10 Scheibenbremsen für Mountainbiker im Test (2016)

Test: MTB-Bremsen – 5 Race- und 5 AM-Modelle


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Bremsentest
Foto: Dennis Stratmann

 

BFO H2O
Foto: Benjamin Hahn

 

MOUNTAINBIKE Hope Tech 3 X2
Foto: Benjamin Hahn

 

MOUNTAINBIKE Magura MT8
Foto: Benjamin Hahn

 

MOUNTAINBIKE Shimano XTR Race
Foto: Benjamin Hahn
Wer richtig bremst, hat mehr Spaß auf dem Trail. Dabei kommt es bei MTB-Scheibenbremsen neben der Bremskraft aber auch auf Dosierbarkeit und Standfestigkeit an. Wir haben die 10 spannendsten Bremsen der Saison 2016 in Labor und Praxis getestet.
Zu den getesteten Produkten

Beim Wort Kolben denken manche an Mais, Technikaffine eher an Motoren oder an Scheibenbremsen. Dort sitzen sie im Bremssattel. Bei Bremsen für Cross-Country-/Marathon-Biker und Tourenfahrer sind es zwei, bei All-Mountain- und Enduro-Bremsen inzwischen fast immer vier Kolben, welche die Bremsbeläge hydraulisch auf die Scheiben pressen und für Verzögerung sorgen.

Bei der Konstruktion einer MTB-Bremse müssen Ingenieure schwierige Entscheidungen treffen. Da wäre zum einen der Kampf ums Gewicht. Eine möglichst leichte Anlage ist erst einmal begrüßenswert. Doch oft geht eine hohe Gewichtsersparnis, speziell am Bremssattel, zu Lasten von Bremskraft und Standfestigkeit (siehe Kasten unten "Bremspower in Zahlen").

Also Hauptsache Power? Jein, denn unter zu viel Bremskraft kann die Dosierbarkeit leiden. Eine im gemäßigten Gelände wunderbar modulierbare Mountainbike-Bremse wiederum bringt wenig, wenn ihr Druckpunkt durch mangelhafte Standfestigkeit bei steilen Downhills mal steinhart wird, mal wandert.

Kurzum: Die perfekte MTB-Bremse zu bauen ist ein Kunststück! Umso wichtiger also, dass wir auch dieses Jahr die wichtigsten Bremsen für Mountainbiker in Labor und Praxis prüften.

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Die MTB-Bremsen im Labor- und Praxistest

Aufgerufen zum Bremsentest haben wir fünf 2-Kolbenbremsen für CC-Fahrer und fünf 4-Kolbenbremsen für AM/Enduro-Abenteurer. Dabei sollten die Hersteller jeweils das Topmodell der Bremsenfamilie schicken. Bisweilen ließen wir uns auch von Neugier leiten.

So ist die Gebereinheit der TRP Slate T4 Entwicklungsgrundlage für die Quadiem-SL-Bremse, die Aaron Gwin über die Downhill-Strecken jagt. Bei der BFO H2O stellt sich die Frage, ob Wasser als Bremsflüssigkeit mit DOT und Mineralöl mithält. Auch die Magura MT Trail ist spannend: Vorne vier, hinten zwei Kolben klingt als Kombi logisch, doch wie gut lassen sich die unterschiedlichen Kräfte in der Praxis handhaben?

Unser zweigeteilter Testablauf garantiert unbestechliche Ergebnisse. Zuerst haben wir alle MTB-Bremsen mit den ab Werk eingesetzten Belägen und 180-mm-Rotoren auf den Prüfstand am Technikum Wien (siehe unten "So testet MOUNTAINBIKE die Bremsen") geschickt. Danach sind wir mit allen Stoppern in der gleichen Ausstattung in Latsch, Südtirol anspruchsvollste MTB-Trails runtergedonnert.

Fotostrecke: Know-how: Bremse am MTB montieren und Leitung verlegen

13 Bilder
MOUNTAINBIKE 0816 Bremse montieren - Scheibe montieren Foto: Chris Pauls
MOUNTAINBIKE 0816 Bremse montieren - Befestigung auf Centerlock Foto: Chris Pauls
MOUNTAINBIKE 0816 Bremse montieren - Sattel befestigen Foto: Chris Pauls

Dass bombastische Laborwerte in Sachen Bremskraft in der Praxis nicht immer unmittelbar gleich empfunden wurden, war die erste spannende Erkenntnis. Unsere beiden leichteren Fahrer waren von der enormen Bremskraft der Trickstuff Direttissima fast eingeschüchtert.

Sie gaben an, dass schon sehr wenig Handkraft am Hebel brachial verzögert und sie das Gefühl hatten, die Bremse ließe sich nicht optimal dosieren. Andererseits war unser schwerster Tester mit fast 110 Kilo Systemgewicht von der Modulation der Trickstuff Direttissima begeistert. Es gilt offenbar: Je schwerer die „Aufgabe“, umso besser die Dosierbarkeit.

Unser Test zeigt aber auch, dass die Bremskolben nicht allein die Kraftgeber sind. Der Sattel der Magura MT8 entwickelte im Labor zum Beispiel mehr Kraft als die vierkolbige Nehmereinheit für das Vorderrad an der Magura MT Trail.

Hier machen die Beläge den Unterschied. Die Magura MT8 war mit den werkseitig verbauten, aggressiven 7.1- Belägen im Labor, die Magura MT Trail mit der weicher bremsenden 7.4-Mischung. Auch im Detail lohnt sich also genaues Hinschauen.

Bremspower der getesteten Bremsen in Zahlen

Im Labor des Technikums in Wien haben wir die Bremskraft mit einer 180-mm-Scheibe bei Nässe und Trockenheit messen lassen. Um die Aussage realistischer zu machen, haben die Mitarbeiter die Werte erstmals auf den Aufstandspunkt eines 26"-Reifens hochgerechnet. So siehst du in der folgenden Grafik, wie viel Power die Stopper auf die Straße bringen, und nicht nur, wie stark die Verzögerung an der Disc ist. Werte über 600 Newton (N) sind top, unter 400 schwach.

 

MOUNTAINBIKE 0816 Bremsen Bremspower
Foto: MOUNTAINBIKE

Leichtbau = Leichtsinn?

Die kleinen Sättel von MTB-Bremsen müssen extreme Belastungen aushalten. Durch die Kräfte, mit denen die Kolben auf die Scheibe gepresst werden, und durch die Hitze, die entsteht, wenn Belag und Disc aneinanderreiben. Ist ein Bremssattel sehr filigran oder ist das verwendete Material zu leicht und weich, verliert er an Steifigkeit. In Folge liegen die Beläge nicht mehr plan an, Bremskraft geht verloren.

Auch die Bremsscheiben tragen zu diesem Spiel ihren Teil bei: Wie der Sattel brauchen sie möglichst viel Material – hier am Reibring –, um die Wärme abzuleiten. Wenn ein Bremsenhersteller also mit niedrigem Gewicht wirbt, ist das mit Vorsicht zu genießen.

Wobei es Unterschiede gibt: BFO liefert mit der BFO H2O die leichteste Bremse (Gesamtgewicht) im Test, der Sattel der BFO H2O liegt mit 130 g aber im Mittelfeld, und die BFO H2O entwickelt hohe Kraft. Der Sattel der weniger gut bremsenden Hope Tech 3 X2 wiegt dagegen lediglich 115 g. Gewicht sparen sollten die Hersteller demnach besser nur an der Hebeleinheit.

In der Praxis trifft eine Bremse auf unterschiedliche Belastungen, besonders fordernd sind: steiles Gelände, lange Abfahrten, schwerer Fahrer. Wobei schon ein Systemgewicht (Fahrer, Kleidung, Rucksack) von über 80 Kilo in unseren Augen als schwer gilt.

Wie groß der Einfluss des Fahrergewichts auf die Bremskraft ist, ließe sich nur mit hochkomplizierter Datenerfassung ermitteln, da Variablen wie die Bremstechnik des Fahrers (Schleifbremsen belastet das System!) oder die Umgebungstemperatur Einfluss nehmen. Aber es gelten folgende Empfehlungen speziell für schwere Biker/innen:

  • Große Scheiben verbauen: Fahrer über 80 Kilo setzen auf min. 180/180 mm Disc, Fahrer über 90 Kilo auf 200/180 mm.
  • Je schwerer der Fahrer, desto mehr lohnt eine schwere, steife 4-Kolben-Bremse.
  • An der Bremstechnik feilen! Punktgenaues Bremsen, verstärkt über die Vorderradbremse, schont die Stopper, ständiges Schleifbremsen überfordert das System.
  • Eine Bremse muss gewartet werden. Nur eine perfekt entlüftete Anlage mit noch tadellosen Scheiben und nicht abgefahrenen Belägen bringt volle Power.

So testet MOUNTAINBIKE die Bremsen

Verlässliche Aussagen über die Leistung der Bremsen sind nur auf Basis von Laborwerten und Erfahrungen aus der Praxis möglich. Deshalb haben wir das komplette Testfeld zuerst an das Labor des Studiengangs für Sport Equipment Technology am Technikum in Wien geschickt.

Dort spannten die Mitarbeiter jedes Modell mit einer 180er-Disc auf den Prüfstand. Die erhobenen Werte liefern die Basis für objektive Aussagen zu Bremskraft und Standfestigkeit der Stopper.

Zur Ermittlung der Bremspower dreht ein Motor die Bremsscheibe mit konstanter Drehzahl, während ein Pneumatikzylinder den Bremshebel mit einer Kraft von bis zu 80 Newton betätigt. Eine hochpräzise Kraftmesszelle misst dabei das entstehende Bremsmoment. Wobei die Labormitarbeiter die Werte für diesen Test erstmals auf den Aufstandspunkt eines Reifens mit 26"-Durchmesser hochgerechnet haben.

Die Werte verdeutlichen somit die Bremspower auf der Straße und nicht nur die Verzögerung an der Disc. Der gleiche Durchlauf erfolgte noch einmal mit nassen Bremsscheiben.

Zur Ermittlung der Ausdauer durchliefen alle zehn Bremsen Zyklen mit konstanter Bremskraft, die ein Mikroprozessor regelt. Sobald die Temperatur der Bremsscheibe zu hoch wird oder die Bremskraft rapide unter einen bestimmten Wert fällt, bricht der Computer den Test automatisch ab. Die Anzahl der bis dahin durchlaufenen Bremszyklen fließt in die Bewertung der Standfestigkeit ein.

Da die Bremsen auf dem Prüfstand bewusst überbelastet werden, sind zusätzliche Testfahrten natürlich unersetzbar. Auf anspruchsvollen Trails in Latsch, Italien jagten drei Tester jede Bremse jeweils mindestens einmal den Berg runter.

Das ermöglicht etwa Rückschlüsse, wie gut die teils hohen theoretischen Kräfte mancher Bremsen modulierbar sind. Bisweilen zeigt sich die Standfestigkeit auf dem Trail auch anders als unter Laborbedingungen.

 

MOUNTAINBIKE 0816 Bremsen Bremskraft Messung
Foto: MOUNTAINBIKE Links: maximal gemessene Bremskraft. Rechts: Je steiler die untere Linie ist, umso direkter verzögert die Bremse. Über die obere Kurve lässt sich die Dosierbarkeit aufschlüsseln. Liegen beide Linien dicht beisammen, reagieren die Kolben schnell.

Punkteverteilung und Bewertung

Die folgende Punktetabelle zeigt dir, wie weit eine Bremse etwa im Bereich „gut“ liegt oder ob es gerade noch gereicht hat. Die Gesamtpunktzahl summiert sich aus den fünf Kategorien, deren Gewichtung unterschiedlich ist. In diesem Test unterscheiden sich die Gewichtungen sogar innerhalb der beiden Testfelder.

 

MOUNTAINBIKE 0816 Bremsen Punkteverteilung
Foto: MOUNTAINBIKE Der Notenschlüssel zeigt, wie weit entfernt oder nah das Produkt an der nächsten Note liegt.

28.09.2016
Autor: Benjamin Büchner
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 08/2016