Mountainbiken rund um Baiersbronn im Schwarzwald – Infos, MTB-Tourentipps, GPS-Daten

MTB-Reisereportage Baiersbronn

Keine Regel ohne Ausnahme. Ganz wie einst, als ein gallisches Dorf den Römern ihre Grenzen aufzeigte, stemmt sich die badische Gemeinde Baiersbronn gegen das Zwei-Meter-Landesgesetz aus Stuttgart. Unser bayerischer Redakteur fuhr hin ...

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Der Asterix von Baiersbronn heißt Andi Reichel. Und der ist weitsichtig. Als Optiker und als Biker. Sein Motto: „Kurzsichtige erfreuen sich eher an den Blümchen am Wegesrand, ich schaue lieber ins Weite scharf.“ So kam es, dass er vor 25 Jahren das alteingesessene und von ihm neu übernommene Brillenfachgeschäft nicht pseudo­modern in „Reichel Eyewear“ umbenannte, ­sondern beim für Baiersbronner Ohren wohlklingenden Namen „Giese Optik“ blieb. Man muss ja nicht jedem Modediktat hinterherhecheln.

Sei es bei Brillen oder bei Trails. Biken auf schmalen Wegen? Vergraulen Wanderer, Jäger, schaden ­Tieren und Pflanzen. Die Stollenfuzzys sollen ­gefälligst auf zwei Meter breiten Wegen fahren! Andi Reichel ist da weitsichtiger: „Wir Biker ­wollen niemanden vergraulen. Sondern mit Spaß – und ohne schlechtes Gewissen – die Natur ­genießen.“ Also musste in Sachen Zwei-Meter-Regelung etwas geschehen hier in Baiersbronn. Aber davon später mehr.

Andis Heimatort liegt etwa eine gute Autostunde südlich von Stuttgart, zwischen Freudenstadt im Osten und dem neuen Nationalpark Schwarzwald im Westen. Ort ist dabei glatt untertrieben. Die 14 000 Einwohner verteilen sich neben dem Hauptort Baiersbronn auf schier unzählige Dörfer und Weiler – und besetzen die zweitgrößte Gemeindefläche ganz Baden-Württembergs. Nur Stuttgart ist größer.

Hat aber weniger Sterneköche. Baiersbronn ist nämlich weit über den Spätzlehorizont hinaus berühmt für seine Haute Cuisine. Deutschlands bester Koch heißt weder Schuhbeck noch ­Mälzer, sondern Wohlfahrt. Harald Wohlfahrt schwingt im Restaurant Schwarzwaldstube im Hotel ­Traube im Baiersbronner Ortsteil Tonbach den Kochlöffel. Drei Michelin-Sterne und 19,5 Gault-Millau-Punkte sagen leise „Mahlzeit“. Und Claus-Peter Lumpp kredenzt im Restaurant Bareiss Gaumenfreuden, die ebenfalls drei Sterne und 19 Gault-Millaus wert sind.

Vom Gaumen- zum Mountainbikeparadies

Restauranttester pilgern also bevorzugt nach Baiersbronn, ebenso wie zahllose Wanderer, die sich in und um Baiersbronn vergnügen. Unaufhaltsam im Kommen: Biker. Wie ein windschiefer Stern führen Täler von Baiersbronn in alle Himmelsrichtungen: ins Murgtal nach West und Ost, ins Tonbachtal nach Nordwesten und ins Forbach- und Sankenbachtal nach Süden. Allen ­Tälern gemeinsam: Sie sind perfekt zum Radeln geeignet – und bieten mit den dicht bewaldeten Bergrücken dazwischen und Forstwegauffahrten mit 200 bis 350 Vertikalmetern auch ideale Spielwiesen für achterbahnerprobte Biker.

Apropos Forstwege: Geht’s mit Baiersbronn so wie im Rest-BaWü auch nur auf zwei Meter breiten Pisten bergab? Ganz im Gegenteil! Das von unbeugsamen Baiersbronnern bevölkerte Dorf hört nicht auf, der überbreiten Spaßbremse ­Widerstand zu leisten. Und zwar sehr erfolgreich. Drei Singletrail-Sterne und 20 Flow-Trail-Punkte – das ist das Ziel von Andi Reichel und seinen Mitstreitern von der Mountainbikegruppe des Turnvereins Baiersbronn. Wenn Optikermeister Andi der Asterix von Baiersbronn ist, der von Tatendrang nur so sprüht, dann ist Jörg Möhrle der Obelix. Nicht nur wegen seiner sportlich-beeindruckenden Erscheinung und seinem sonnigen Gemüt.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau führt Jörg die „Tanne“, das einzige Bikehotel in Baiersbronn. Jutta, die ebenfalls bikeverrückte Hotelchefin, erfrischt mit ihrem sympathischen Steirer Akzent die schwäbische Mundart. Die Liebe zum Detail fährt bei den Möhrles immer mit. Das „Trailglöckle“ beispielsweise, eine kleine, ­rote Bimmel am Lenker, signalisiert Wanderern unaufdringlich, aber eindeutig: Hallo, hier komme ich! Schwäbisch durchdacht: Mit einem Klettstreifen bringt man das Trailglöckle in Wimpernschlaggeschwindigkeit zum Schweigen.

Asterix und Obelix kennen wir nun. Der Miraculix von Baiersbronn heißt Patrick Schreib. Er ist derjenige, der als Tourismus-Chef und begeisterter Mountainbiker das Wunder vollbringt, ­alle Interessen in einen goldenen Kessel zu schütten, sie in aller Seelenruhe vor sich hinköcheln zu lassen, im richtigen Moment die fehlenden Ingredienzen hineinzupudern und am Ende einen wundersamen Zaubertrank hervorzuzaubern. Der schenkt allen Beteiligten – vom Förster über den Naturschutz bis zum Schwarzwaldverein – übermenschliche Harmonie in Sachen Bike-Wegenetz. Sogar im neuen Nationalpark gibt’s Wege, die Mountainbikern Spaß machen!

Zwei-Meter-Regelung? Nicht mit uns!

Baiersbronn ist also – Andi, Patrick, Jörg und ­vielen einheimischen Bikern sei Dank – in den letzten zehn Jahren das Paradebeispiel geworden, wie man mit Engagement, Diplomatie und Ausdauer den Bikern ihre geliebten Schmal­wege öffnen kann, ohne Wanderer, Behörden und ­Naturschützer zu vergrätzen.

Baiersbronns offizielles Bike-Wegenetz besteht derzeit aus elf Touren, akribisch als T1 bis T11 bezeichnet und „beschdens“ beschildert. Hier steht sicher niemand im (Schwarz-)Wald! Gepflegt werden die 410 Kilometer Trails von der Bikegruppe des TV Baiersbronn. Natürlich ehrenamtlich. Hightech wie Garmin-GPS-Geräte, eine ­Wege-App und ein allradgetriebenes Wegemobil helfen Andi & Co. bei ihrer Arbeit. Das Baiersbronner Trailnetz bietet von der 250-Höhenmeter-Familien-Tour rund ums Tonbachtal bis zur ausgewachsenen Trailtour namens „Steile-Hänge-Tour“ jedem Mountainbiker das richtige ­Geläuf. Nomen est omen: Letztere Runde fordert mit ihren 47 Kilometern, 1700 Höhenmetern und voller Punktzahl bei Kondition und Fahrtechnik auch gestandene Mannsbilder.

Kein Mannsbild, sondern ein Männle machte dereinst dem Prior – also dem Vorsteher des Klosters Reichenbach im Norden von Baiersbronn – argen Kummer: das „Petermännle“. Das Wald­hüterlein wurde nämlich vom selbstherrlichen Prior gefeuert, weil dieser auf der Jagd die schöne Lichtung für sich haben wollte. Also schleuderte das Petermännle aus Wut darüber vom ­gegenüberliegenden Berg seine Verwünschungen quer übers Tal zum Sitz des Priors.

Sagenhafte Singletrails mit Geschichte(n)

Am „Petermännle-Stein“ oder gegenüber auf dem „Priorstein“ (T3/Huzenbacher-See-Tour; Beschreibung siehe Centerfold) lässt es sich wohlig auf ­einer „Himmelsliege“ hoch über Baiersbronn ausruhen und über solch sagenhafte Geschichten sinnieren. Wie die vom „Kohlenmunk-Peter“, beschrieben in dem Märchen „Das kalte Herz“ von Baiersbronn-Fan Wilhelm Hauff (1802-1827). Oder von den „dunklen Augen“, diesen mysteriösen ­Karseen, deren schwarzes Moorwasser in stets in nach Nordosten geöffneten Mulden alles Sonnenlicht verschluckt. Und nicht nur dieses ...

Aber genug der Gruselei! Zurück zum Priorstein: Hinunter nach Baiersbronn geht es nicht auf einer zwei Meter breiten Geisterbahn, sondern auf einem Flowtrail vom Feinsten: dutzende Switchbacks (aber nicht eine einzige Hinterrad-versetzen-Kehre) auf wurzellosem Waldboden – da könnte man glatt meinen, man schwebe im schwäbischen Himmel.


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01.07.2016
Autor: Andreas Kern
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 10/2016