Test: Shimano XTR 2015 – mechanisch vs. elektronische Di2

Test: Shimano XTR – mechanisch vs. Di2

Shimano XTR Test
Foto: Benjamin Hahn
Mechanik gegen Elektronik: Die neue 11-fach-Edelgruppe Shimano XTR polarisiert wie nie zuvor. Vor allem die Elektroschaltung XTR Di2 erhitzt die Gemüter: Ist sie segensreiche Erfindung oder Teufelswerk? Noch vor dem Serienstart konnte MountainBIKE die beiden XTR-Varianten im Direktvergleich testen.
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Mythos Shimano XTR! Alle fünf Jahren schicken die Japaner eine Neuauflage ihrer elitären Edelgruppe mit Schaltungs-, Antriebs- und Bremsenkomponenten an die Spitze der Schlacht gegen den Erzrivalen Sram. Dabei setzt(e) die Shimano XTR stets Maßstäbe in puncto Schaltqualität, Ergonomie und Verarbeitung, meist auch beim Gewicht.

Aber die XTR ist auch legendär, weil jede Gruppe neue Technologien in den Mountainbike-Kosmos gebracht hat: von bahnbrechenden Erfindungen wie etwa Rapidfire oder Shadow Plus bis zum einzigen großen Flop der Shimano-Geschichte namens Dual Control.

Diese 2015er News jedoch toppt alles: Jetzt gibt es nicht nur eine mechanische XTR, sondern auch eine elektronisch schaltende! Di2 heißt das Zauberkürzel, auf das Rennradfahrer schon seit 2009 voll abfahren. Und nach jahrelanger Erprobungsgphase, vor allem an den Bikes von Cross-Country-Megastar Julien Absalon, soll die Di2 nun die Mountainbike-Szene elektrifizieren.

Was viele Fragen aufwirft: Wiegen Motor, Akku & Co. nicht viel zu viel? Funktioniert das Ganze auch bei Matsch und Dreck? Was, wenn der Akku leer ist? Oder ganz direkt: Braucht man das? Ist die vermeintlich simple Mechanik nicht besser? Fragen, die dieser weltweit erste Vergleichstest klärt.

Dazu verbaute MountainBIKE zum Vergleich zwei XTR-Gruppen an zwei identische Hardtails: eine mechanische, eine Di2. Beide besaßen zum Zeitpunkt des Tests noch keine hundertprozentige Serienreife (Kettenblätter und Di2-Parts „zierte“ der Schriftzug Prototyp), waren aber voll funktionsfähig. Optik, Haptik und Gewicht entsprachen ebenfalls den Serienmodellen.

Die Fakten:

Streng genommen gibt es nicht zwei neue XTR-Gruppen (Di2, mechanisch), sondern drei: Ein Teil der mechanischen Parts ist als Race-(M9000) oder als Trail-Version (M9020) erhältlich. So rotiert die M9020- Kurbel mit stabileren Aufbau und 10 mm breiterem Abstand der Kurbelarme (Q-Faktor). Auch die in diesem Schaltungstest nicht geprüften Pedale, Laufräder und Bremsen unterscheiden sich.

Wichtig: Alle Teile sind untereinander kompatibel und frei kombinierbar. Mechanische XTR und Di2 (M9050) teilen sich derweil Kassette, Kette und Kurbel. Um Ihnen den Überblick zu erleichtern und maximale Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wählte MountainBIKE eine Konfiguration, die für ein Marathon-/Tourenbike in Frage käme: 11-fach-Kassette mit 11–40 Zähnen, 2-fach- Kurbel (Trail) mit 36/26 Zähnen.

2-fach? 11-fach? Auch das ist neu bei der Shimano XTR. Alle Varianten verwalten ausschließlich besagtes 11-fach-Ritzelpaket. Als Kurbel stehen zur Wahl: 1-fach-Kettenblatt mit 30, 32, 34 oder 36 Zähnen. 2-fach mit 34/24, 36/26 oder 38/28. 3-fach mit 40/30/22. Ein Umrüsten ist zwischen allen Varianten möglich!

Was auffällt: Die Gangabstufungen sind enger als bei Sram. So bietet die (nur im 1 x 11-Verbund) agierende Sram-11-fach- Kassette 10–42 Zähne, auch die Spreizung der Kettenblätter ist bei den Amis breiter. Die Vorteile der Fernost- Philosophie: Die Gangsprünge beim Ritzelwechsel sind minimal, der Mountainbiker kann meist mit gleicher Trittfrequenz pedalieren. Beim Wechsel des Kettenblatts muss er hinten nur einen, maximal zwei Gänge „gegenschalten“. In Sachen Bandbreite aber schränkt Shimano somit automatisch ein. Eine alpentaugliche Übersetzung für ein 29er-Fully ist eigentlich nur mit der 3-fach-Kurbel möglich.

Die 2x11-XTR-Abstufungen weisen weniger Bandbreite auf als Srams 2x10-Antriebe – trotz 22 statt 20 Gängen. Auch bei 1x11 bietet Sram die größere Spreizung. Wer eine Shiamno XTR ans MTB schraubt, bezahlt meist viel Geld für wenig Gramm. Auch die neuen Parts belasteten die geeichte Kern-Waage mit geringen Gewichten. Im aufgrund verschiedener Standards nicht ganz fairen Vergleich mit der Sram XX (2x10) würde die von MountainBIKE gewogene mechanische XTR jedoch hauchdünn, um circa 30 g, verlieren.

Viel spannender aber ist der Direktvergleich zwischen Di2 (Video: MountainBIKE erklärt die Shimano XTR Di2) und „normaler“ XTR. Erwartungsgemäß siegt die Mechanik – um 132 g. Aber: Bei der Di2 ließe sich (dazu später mehr) der 63 g leichte linke Schalthebel einsparen. Dies würde die Differenz zwischen den Gruppen auf das Gewicht einer 2/3-Tafel Schokolade reduzieren – so wenig, dass es nicht als Argument gegen die Di2 taugt! Und was kostet der Spaß? Wie immer halten sich die Japaner mit verbindlichen Preisen zurück.

Aber: Shimano-Preise sind traditionell Markt-/Tagespreise, unterliegen starken Schwankungen. Den besten Überblick bietet ein regelmäßiger Blick in einschlägige Online-Shops. Der Gesamtpreis der Di2 wird vermutlich um rund 1000 Euro über der M9000/9020 liegen, was für die breite Käuferschar klar gegen die Elektronikgruppe sprechen wird.

Die Montage:

Um alle Montageschritte zu prüfen, strippte MounatinBIKE-Werkstattleiter Haider Knall zwei Rotwild-Hardtails R.R2 bis auf die nackte Carbon-Haut. Folgende Standards waren zu beachten: High-Direct-Mount-Aufnahme für den Umwerfer sowie Pressfit-Innenlager. Der neue Sideswing-Standard für mechanische Shimano-Umwerfer kam nicht zum Zuge.

Apropos: Züge wie Kabel verlegte Knall der Einfachheit halber außen am Rahmen. In Zukunft sind Di2-optimierte Rahmen zu erwarten, die Kabel und Akku elegant im Inneren verschwinden lassen. Ohne Überraschungen verlief der Anbau aller mechanischen Teile. Einstellwie Montageschrauben (zumeist 4-mm-Inbus, aber auch 2 mm und 5 mm) sind, wie bei Shimano gewohnt, von höchster Qualität, die Montage selber logisch, in den Anleitungen etwas kryptisch, aber detailreich erklärt. Allen Unkenrufen zum Trotz: Auch für den Anbau der Shimano XTR Di2 ist kein Mechatroniker vonnöten, normales Schraubergeschick und ein Blick ins Handbuch reichen aus, um alle Parts korrekt zu montieren und zu verkabeln.

Jedoch: Das noch nicht finale Di2-Händler-Manual umfasst 95 Seiten! Im Auslieferungszustand ist die Di2 betriebsbereit, alle Settings stehen auf „default“. Und was nach Windows- Innereien klingt, ist nun am Bike real: Die Di2 lässt sich über die Software E-tube Project programmieren. Mit dem oberen Daumenhebel hoch- statt runterschalten? Die Schwenkgeschwindigkeit des Schaltwerks ändern? (Fast) alles ist möglich! Dabei ist die Software recht intuitiv und simpel bedienbar. Kurzum: Auch die Montage spricht nicht gegen die Di2, der Wartungsaufwand dürfte gar geringer sein, da die obligatorischen Zugwechsel entfallen.

Die Praxis:

Genug des Vorspiels, ab auf den Trail! Dort überschlugen sich die vier MountainBIKE-Tester fast – vor Lob. Egal ob elektronisch oder mechanisch bewegt, die 11-fach- Kette flutscht von Ritzel zu Ritzel, von Blatt zu Blatt, dass es eine Wonne ist. Bei der Schaltqualität – Präzision, Geschwindigkeit – bleibt die Shimano XTR der Maßstab! Wie gehabt sind die mechanischen Hebel dabei ergonomisch optimal geformt, bieten mit 2-Way-, Multi- und Instant-Release das volle Schaltprogramm.

Im Vergleich zur bisherigen Shimano XTR sind die Schaltvorgänge dabei deutlich knackiger, „Sram-artiger“ geworden – was alle Tester begrüßten. Faszinierend zudem, wie tolerant die mechanische XTR gegenüber fast jeglicher Art von Schaltfehlern ist. Egal wie schräg der Kettenlauf, wie viele Gänge auf einmal der Biker hoch- oder runter„prügelt“, wie stark der Kettenzug bergauf ist: Die XTR schaltet und schaltet. Und die MountainBIKE-Crew schonte die XTR nicht, teils blutete den Testern das Herz, wenn die Kette wieder krachend übers Ritzelpaket kraxeln musste.

Auch die Di2 wechselt die Gänge traumhaft zuverlässig, fast noch exakter, begleitet von einem leisen, nicht störenden Surren der quasi unsichtbaren Stellmotoren. Dabei liegen die filigranen Hebel namens Firebolt ebenfalls klasse am Daumen, sind aber recht eng beieinander – zu Beginn verschalteten sich die Tester häufiger, mit der Zeit legte sich dies. Und: Auch die Di2-Hebel müssen „mechanisch“ mit Fingerkraft bewegt werden, es reicht nicht etwa ein Tastendruck. Das ist gewollt und gut so, da der Fahrer so ein Schalt- Feedback erhält.

Cool: Hält man einen der rechten Hebel gedrückt, schaltet der hintere Werfer das komplette Ritzelpaket rauf oder runter – die Di2-Variante des Multi-Release. Wem das zu viel ist, beschränkt dies via Software auf zwei oder drei Gänge. Wirklich beeindruckt aber die „Intelligenz“ der Di2. So erkennt sie den Schräglauf der Kette und trimmt wie von Geisterhand den Umwerfer in die optimale Position.

Synchronized Shift setzt noch eins drauf: Optional via Display eingestellt, schaltet der Umwerfer automatisch, sobald ein definierter Gangsprung (zwei fast frei programmierbare Modi stehen zur Wahl) an der Kassette erreicht ist. Beispiel des voreingestellten Programms S2: Liegt die Kette vorne auf dem kleinen Blatt und hinten auf dem fünftgrößsten Ritzel, ertönt ein Pieps-Ton. Schaltet der Fahrer ein weiteres Ritzel „runter“ (Hebel kurz drücken), hebt der Umwerfer die Kette aufs große Blatt, schaltet gleichzeitig hinten einen Gang hoch – um den Gangsprung klein zu halten.

Drückt der Fahrer den Hebel durch, bleibt die Ritzelwahl gleich, es schaltet nur der Umwerfer. Ein weiteres S2-Beispiel. Liegt die Kette schon auf „groß/groß“ und wird der Anstieg steiler, bewirkt ein kurzer Druck des unteren rechten(!) Schalthebels: vorne aufs kleine Blatt, hinten einen Gang gegenschalten. Langer Druck: kleines Blatt, kein Wechsel hinten. Das klingt nach ganz großem Hokuspokus, funktioniert in der Praxis aber faszinierend zuverlässig, fast unbemerkt, selbst unter hoher Last.

Selbstständiges Schalten des Umwerfers ist natürlich auch im Synchronized-Modus stets möglich. Dann aber muss, logo, ein linker Hebel verbaut sein. Denn wer sich auf die Automatik verlassen mag, montiert ihn einfach ab. Wer volle Selbstkontrolle wünscht, schaltet die Di2 in den Manual- Modus. Doch selbst da greift die künstliche Intelligenz dezent ein, erlaubt die Kombination „klein/ klein“ einfach nicht. Selbst wenn man noch so wild auf die Hebelage drückt ...

Um Fahrten bei widrigen Bedingungen zu testen, saute die MountainBIKE-Crew beide Schaltgruppen mit Matsch und Schlamm ein, ließ die Fangopackung über Nacht eintrocknen. Und? Beide XTR-Gruppen schalteten und walteten zwar mit hörbarem Knirschen, aber so exakt und akkurat wie tags zuvor. Ein Vorteil der Di2: Verdreckte, schwergängige Züge gehören mit ihr der Vergangenheit an. Bleibt das Di2-Thema Akku-Laufzeit.

Diese gibt Shimano mit 1000–2000 km an, mit starken Schwankungen je nach Außentemperatur oder Schalthäufigkeit. Die Erfahrungen der MountainBIKE-Partnerredaktion RoadBIKE zeigen jedoch, dass diese Werte stark untertrieben sind! Und geht doch mal buchstäblich das Licht aus, warnt die Di2 mit langem Piep-Ton und erlaubt noch kurzzeitig das Herunterschalten des Umwerfers. Danach „frieren“ die Gänge ein, ermöglichen somit die Singlespeed-Heimfahrt.

Fazit:

Mit brillanter Präzision, höchster Geschwindigkeit vund meist idealer Ergonomie setzen die neuen XTR Varianten für eine MTB-Schaltung wieder Maßstäbe – den schmalen Bandbreiten zum Trotz. Und die Di2? Sie bietet intelligente Schalttechnik „wie vom anderen Stern“, agierte im Test höchst zuverlässig,ist individuell genial anpassbar. Das Zusatzgewicht ist vernachlässigbar, der Aufpreis jedoch weniger.


14.01.2015
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2014