermähltes Brautpaar mit ihren Trauzeugen neben uns für den Fotografen auf. Auf Kommando springen alle hoch, um ihr Glück auch bildlich kundzutun.

Nach diesem Bike-Wochenende am Albtrauf könnten wir auch vor Freude hochspringen. Nun ist die Schwäbische Alb keine „unerwünschte Landschaft“ mehr. Also: „Großhirn an alle: Ärger langsam eindämmen! Adrenalinzufuhr stoppen und Blutdruck langsam senken! Fertig machen zum Händeschütteln und Schulterklopfen!“


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01.02.2016
Autor: Ralf Schanze
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 04/2016