11 Allround-MTBs aus Carbon im Test – plus 11 Alternativen aus Alu

Praxistest im MTB-Paradies Brixen

Gewicht hin, Steifigkeiten her – die Wahrheit liegt auf dem MTB-Trail. Dazu mussten die Testbikes unter den Fittichen von vier erfahrenen MountainBIKE-Testern zunächst im Schwäbischen Wald, dann im Traumrevier Brixen rocken.
Zu den getesteten Produkten

Und, dies sei gerne vorab verraten, der neue All-Mountain-MTB-Jahrgang erfüllte die sehr hohen Erwartungen zumeist mit Bravour. Es gibt wohl keinen Biketest im Jahr, der neben aller Anstrengung bergauf so viel Fahrspaß, so viel „Bock aufs Biken“ weckt wie der Vergleich der Edel-Allrounder.

Grund für diese kleine Lobhudelei sind neben der erwähnten Leichtigkeit des All-Mountain-Seins die ausgeklügelten Fahrwerke und Geometrien der 150-mm-Klasse. Dabei zeigen die Hersteller speziell bei den Hinterbau-Kinematiken erstaunlichen Artenreichtum.

Neben klassischen Viergelenkern (Ghost, Haibike, Rotwild, Specialized), abgestützten Eingelenkern (Cannondale, Scott) und diversen VPP-Varianten (BMC, Ibis, Simplon) gibt es kons­truktive Eigenarten wie die Independent-Drivetrain-Kinematik mit vom Hauptrahmen entkoppeltem Tretlager am GT oder die Split-Pivot-Technik am Trek. Damit nicht genug: Cannondale, Scott, Specialized und Trek setzen auf exklusiv gefertigte, teils hochkomplexe Federbeine oder gar auf Vario-Fahrwerke mit unterschiedlichen Federwegen.

Sehr hohes Niveau der Kinematiken

All diese Lösungen eint das Ziel, die Hinterradfederung möglichst effizient zu gestalten: frei von störendem Wippen, Wegsacken oder Pedalrückschlag bergauf; feinfühlig, komfortabel und schluckfreudig bergab. Ein Spagat, den fast alle Fullys überaus galant meistern, wobei BMC, Simplon, Specialized und Trek aus dem bärenstarken Testfeld noch einen Tick herausragen. Leise Kritik mussten nur die Kinematiken von GT und Haibike einstecken: Beide benötigen relativ viel Zeit, um die bestmögliche Abstimmung zu finden, beide agieren zum Ende das Federwegs hin etwas zu progressiv.

Auch an der Front herrscht Abwechslung, jedoch keine Markenvielfalt: Alle elf Hersteller vertrauen den 32-Series-Federgabeln aus dem Hause Fox, jedoch reicht der Reigen dabei von der eher günstigen „RL“-Variante mit offenem Ölbad (Cannondale, Specialized) bis zur sündhaft teuren „FIT RLC“ mit reibungsarmer Kashima-Beschichtung (Ghost, Ibis, Simplon). Aber: Die Performance-Unterschiede in der Praxis waren dabei geringer als erwartet.

Bis auf Ibis und Trek bieten alle All-Mountains die Möglichkeit, die Gabel via „Talas“ um 30 mm abzusenken, um speziell an Anstiegen jenseits der 20 Prozent mehr Druck auf das Vorderrad zu bekommen. Zwingend notwendig ist dieses Feature bei den meisten Testbikes jedoch nicht. Diesem Zweck dienlich sind die zwischen Up- und Downhill austarierten Geometrien, die zumeist demselben, modernen Muster folgen: flacher Lenkwinkel unter 68° für hohe Laufruhe bergab, steiler Sitzwinkel von über 73° für optimales Kletterverhalten auch ohne besagte Gabelabsenkung, langes Oberrohr mit kurzem Vorbau sowie kurze Kettenstreben (um 430 mm) für ein ausgewogenes Handling.

Speziell BMC, Cannondale, Specialized und Trek treffen und trafen dabei voll den Nerv der Zeit und der Tester. Mit wunderbarer Leichtigkeit und Agilität zoomen diese Trail-Räuber ums Eck, bleiben dabei aber dank potenter Fahrwerke und Sahne-Handling selbst im groben Geläuf gelassen, stets perfekt kontrollierbar. Vier Bergräder, die jeden süchtig machen!

Auch in puncto Ausstattung erreicht das Testfeld hohes Niveau – trotz gestiegener Preise für Zuliefer-Parts. So gönnt nur Ghost dem Käufer mit der Sram X0 eine „echte“ Top-Gruppe. Acht der elf Bikes schalten und walten dafür mit der neuen Shimano-XT-Gruppe – kein „Bling bling“, aber funktional top, robust und vor allem nahezu sorgenfrei. Dies gilt noch mehr für die an vier Bikes verbaute, äußerst kraftvolle XT-Bremse. Aber auch die Stopper von Avid, Formula und Magura bieten dank 180-mm-Rotoren sehr gute Verzögerung.

Erstaunlich, dass trotz offensichtlicher Nachteile und steter MountainBIKE-Kritik noch immer einige Hersteller zu schmale Lenkzentralen verbauen. So erreichen die Lenker von Cannondale, Haibike, Scott und Trek nicht die „AM-adäquate“ Länge von mindestens 700 mm, der Vorbau am Haibike ist zu lang, sorgt für ein spürbar indirektes Handling. Super hingegen: Sechs Bikes kommen ab Werk mit einer vom Lenker aus absenkbaren Vario-Sattelstütze, beim Rest ist diese für rund 200 Euro in der Regel nachrüstbar – für MB absolute All-Mountain-Pflicht!



Die Mountainbikes im Test:

18.01.2012
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2011