Mountainbiken im Ruhrgebiet – Infos, Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Ruhrgebiet

Schwarze Seele, grünes Kleid: „Das Revier“ entlang der Ruhr ist das vielleicht gegensätzlichste Bike-Revier im Lande. MountainBIKE-Autor und Fotograf Ralf Schanze kommt aus Essen. Und ließ sich von acht Kumpels ihre ganz persönlichen Lieblingstouren zeigen.

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MountainBIKE Ruhrgebiet Foto: Ralf Schanze
MountainBIKE Ruhrgebiet Foto: Ralf Schanze
MountainBIKE Ruhrgebiet Foto: Ralf Schanze

Es soll ja noch Zeitgenossen geben, die meinen, das Ruhrgebiet sei eine Kohlestaub-geschwärzte Diaspora, der aschige Wurmfortsatz des Landes. Auch in Sachen Mountainbike und Singletrails werden wir vom Republikrest oftmals mitleidvoll belächelt. Das liegt vielleicht daran, dass wir „Ruhris“ dazu neigen, unsere Heimat eher verschämt zu loben. À la: „Wir haben ja auch schöne Ecken.“ Oder, um mit den denkwürdigen Worten des Bochumer Schriftstellers Frank Goosen zu sprechen: „Woanders is auch scheiße.“

So oder so habe ich mich als gebürtiger Essener mit einer Reportage übers Biken im Ruhrgebiet anfangs schwergetan. Ich wusste genau: Wenn ich nur grüne Singletrails zeige, maulen alle: „Das ist doch nicht das Revier!“ Wenn ich aber nur Wege fotografiere, auf denen im Hintergrund Schlote rauchen, meckern alle, ich hätte nur Klischees bedient. So kam ich auf die Idee, mir meine Bike-Heimat zwischen Duisburg und Dortmund von anderen zeigen zu lassen. Ich habe acht Kumpels und Bekannte aus dem Pott, allesamt Freunde des Bikesports, eingeladen, mir ihr Ruhrgebiet zu zeigen, mich mitzunehmen auf ihre Lieblingstrails.

Ergebnis ist ein wilder Mix aus Touren voller Farben: Touren auf Halden, Touren auf einsamen Trails, Touren entlang der verträumten Ruhr, Touren durch Ballungszentren, Touren im dicht-grünen Wald, Touren entlang deutscher Industriegeschichte. Touren, die sich vor keiner anderen Bike-Runde im Lande verstecken müssen!

Zunächst bin ich in Essen-Steele mit Melanie Hundacker und ihrem Freund Karsten verabredet. Melanie betreibt seit einigen Jahren die Outdoor-Agentur „Simply out Tours“ und verbindet dabei auf einzigartige Weise Wandern und Mountainbiken mit Industriekultur. Wir cruisen zunächst durch dichte Wälder, durch deren Dickicht wir immer mal wieder einen Blick auf die Ruhr erhaschen können. Nach einem flowigen Auf und Ab erreichen wir die Altstadt von Hattingen. In Sichtweite der pittoresken Fachwerkhäuser thronen die alten Schornsteine der stillgelegten Henrichshütte.

Und hier beweist Melanie, dass sie nicht nur jeden Baum und Trail entlang der Ruhr wie ihre Westentasche kennt. Die geprüfte Gästeführerin ist zudem auch ein wandelndes Lexikon in Sachen Ruhrgebietsgeschichte. „Die Hütte war früher einer der größten Eisen- und Stahlproduzenten der Region und beschäftigte bis zu 10 000 Menschen.

1987 wurde als Folge des Niedergangs der Kohle- und Schwerindustrie im Ruhrgebiet der letzte Hochofen der Henrichshütte stillgelegt“, erzählt Melanie. Viele ehemalige Gebäude der Henrichshütte sind mittlerweile abgerissen. Was noch steht, wird als Park und Museum genutzt. Rostige Rohre und Türme ragen als versponnenes Industrie-Puzzle in den Himmel und verabschieden uns als Relikt vergessener Zeiten Richtung Alte Heimat.

Bei der nächsten Tour entlang der Ruhr geht es nicht minder romantisch, dafür aber ein Stück sportlicher zu. Denn mein Guide Ben Zwiehoff vom MSV Steele gilt als einer der hoffnungsvollsten Nachwuchsfahrer im deutschen Mountainbike-Sport. Zahlreiche Pokale und Auszeichnungen zeugen von seinem sportlichen Talent. Sein ultraleichtes 29er-Hardtail und ein enger Renndress signalisieren mir eine Vollgas-Runde. Doch es bleibt gemütlich, als wir oberhalb des Baldeneysees über eine seiner Trainingsrunden rollen. Wir kurbeln an der Villa Hügel der Essener Familiendynastie Krupp vorbei, unten auf dem See tummeln sich Segelboote und Freizeitruderer. Baldeney- statt Gardasee. Ben macht aus seiner Liebe zu seinem Heimatrevier keinen Hehl: „Ich finde, wir wohnen im schönsten nicht-schwarzwaldigen Bike-Gebiet Deutschlands. Das Ruhrgebiet geht in der öffentlichen Wahrnehmung als Bikespot aber leider noch immer unter“, so Ben. Spricht’s und prescht am nächsten Anstieg für mich uneinholbar davon.

Schon die beiden Touren mit Melanie und Ben haben mir gezeigt, was das Besondere am Mountainbiken im Revier ist: Nirgendwo sonst findet man Großstadt und Natur so auf engstem Raum miteinander verbunden wie hier. Nur ein paar Kilometer trennen oft turbulente Stadtzentren von Wäldern mit einsamen Trails. Die meisten davon findet man entlang der Ruhr, deren Südhänge schon zum Teil in das Bergische Land hineinragen und dementsprechend hügelig sind.

Wer andere Hügel im Revier sucht, muss auf eine Halde fahren. Über 80 Halden gibt’s noch im Ruhrpott, habe ich von Melanie erfahren. Eine davon, die Halde Haniel auf der Stadtgrenze zwischen Bottrop und Oberhausen, will ich mit Frank Vetter erkunden. Frank organisiert für seinen Verein Adler Bottrop schon seit vielen Jahren eines der erfolgreichsten CTF-Rennen im Ruhrgebiet. Von solchen engagierten Bikern lebt die Szene im Revier.

Kein Wunder, dass er auf den dicht mit Büschen und kleinen Birken bewaldeten Hängen der Halde jeden kleinen Verbindungsweg kennt. Zielsicher lotst mich Frank auf die Spitze des Abraumberges. Die Halde Haniel gehört zu den größten des Ruhrgebiets – und wird sogar noch immer aufgeschüttet, obwohl es nur noch drei aktive Zechen im Pott gibt. Ein Amphitheater und eine Stelen-Reihe aus buntem Grubenholz ragen surrealistisch aus schwarzer Aschelandschaft empor, die ebenso ein Vulkankrater sein könnte. Sogar ein Gipfelkreuz gibt es unterhalb des Plateaus. Die Aussicht ist einmalig: Schlote, Wälder, Städte, Kanäle und am Horizont das weiße Stadiondach von Schalke 04.

Kurz vor diesem Horizont wartet ein paar Tage später Thomas auf mich. Genauer gesagt in der Haard. Die Hügellandschaft am Nordrand der Ruhrmetropole ist ein beliebtes Naherholungsgebiet.

Mit einer Gesamtfläche von etwa 5500 Fußballfeldern ist die Haard das größte geschlossene Waldgebiet nahe des Ruhrgebiets und ein bedeutendes Ausflugsziel für Spaziergeher und Wanderer. Und ein Eldorado für Biker, obwohl der höchste Berg – sorry, Hügel – gerade mal 157 Meter misst. „Wetten, dass wir in 50 Kilometern keine 200 Meter Asphalt fahren?“ lobt Thomas seinen Trail schon vor der Abfahrt. Na, wenn er den Mund da nicht mal etwas zu voll genommen hat.

Hat er nicht, wie ich später feststelle. Ich kann es kaum glauben: Ein handtuchbreiter Weg fräst sich Kilometer um Kilometer einsam durch den Wald, durch dichte Farne, an hohen Baumriesen mit moosigen Stämmen vorbei, am Wegrand wachsen wilde Blumen. Jurassic Park mitten im Ruhrgebiet! Als am Ende des Tages fast 1000 Höhenmeter auf meinem Tacho stehen, wundere ich mich, wie die bei den kleinen Hügelchen zusammengekommen sind. Respekt Thomas, Wette gewonnen!

Bei allem Nationalstolz muss ehrlich festgehalten werden: Fahrtechnisch war die Tour in der Haard nun nicht gerade eine Herausforderung. Doch auch das geht im Pott, wie mir Inga beweist! Ihre Lieblingsrunde führt durch das Waldgebiet nördlich von Wetter. Und als sich Inga im Kamikaze-Stil einer Freeriderin den ersten Hang hinunterstürzt, wird flott klar, dass die Frau bergab nur Vollgas kennt. Alle Wetter! Wir lassen es richtig krachen, die Gabeln arbeiten sich an endlosen Wurzelpassagen ab, die ich so nur aus dem Bayerischen Wald kenne. Aber Inga, Thomas, Melanie, Ben und die anderen haben mir gezeigt: Das Ruhrgebiet ist eine gut versteckte Perle. Man muss nur offenen Auges die tollen Trails suchen. Und finden. Oder man lässt sie sich von ein paar Freunden zeigen.


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24.02.2014
Autor: Ralf Schanze
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 04/2014