Mountainbiken in Reit im Winkl – Infos, Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Reit im Winkl

Gegensätze ziehen sich nicht an. Doch sie sorgen für Spannung und Abwechslung. In Reit im Winkl etwa bieten sie Mountainbikern ein vielfältiges Revier, das von bewaldeten Bergrücken bis hin zu schroffen Felsen reicht.

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MountainBIKE Reit im Winkl Foto: Norbert Eisele-Hein
MountainBIKE Reit im Winkl Foto: Norbert Eisele-Hein
MountainBIKE Reit im Winkl Foto: Norbert Eisele-Hein

Das Straubinger Haus ist ein harte Nuss. In epischen Serpentinen, immer steiler werdend, schraubt sich der Schotterweg von Reit im Winkl zu der Alpenvereinshütte auf der Eggenalm empor. Noch schützt der dichte Blätterwald vor der Sonne, aber die Baumgrenze rückt unaufhörlich näher.

Just in dem Moment, als wir aus dem Schatten fahren, kommt er daher: dicke Waden und ein verschwörerisches Grinsen im Gesicht. Locker pedaliert er auf seinem Elektro-Mountainbike aufwärts, seinen Filius mit einer Bandschlinge im Schlepptau. Dieser wird uns vermutlich gleich die lange Nase zeigen – aber das werden wir nicht zulassen! Nicht umsonst haben wir unseren Tag mit einem großen Cappuccino, einer Butterbrezel und Bio-Dinkel-Semmel mit extra vielen Körnern begonnen.

Genau die werden wir jetzt brauchen. Schon fliegt der Puls, die Schläfen hämmern im Stakkato gegen den Helm. Noch einmal fest den Lenker umklammert, eine letzte Kehre. Geschafft. Ehre gerettet. Kurz darauf trifft der E-Biker ein, zwinkert uns zu und bekundet seinen Respekt mit einem Schulterklopfer. Jetzt ist es an uns zu grinsen. Die Apfelschorle auf der Hüttenterrasse haben wir uns jedenfalls redlich verdient.

Dank der Lage südlich des Chiemsees, umgeben von schützend bewaldeten Bergen im Osten, Norden und Süden, bietet sich Reit im Winkl als Ausgangspunkt für Mountainbike-Touren geradezu an. Mehr als 1000 Höhenmeter ziehen diverse Strecken sternförmig vom Ortskern hinauf Richtung Fellhorn, Steinplatte oder über das Heutal bis zum Sonntagshorn, dem mit 1961 Metern höchsten Berg der Chiemgauer Alpen. Zahlreiche Schleifen erweitern dieses vielfältige Routenangebot noch zusätzlich mit einem Abstecher auf Tiroler Territorium.

Einen Teil davon und die angrenzenden österreichischen Bundesländer Salzburg und Osttirol genießen wir auch von der Terrasse der Straubinger Hütte aus – zumindest visuell. Die klare Herbstluft bewilligt uns ein Panorama vom Feinsten: Zum Greifen nah scheinen die mächtigen Felstürme des Wilden Kaisers.

Aus dem Süden lachen uns die frisch angezuckerten Zillertaler Alpen wie die Zähne einer gebleachten Hollywood-Diva entgegen, und östlich davon zeichnen sich der Großvenediger und die Hohen Tauern messerscharf im satten Blau des Himmels ab.

Bevor uns der Terrassenschlendrian auf dem Straubinger Haus zu sehr packt, machen wir, dass wir weiterkommen. Auf dem launigen Waldweg Richtung Hindenburghütte müssen unsere Federungen ordentlich zappeln. Aber nicht lange. Bei der Hütte lauert die nächste Verführung: Der würzige Duft von Schweinebraten umschmeichelt unsere Nasen. Wir gehen der Sache auf den Grund.

Als wir über den Tresen in die Küche lugen, zieht Hüttenwirtin Sissi Dirnhofer gerade einen Millirahmstrudel, jenen Wiener Mehlspeisenklassiker mit einer Füllungsmischung unter anderem aus Milch, Quark, Rosinen, Brötchen und abgeriebener Zitronenschale, aus dem Holzofen. Jetzt ist es ganz um uns geschehen.

Wir suchen uns einen Tisch im Biergarten, lauschen den Bergfex’n, die zusammen mit Hüttenwirt Günter Dirnhofer auf Alphorn, Akkordeon und Bass zum Frühschoppen aufspielen und genehmigen uns ein Alkoholfreies. Nach dem Schweinebraten mit Knödeln und einem großen Stück Millirahmstrudel mit Cappuccino zum Nachtisch sind wir so abgefüllt, dass wir heute besser keinen E-Biker mehr treffen sollten ...

Im Vergleich zu der vorangegangenen Völlerei grenzt der folgende Snack an körperliche Askese: Schön gewellt, mit leichten Anliegern und lenkerbreit, präsentiert sich der Singeltrail hinunter zur Nattersbergalm. Die Landschaft um uns zeigt sich in sämtlichen Grüntönen. Bei dieser Pracht ist es kaum zu glauben, dass Reit im Winkl auch „Bayerisch Sibirien“ genannt wird.

Der Außenposten des Chiemgaus gilt als Schneeloch und beliebter Winterurlaubsort. Das Phänomen der Kaltluftseen, so heißt es im meteorologischen Fachjargon, sorge immer wieder für eine Extraportion Schnee – genug Trainingsmöglichkeiten für die hier aufgewachsene Gold-Rosi Mittermaier.

Aber nicht nur der Wintertourismus hat in der 2400-Seelen-Gemeinde Tradition. Nachdem 1858 der bayerische König Maximilian II. im Zuge seiner Alpenreise hier Station machte, entwickelte sich die Gegend zu einem beliebten Ferienziel. Bereits 1896 wurde ein „Verschönerungsverein“ zur Förderung des Fremdenverkehrs gegründet.

Auf der Suche nach weiteren Mountainbike-Strecken nehmen wir am nächsten Tag die Route zur Steinplatte unter die Stollenreifen. Die Tour startet als liebliche Romanze. Wie 1000 Glühlämpchen erstrahlen die Tautropfen an den Gräsern im flachen Morgenlicht. Selbst die kunstvoll gesponnenen Spinnweben werden sichtbar. Die Romantik ist jedoch spätestens dann dahin, wenn das Finale mit vielen steilen Kehren ordentlich Druck auf die Pedale fordert.

Der Triassic Park mit seiner frei schwebenden Aussichtsplattform in die jäh abfallenden Felswände der Steinplatte ist uns deshalb eine willkommene Ausrede für eine Verschnaufpause. Links ragt das Kitzbühler Horn auf, rechts dominiert seine Majestät, der Wilde Kaiser, und unter den durchsichtigen Glasböden herrscht 70 Meter gähnende Leere. Schnell flüchten wir zurück auf die Räder. Das Schotterband flimmert regelrecht in der Hitze, und die Rampe hoch zum Gipfel hat es weiterhin in sich.

Endlich oben angekommen, empfängt uns der Watzmann und die gesamte Garde der Berchtesgadener Alpen. Wie stumme Wächter recken die Loferer Steinberge ihre wuchtigen Felsklötze in den Himmel, und mittendrin in diesem Gipfel-Kolosseum liegt Reit im Winkl.

Im Formationsflug rauschen wir zurück ins Tal. Die Beine sind zwar leer, aber die „Drei-Seen-Runde“ klingt dann doch zu verlockend. Über ausgedehnte Kämme nördlich des Weit-, Mitter- und Lödensees klettern wir aufwärts und genießen den Blick hinab auf die funkelnden Gewässer. Auf dem Rückweg gibt es am Weitsee dann kein Halten mehr.

Wir kicken die Bike-Schuhe weg und stürzen uns in die Fluten der so genannten bayerischen Riviera. Kurz darauf liegen wir in der Wiese, die Beine wunderbar angesäuert. Unsere Glückshormone jodeln und schuhplatteln um die Wette. Jetzt gibt es nur noch eins zu klären. Welchen der zahlreichen gemütlichen Biergärten steuern wir heute Abend an?


Inhaltsverzeichnis

04.09.2013
Autor: Norbert Eisele-Hein
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 10/2013