10 MTB-Bremsen im Labor- und Praxis-Test

Test: 10 MTB-Scheibenbremsen


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MTB-Bremsen Test
Foto: Manfred Stromberg

 

MountainBIKE Bremsen - Avid Elixir 7 Trail
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Bremsen - Avid Elixir 7 Trail - Grafik

 

MountainBIKE Bremsen - Avid Elixir 9 Trail
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Bremsen - Avid Elixir 9 Trail - Grafik
Gerade im Rausch der Geschwindigkeit ist eines wichtig: die richtige Bremse, um in jeder Situation sicher verzögern zu können. MountainBIKE prüfte die aktuellen 2014er Scheibenbremsen im knallharten Labor- und Praxistest.

Update: Hier finden Sie den Test der 2015er Scheibenbremsen fürs MTB!

Heute wird kaum noch ein Mountainbike ohne Scheibenbremsen ausgeliefert, schon an Rädern um 600 Euro sind hydraulische Discstopper verbaut. Die Vorteile gegenüber veralteten Systemen (sprich Felgenbremsen) sind klar: Mehr Bremspower, bessere Dosierbarkeit sowie keine Probleme bei Nässe und mit Seitenschlägen in der Felge.

Update: Die 2015er MTB-Bremsen im Test:

Fotostrecke: 11 MTB-Scheibenbremsen im Test

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MountainBIKE Bremsen Formula CR3 Foto: Benjamin Hahn
MountainBIKE Bremsen Hayes Radar Foto: Benjamin Hahn
MountainBIKE Bremsen Shimano Deore (M615) Foto: Benjamin Hahn

Was muss eine MTB-Bremse alles leisten?

Bike-Käufer in spe sowie Biker, die neue Stopper nachrüsten möchten, sollten sich dennoch genau überlegen, welche Bremse es sein soll. Schließlich versprechen die Hersteller gerne, die wahren Alleskönner im Programm zu haben. Grund genug für MountainBIKE, zehn Modelle der neuesten Generation zum großen Praxis- und Labortest einzuladen, um die Wahrheit herauszufinden.

Bremsen für Einsteiger bis Downhill-Profis
Das breitbandige Testfeld besteht unter anderem aus den Downhill-Bremsen Saint und Zee von Shimano, die aber auch an Enduro-Bikes Sinn machen. Perfekte Pendants zu diesen potenziellen „Wurfankern“ sind die neuen Vier-Kolben-Bremsen Elixir 7 Trail und 9 Trail von Avid, die ebenfalls auf das Enduro-Segment abzielen.

Cross-Country- und Marathon-Racer dürften auf die Avid X0 oder die brandneue Formula R1 Racing schielen. Mit der C1 bietet Formula eine weitere Neuheit – in diesem Fall für Einsteiger. Magura schickt die leichte MT6 ins Rennen. Eher zu den Exoten zählen die britischen Stopper Hope Race Evo X2 sowie die Edelbremse Cleg 2 von Trickstuff . Die Preisspanne reicht von günstigen 172 Euro (Formula C1) bis zu stolzen 399 Euro (Cleg 2) pro Bremse – kein Pappenstiel!

Doch worin bestehen eigentlich genau die Unterschiede, worauf kommt es beim Kauf an, und wie individuell beeinflusst ist die Entscheidung für die richtige Bremse? Fragen, denen MountainBIKE mit diesem Test auf den Grund ging, um Ihnen eine eindeutige Empfehlung auszusprechen – unter Berücksichtigung des Einsatzzwecks.

Im Grunde ist diese Frage schnell beantwortet: zuverlässig verzögern. Und das tun, so viel ist sicher, alle Testkandidaten. Schaut man genau hin, finden sich jedoch Unterschiede in der Technik und damit in der Leistung. So setzen Avid bei Elixir 7 Trail und 9 Trail und Shimano bei Saint und Zee auf Vier-Kolben-Systeme: Die Bremsbeläge werden von vier einzelnen Kolben gegen die Scheiben gedrückt. Das soll mehr Power, aber auch eine höhere Standfestigkeit bei langen Abfahrten bringen. Alle weiteren Testbremsen arbeiten mit der weniger aufwendigen Technik von Zwei-Kolben-Systemen.

Ein wesentlicher Punkt ist die Ergonomie der Hebel. Manche Modelle sind etwa für kleine Hände ungeeignet. Zum Beispiel liegt der Drehpunkt bei Magura und Cleg weit weg vom Lenker, wodurch sich die Hebel schlecht auf kürzere Finger einstellen lassen. Besser sind Hebel, die einen nah am Lenker liegenden Drehpunkt besitzen wie etwa bei Avid. Shimano setzt zudem auf ein Umlenk-System, das dafür sorgt, dass die Beläge erst schnell zur Scheibe wandern und dann langsam auf diese drücken.

Damit soll das Ansprechverhalten verbessert werden, ohne dass die Dosierbarkeit leidet. Ein praktisches Feature ist die werkzeuglose Griff weitenverstellung, wie sie an Shimano Saint und Avid X0 zum Einsatz kommt – so lässt sich auch „on Trail“ rasch korrigieren.

Wie schwer eine Bremse ist, sollte indes Nebensache sein (bei diesem Test fließt das Gewicht lediglich mit zehn Prozent ins Testergebnis ein). Hintergrund: Das Hitzemanagement von schweren Stoppern ist aufgrund der größeren Masse klar besser. Das heißt: Wenn Sie nicht gerade auf olympisches Edelmetall aus sind, ist das Feilschen um jedes Gramm tabu!

Dazu zählt auch die Wahl der Scheibengröße. Zwar ist eine kleine 160-mm-Disc leichter, aber die gesparten rund 35 g im Vergleich zur 180er-Disc sind den Verlust an Bremskraft nicht wert. Auch mit Blick auf große (29"-)Laufräder, die mehr Kraft durch einen größeren Hebel auf die Bremse bringen, sind mindestens 180-mm-Discs empfehlenswert. Viele Hersteller setzen zudem auf unterschiedlich dicke Scheiben.

Generell gilt hier: Je dünner die Scheiben, desto anfälliger ist diese für Verformungen. Formula, Shimano und Hope liefern ihre Scheiben mit Alu-Spider aus, der für hohe Stabilität sorgen soll. Shimano geht bei der Saint noch einen Schritt weiter und verpasst den Scheiben einen Aluminium-Kern und verspricht damit eine bessere Wärmeableitung.

Scheibenbremsen: Einzigartige Labor- und Praxistests

Die Labortests führt MountainBIKE in Zusammenarbeit mit dem Technikum Wien und Versuchsleiter Clemens Oertel durch. Jede der zehn Bremsen musste sich einem aufwendigen Testprozedere stellen. Erst wird auf dem Bremsenprüfstand die Bremskraft bei Trockenheit überprüft. Dann wird das System benässt, um das Nassbremsverhalten zu ermitteln.

Anschließend werden die Bremsen auf Standfestigkeit überprüft. Dabei wird die Kraft in mehreren Schritten erhöht und auftretendes „Fading“ aufgezeichnet. Fading bedeutet, dass die Bremsleistung mehr oder weniger stark nachlässt. Ursache: Bei großer Hitzeentwicklung bilden sich in der Bremsflüssigkeit Bläschen, was dazu führt, dass die Hydraulik nicht mehr die volle Handkraft auf die Kolben überträgt.

Wenig überraschend: Alle Vier-Kolben-Stopper erzielen im Labortest hohe Bremsleistungen. So überzeugen Shimano Zee und Saint sowie die Avid Elixir 9 Trail mit enormer Power und legen die Messlatte für diesen Test hoch. Aber auch Elixir 7 Trail und The Cleg schneiden stark ab – im Gegensatz zur wenig kräftigen Avid X0, zur fi ligran gefrästen Hope und zur Magura.

In puncto Ausdauer liegen fast alle Bremsen auf hohem Niveau, jedoch verformten sich die dünnen Scheiben von Avid früh unter der Dauerbelastung des Prüfstands – ein typisches Avid-Problem, das auch auf langen Alpenabfahrten auftauchen kann. Zwar stellt dies kein unmittelbares Sicherheitsrisiko dar und führt daher nicht zur Abwertung, nervig sind die dadurch entstehenden Geräusche aber allemal.

Genug des Laborberichts, wie agieren die Stopper auf dem Trail? Wie liegt der Hebel in der Hand, wie fein ist die Bremse dosierbar, und reicht die Leistung auch auf langen Alpen-Downhills aus? Dazu machten sich die MountainBIKE-Tester auf ins Vinschgau, Südtirol, und fuhren jede Bremse mit allen erhältlichen Scheibengrößen (außer 170 mm), über 30 Testfahrten kamen so zusammen.

Ins Labor wanderten nur die 180er-Scheiben, da sich die Daten für die anderen Formate hochrechnen lassen. Erstaunlich dabei, wie deckungsgleich die Ergebnisse aus der Praxis zu denen aus dem Labor sind. Die Vier-Kolben-Flotte von Avid und Shimano überragt auch in der Praxis mit brachialer Power. Die geringere Bremskraft der beiden Formula-Stopper, der Magura und der Avid X0 bestätigten die Tester ebenfalls. Auch die Hope überzeugt trotz knackig-hartem Druckpunkt in Sachen Endpower nicht.

„Zu schwammig“ sind die Druckpunkte am Hebel von Magura und Cleg – das erschwert die Dosierbarkeit und kostet viel Fingerkraft . Am Cleg-Hebel gefiel den Testern zudem die Ergonomie nicht. Bei zunehmendem Zug am Griff gleitet der Finger nach außen und bleibt an den aufgebogenen Hebelenden hängen – durch das ständige „Fingerhakeln“ ist es fast unmöglich, die volle Leistung abzurufen. Optimal liegen hingegen die Carbon-Hebel von Avid X0 und Elixir 9 Trail am Finger. Aber auch die kleinen Hebel der Shimano-Bremsen sind klasse.

Trotz geringerer Bremskraft ist die superleichte Formula R1 ein heißer Tipp für Racer – aber bitte mit 180-mm-Disc. Wer weniger aufs Gewicht und mehr aufs Geld schaut, liegt bei der Avid Elixir 7 Trail richtig. Das beste Bild gibt die Elixir 9 Trail ab. Diese punktet auch in der 200-mm-Version und ist damit besser dosierbar als die Saint von Shimano. Trotz insgesamt mindestens guter Ergebnisse sämtlicher Testkandidaten ist keine Bremse makellos – das Urteil „überragend“ kann die MountainBIKE-Redaktion diesmal nicht vergeben.


02.01.2014
Autor: Chris Pauls
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 11/2013