Finnisch Lappland: In zwei Etappen von Levi nach Ylläs

Lappland-Reportage: Nordisch Nature

Hoch über dem Polarkreis, in Lappland, stillen weite Wälder voller Seen die Sehnsucht nach ursprünglicher Natur.

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Fotostrecke: Biken in finnisch Lappland – von Levi nach Ylläs

13 Bilder
 Lappland Foto: Mikko Nikkinen
Lappland Foto: Mikko Nikkinen
Lappland Foto: Mikko Nikkinen

Ein Glöckchen klingelt. Nicht direkt neben den Mountainbikes, zwischen rot leuchtenden Blaubeersträuchern am Wegesrand, sondern weiter entfernt, irgendwo im goldgelben Meer der Birken. „Jaja, ein Rentier.“ Pia Sundstedt zuckt gleichgültig mit den Schultern, und auch die anderen beiden Finnen geben sich wenig beeindruckt.

Für die deutsche Besucherin ist das natürlich etwas anderes. Rentiere! Weihnachtsschlittenzieher! Rudolf! Ob wir denn auch welche sehen werden? „Klar. Viele.“ Die Finnen lächeln über die kindliche Begeisterung. Ein freundliches Lächeln. Und wenn man sich eine ähnliche Begeisterung vorstellt, bloß hervorgerufen von Kühen auf einer Almwiese, kann man die Belustigung ganz gut verstehen.

Der Aufbruch im Skiort Levi liegt keine Stunde zurück, bequemes Einrollen ist angesagt. Die klare Luft schmeckt noch leicht nach Frost, aber die Sonne gewinnt schnell an Kraft. Pia holt tief Luft und strahlt: „Ich muss einfach jedes Jahr nach Lappland kommen!“ Und damit meint die finnische Profi-Bikerin, die in Freiburg lebt und diesen Sommer neben unzähligen Cross-Country-Rennen auch die Europameisterschaft in Kleinzell gewann, nicht nur ihre Skilanglauf-Urlaube.

Sondern Sommertage in Lappland, die Einsamkeit und Ruhe in den unendlichen Wäldern mit unzähligen Seen, hoch über dem Polarkreis. Oder Tage wie heute: Es verspricht ein perfekter „Ruska“-Tag zu werden. Ruska, so heißt der Indian Summer auf Finnisch.

An einer Quelle folgt der erste Stopp, Pia und der Guide Kide holen ihre „Kuksas“ aus dem Gepäck, leichte Birkenholztassen an einem Lederband. Wer sie für längst überholte Tradition hielt, die sich nur Touristen für zu viel Geld zulegen, wird eines Besseren belehrt. Und während Pias Tasse das Wasser mit einem Hauch von Kaffeearoma versetzt, gehört zu der von Kide eine wilde Geschichte von Eisbädern und viel Wodka – seine Kuksa ist hart verdient.

Hinter der Quelle ist vorerst Schluss mit Forstwegen. Lappland zeigt sein sumpfiges Gesicht, auf Plankentrails rollen die Bikes weiter. Northshore lässt grüßen! Sollte man fallen, fällt man weder tief noch hart – aber nass. Zum Glück ist Gegenverkehr selten, sogar zur Ruska-Zeit, die vor allem Wanderer genießen. Gute Biker haben also eine Menge Spaß und Probleme höchstens dann, wenn die Ritze zwischen den zwei Brettern zu breit wird.

Oder wenn eins beschädigt bzw. nicht mehr fest vernagelt ist – das muss sogar Pia feststellen, die sonst mühelos den anderen davonfahren könnte. Ihre schnelle Reaktion, der Griff nach einer Birke, rettet sie vor dem Fall. „War knapp!“ Sie strahlt.

Blaubeeren. Seen. Rentiere (wenn auch vorerst nur gehört). Was erwarten Skandinavienbesucher noch im hohen Norden? Natürlich: Blockhütten. „Wir biegen mal eben rechts ab, da ist die Hirvikämppä-Hütte!“ Lesen die Finnen Gedanken? Wie im Bilderbuch führt ein Pfad durch lichten Kiefernwald zu dem unverschlossenen Holzhäuschen, und anders als beim Thema Rentiere merkt man Pia und Kide einen gewissen Stolz auf dieses gut funktio-nierende System an. „Schau, da ist ofenfertiges Holz – wenn jemand total fertig hier ankommt, kann er ja nicht auch noch Brennholz hacken.“

Die Forstverwaltung Metsähallitus, die diese Hütten mit Dingen wie einem Topf und ein paar Decken ausstattet, bringt auch das Brennmaterial. Hackt aber nicht alles klein: Von Nutzern wird erwartet, dass sie die Asche entfernen und neue Scheite für den nächsten Besucher schlagen. Fein!

Hüttenromantik jenseits der Matratzenlager der Alpen – ob man hier übernachten darf? „Nur im Notfall.“ Augenzwinkern von Kide. „Es gibt ziemlich oft Notfälle ...“ Solche Notfälle lassen sich natürlich gut vorbereiten. Mit einem Schlafsack im Gepäck zum Beispiel. Aber der Tag ist noch jung, zu jung für Gedanken an Notfälle. Weiter geht es durch die leuchtenden Wälder.

Pia tritt in die Pedale und strahlt mit der Sonne um die Wette – egal ob auf Forstpiste, Plankentrails oder jetzt, beim Durchqueren des Flusses Aakenusjoki. Das Wasser ist kalt, glasklar und schnell. Müsste man nicht mit festem Griff das Bike durch die Strömung führen, könnte man seine Flasche füllen: Jedes Fließgewässer hier führt Trinkwasser.

Und während dieser Trip durch die bunten Wälder für die topfitte Racerin Urlaub bedeutet, macht er mäßig Trainierte ziemlich durstig. Zum Glück ist reichlich Zeit für Pausen! Ausstrecken im Sonnenschein vor der kleinen Kota, einer tipiförmigen Holzhütte, beim Aakenusjoki, dann geht‘s flott weiter zum Pyhäjärvi.

„Schau: Rentiere!“ Endlich! Langsam kreuzen Rudolf und seine Freundin den Weg, grasen auf der anderen Seite weiter und wirken deutlich entspannter als Rehe in heimischen Wäldern. „Viele Leute bepflanzen ihre Vorgärten nicht, weil die Viecher alles wegfressen“, sagt Kide trocken. Wäre man nicht so sehr mit Fotografieren beschäftigt, würde man Zäune empfehlen.

Noch schwerer verständlich als manche Sitten der Finnen ist jedoch ihre Sprache. Nach einem ausgiebigen, am Lagerfeuer zubereiteten Outdoor-Dinner sind die Notfallschlafplätze in der Pyhäjärvi-Hütte bezogen. Sieben Notfälle, die ziemlich munter klingen: Kichernd erzählen sich Biker und Wanderer Geschichten, von denen das deutsche Ohr kein Wort versteht. Die fremdartigen Laute werden immer leiser, der Schlaf kommt ...

Und der ist absolut nötig. Denn Tag zwei der Ruska-Tour hat es in sich: Kurz hinter dem See beginnen lange Plankentrails, die zum Teil ziemlich reparaturbedürftig sind. Eine verblockte Auffahrt, zum Teil mit Schiebepassagen – okay, nicht für Pia, die fährt natürlich – führt auf den Kukastunturi, einen steinigen Fjellberg. Und während am Vortag noch Spätsommer herrschte, ist nun plötzlich Herbst: neblig, mystisch schön, aber ganz schön kalt.

Fast ein Flowtrail! Wenn da nicht die Steine und Wurzeln wären, doch so oder so ist die lange Abfahrt vom Kukastunturi ein Heidenspaß. Richtig zur Sache geht es allerdings später, in Ylläs: Anstatt zu shutteln, fahren Sportler diesen etwas über 700 m hohen Berg hinauf. Zumindest den Großteil. Pia – natürlich – komplett.

Oben nimmt einem dann der Blick auf die bunten Wälder, durchsetzt von grauen und so landschaftstypischen Inselbergen (Fjell), fast den Atem, bevor die Freeride-Strecke den Atem komplett raubt.

Tatsächlich gibt es den Punkt, an dem man rauschhaft glücklich, aber zu platt ist, um Rentiere zu fotografieren. Vor einer Herde stehend. Und sich, Wildnishüttenromantik hin oder her, nur noch auf den allgegenwärtigen Bad-Zusatz der Finnen freut: Gelobt sei die Sauna!


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05.10.2011
Autor: Katharina Hübner
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 11/2011