MountainBIKE-Test: 14 Race-Hardtails mit 29"-Rädern und Carbon-Rahmen

Praxistest: Race-Hardtails mit viel Vorwärtsdrang

Da Rennsiege zum Glück (meist) nicht im Labor, sondern auf der Strecke errungen werden, legte MountainBIKE auch bei diesem Test am meisten Wert auf den Praxistest.
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Vier erfahrene Tester, teils mit „einschlägiger Cross-Country-Vergangenheit“, jagten die 14 Race-Hardtails über einen äußerst selektiven Cross-Country-Parcours im Trail-Paradies Brixen.

In kurvigen Passagen wurden Geometrie und Handling beurteilt, Flachstücke luden zu beherzten Zwischenspurts ein, im groben Trail-Downhill erwies sich, welches Bike mit Laufruhe verwöhnt oder geizt. Und ein enorm steiler, ruppiger Uphill zeigte, ob und ab wann die Front steigt oder das Hinterrad an Haftung verliert.

Erneut beeindruckte die Tester der unbändige Vorwärtsdrang der Twentyniner: Einmal beschleunigt – was im Vergleich zum 26-Zöller durch die größere Schwungmasse etwas länger dauert –, brechen die „Riesen“ alle Geschwindigkeitsrekorde, hängen ungemein hart am Gas. Befeuert werden diese Speed-Orgien noch durch die erfreulich niedrigen Gesamtgewichte von teils unter neun Kilo (Canyon, Haibike, Stöckli) und die im Vergleich zu den Vorjahren deutlich abgespeckten Laufräder.

So wiegen die häufig verbauten Carbon-Laufräder, etwa von Crankbrothers, Reynolds oder Sram, nur noch rund 1500 Gramm/Paar, die ultraleichten Alu-Tuning-Räder von American Classic (Niner), POP (Stöckli) und Tune (Canyon) unterbieten diese Marke sogar! Dennoch bleiben die Laufräder die 29er-Schwachstelle: Rund 200 Gramm Mehrgewicht zu 26"-Laufrädern bremsen den explosiven Antritt, circa 30 Prozent geringere Steifigkeiten sorgen bei Wiegetritt-Attacken und aggressiven Kurvenfahrten für eine merklich höhere Verwindung.

Warum trotz dieses Mankos die komplette Cross-Country- und Marathon-Elite das 26"-Racebike eingemottet hat? Schon wenige Trail-Meter genügen, um alle Zweifel zu beseitigen: Die Lässigkeit, mit der die 29er-Wheels über Stock und Stein rollen, wie sie dabei das Tempo hoch halten und auch Senken förmlich überfliegen, ist schlicht ein Gedicht!

Dabei verführen sie mit viel Komfort und enormer Fahrsicherheit bei weitem nicht nur Race-Profis, sondern auch Fans epischer Touren, die dafür einen möglichst leichten und stressfreien Begleiter suchen. Auch das zu 29er-Pionierzeiten noch oftmals arg träge Handling haben die Hersteller ihren „Big Bikes“ erfolgreich ausgetrieben, vor allem Lenkwinkel und Kettenstrebenlänge beeinflussen die Fahreigenschaften maßgeblich.

Dabei gilt: Ein steiler Lenkwinkel von rund 71° macht die Lenkung direkt und agil, kann aber auch übersteuern und eine bergauf „tänzelnde“ Front bewirken. Umgekehrt garantiert ein für ein Hardtail flacher Lenkwinkel (um 69,5°) Spurtreue – bis hin zur Trägheit. Konstruktive Kniffe wie ein versetztes Sitzrohr ermöglichen verkürzte Kettenstreben (unter 430 mm) und impfen dem Twentyniner vormals nicht gekannte Wendigkeit ein.

Im Uphill generiert ein kurzes Heck aber spürbar weniger Traktion, zudem steigt die Front im Steilen schneller. Lange Streben hingegen sorgen, überspitzt gesagt, für die Traktion eines Bulldozers und die Wendigkeit eines Ozeandampfers. Spannend: Fast alle Hersteller mixen daraus ihren eigenen, mitunter spritzigen Geometrie-Cocktail.

So kombiniert Bergamont einen flachen Lenkwinkel mit einem superkurzen 425-mm-Heck. Cannondale stellt das andere Extrem mit steilem Winkel und langen Streben auf die Räder, während Canyon jeweils die „goldene Mitte“ wählt. Und: Alle drei Konzepte gehen auf, wie die jeweils exzellente Fahr­charakteristik von Revox, F29 und Grand Canyon beweist! Als zu träge und sperrig empfand die MountainBIKE-Crew lediglich das „lang-flache“ Conway, wohingegen dem betont direkten, fast giftigen Handling der Renn-Vollblüter von Niner, Orbea und Stöckli eine erfahrene, zähmende Fahrerhand guttut.

Ready for race – Parts ohne Kompromisse

Wer rund 6000 Euro für ein Fahrrad ausgibt, erwartet neben besagten Highend-Carbon-Rahmen auch eine Ausstattung erlesenster Güte – und wird von den Testbikes nicht enttäuscht. Die verbauten Parts bieten nahezu durchgehend allerhöchstes Niveau, einige Bikes wie das Canyon, Haibike oder Stöckli sind dank sündhaft teurer wie leichter Tuning-Parts sogar „Olympia-reif“. Lediglich das ansonsten formidable Rocky Mountain hinkt mit Alu-Anbauteilen und gewichtiger Laufrad-Reifen-Kombi der Konkurrenz hinterher.



Die Mountainbikes im Test:

08.01.2013
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2012