MTB-Test: 12 Enduros zwischen 3.700 und 4.600 Euro (Modelljahr 2016)

Test: 12 Enduros um 4.000 Euro


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Test Enduro-MTBs
Foto: Dennis Stratmann

 

MountainBIKE Bergamont Encore Team
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MountainBIKE Canyon Strive CF 8.0 Race
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MountainBIKE Conway WME 827 Carbon
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MountainBIKE Cube Stereo 160 C:62 SL 27.5
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Enduros sind die Potenzbolzen bergab, die Testosteron-Spritze für deine Fahrtechnik! Und die jüngsten 160-mm-Fullys können noch mehr, begeistern als antriebsstarke Alleskönner nicht nur im alpinen Geläuf. Zwölf der besten „Musclebikes“ haben wir hart getestet.
Zu den getesteten Produkten

Zwölf aktuelle Enduro-Mountainbikes mit Preisen von 3700 bis 4600 Euro haben wir gewogen, vermessen, auf ihre Steifigkeit hin untersucht – und sind sie im knackigen Gelände gefahren. Darunter MTB-Neuheiten wie das Bergamont Encore Team oder das Cube Stereo 160 C:62 SL 27.5 genauso wie „All-Stars“ à la Specialized Enduro FSR Elite 650B oder Trek Slash 8.

Gemein ist allen Enduro-Bikes aus dem Test die Laufradgröße: 27,5" hat sich hier durchgesetzt, 29"-Enduros führen nur mehr ein Nischendasein, 26" ist wohl oder übel Geschichte. In Sachen Federweg scheint der Trend zu immer mehr Hub gestoppt bzw. sogar umgekehrt: Fast ausschließlich 160 mm sind’s bei den Testbikes am Heck, vorne federn beim GT Sanction Pro und dem Stevens Sledge Max 170 mm, beim Rest 160 mm. Auch das ein Trend aus dem Rennsport, Enduro-Racern wären 180-mm-Fahrwerke schlicht zu „plüschig“.

Fahrwerksverstellungen und Vario-Geometrien scheinen aus der Mode. So ist nirgends eine absenkbare Federgabel – früher Pflicht am Enduro-MTB – verbaut, nur am Conway WME 827 Carbon lässt sich der Heckfederweg auf 160 mm oder 170 mm einstellen. Die große Ausnahme: das Canyon Strive CF 8.0 Race mit seiner innovativen Shapeshifter-Technik, die bergauf den Federweg auf 135 mm kappt, die Geometrie um 1,5° steiler stellt.

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Enduro-Bikes: Doping für das eigene Fahrvermögen

Zurück zum Hubkonzert: Drei bis vier Zentimeter mehr Federweg als etwa an einem Touren/Trail-Fully (120–130 mm) – das scheint nicht viel. Aber es macht einen enormen Unterschied. Es ist schon fantastisch, wie sänftenartig die 160-mm-Enduros über groben Stock und hohen Stein gleiten, wie viel Fahrsicherheit sie ausstrahlen, wie unaufgeregt sie Sprünge und Drops abfedern – und die ein oder andere verpatzte Linie einfach kaschieren.

Enduro-Mountainbikes sind die Testosteronspritze fürs eigene Fahrkönnen und alleine daher als Zweitrad ein Traum. Auch für ambitionierte Flachlandtiroler, nicht nur für Alpenbewohner.

Das Ganze wäre jedoch halb so lustig, wenn sich die 2016er-Enduros nicht so lässig berghoch fahren würden. Hieß es früher, dass man mit einem Enduro-MTB so gerade noch den Berg raufkommt, gehen die meisten der Testbikes richtiggehend stramm voran und empor.

Das liegt zum einen an den angesagten steilen Sitzwinkeln, die den Fahrer ins rechte Uphill-Bild rücken: zentral über dem Tretlager, mit viel Druck auf der Front und entlastetem Hinterrad. Auch die äußerst traktionsstarken, dabei zumeist recht antriebsneutralen Heckfederungen befeuern das Bergauf. Kein Hinterbau wurde von uns als störend wippend, als instabil oder wegsackend bewertet.

Ein weiterer Garant für fröhliches Vorankommen ist das Gesamtgewicht von 13,4 Kilo im Mittel – das klingt nicht nur „leicht„ pedalierbar, das ist es auch. Auch bei 2000 Höhenmetern am Tag. Leichtgewichts-Champ ist das Cube Stereo 160 C:62 SL 27.5: 12,3 Kilo wäre für ein Tourenfully ein guter Wert, für ein 160-mm-Bike ist er sensationell.

Nur zwei Enduro-MTBs tragen zu viel Alu-Speck: das Stevens Sledge Max mit 14,1 Kilo, das GT Sanction Pro mit 14,4 Kilo. Dank sehr guter Sitzposition und traktionsstarker Heckfederungen kraxeln beide dennoch mehr als manierlich.

Eins aber ist auch klar: Wer ein leichtes, somit voll touren- wie renntaugliches Enduro-Mountainbike will, muss beherzt ins Portemonnaie greifen. Eben zur von uns ausgewählten Preisklasse um 4000 Euro.

Enduros unter 3000 Euro bringen bergab ebenfalls viel Freude. Ihre Vielseitigkeit leidet jedoch unter schweren Parts, womöglich auch unter minderwertigen Federelementen. Und einen moppeligen 15-Kilo-Bock hinaufzutreten, das macht dicke Beine – aber keinen Spaß.

Die getesten Enduro-Bikes unter der Lupee

Die Kritik an der Ausstattung der getesteten Enduro-Bikes fällt daher dezent aus. Schlimmere Patzer sind kaum dabei, nur das Focus Sam C Pro liegt bei der Bremsen-, und das Fuji Auric 27.5 1.3 bei der Reifenwahl daneben. Auch die Federelemente agieren auf höchstem Niveau, ob Rock Shox oder Fox, das wird immer mehr zur Geschmackssache. Einzig die Manitou-Gabel im Bergamont Encore Team fand wenig Gegenliebe. Bei allen MTB-Modellen muss der Käufer in spe mit 1 x 11 Gängen vorliebnehmen.

Die leichten, höchst zuverlässigen und stressfreien Einfach-Antriebe speziell von Sram haben sich an Enduro-MTBs durchgesetzt. Trotz des Nachteils der geringen Bandbreite. Ein kleines 30er-Kettenblatt ist leider nur an folgenden Bikes verbaut: Bergamont Encore Team, Conway WME 827 Carbon, Focus Sam C Pro, Lapierre Spicy 527 und Specialized Enduro FSR Elite 650B.

Dann reicht zusammen mit dem obligatorischen 42er-Ritzel der Klettergang für Stiche mit über 20 Prozent Steigung – wenn auch auf langen, dermaßen steilen Uphills viel Waden-Power nötig ist. Der Rest setzt auf 32- oder gar 34er-Blätter, was für unser Gusto (oder für unsere Fitness?) arg stramm ist.

Jetzt aber ans Enduro-Eingemachte, ans Ballern. Bergab. Nach dem Test auf extrem fordernden MTB-Trails mit bis zu 7000 Tiefenmetern pro Tester waren wir uns einig: Diese „Musclebikes“ sind die potentesten, die besten, die wir je unter dem Hintern hatten! Nahezu alle Testbikes strotzen runterzu nur so vor Kraft.

So erreichen das langgezogene Canyon Strive CF 8.0 Race, das panzerartige GT Sanction Pro und erstaunlicherweise das wendig-kurze Specialized Enduro FSR Elite 650B schon fast das Brachial-Niveau eines reinen Downhill-Bikes. Einzig das neue Fuji Auric 27.5 1.3 fällt aufgrund seiner nervöseren Geometrie und der zu leichten Bereifung merklich ab.

Stichwort lang: Wie eingangs erwähnt, prägt der Enduro-Rennsport die Geometrien vieler Bikes. Vor allem diese Bikes haben eine äußerst gestreckte Geo mit üppigem Reach und Radstand: Bergamont Encore Team, Canyon Strive CF 8.0 Race (das Strive gibt’s auch in einer „Kurz-Version“), Giant Reign 1 und Lapierre Spicy 527.

Das macht sie höchst unerschütterlich bei Highspeed – bei langsamer Fahrt jedoch mitunter träge. Kommt dann noch ein flacher Lenkwinkel von unter 65–65,5° dazu, ist der Novize oft überfordert und wird das Bike sogar als kipplig empfinden.

Der Könner hingegen lernt schnell, viel Druck auf die Front zu geben, noch mehr über das Vorderrad zu pushen, aus jeder Kurve heraus aufs Tempo zu drücken. Wer einen weniger kraft betonten Fahrstil pflegt, dürfte jedoch mit zahmeren Enduros glücklicher werden, ohne diese vermutlich je am Limit zu bewegen.

Beispiele wären der agile Super-Allrounder Conway WME 827 Carbon, das spritzig-leichte Cube Stereo 160 C:62 SL 27.5 oder das traumhaft verspielte, dennoch satt liegende Specialized Enduro FSR Elite 650B.



04.03.2016
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe /2016