Mountainbikes im Test: Scott Genius 920 und Specialized Stumpjumper FSR Comp Carbon 29

Test-Duell: Scott Genius 920 vs. Specialized Stumpjumper FSR Comp Carbon 29


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Test Scott Genius vs Specialized Stumpjumper
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MountainBIKE Test-Duell: Scott Genius 920 vs. Specialized Stumpjumper FSR Comp Carbon 29
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MountainBIKE Duell Genius vs Stumpjumper - Scott Genius 920
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MountainBIKE Scott Genius 920
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MountainBIKE Scott Genius 920
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Scott Genius gegen Specialized Stumpjumper: MountainBIKE lässt in diesem exklusiven Test-Duell zwei All-Mountain-Klassiker gegeneinander antreten.
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Eines vorweg: In diesem „Classico“ treffen zwei MTB-Traktionsbolzen aufeinander, die – für All-Mountain-Fullys – brutalst möglich sogar über gröbstes Terrain donnern. Bergab wie bergauf. Unerschütterlich. Ja, die Kombination aus 29"-Riesenrädern und dafür relativ viel Federweg setzt in puncto Laufruhe und durch ihre „Ich-baller-über-alles-hinweg“- Attitüde Maßstäbe im All-Mountain-Segment!

Wer’s braucht? Das ist größen- sowie fahrstilabhängig. Wer keine 175 cm hoch wuchs und/oder maximalen Wert auf ein wuseliges Handling legt, heuert auf diesen „Riesenschiffen“ eher nicht an. (MountainBIKE Laufradgrößen-Finder: In wenigen Schritten zur passenden Größe)

Auf in den Kampf im MountainBIKE-Labor

Doch nun Ring frei zur ersten Runde, dem Zweikampf im MountainBIKE-Labor. Bis auf die lackierte Carbon-Haut gestrippt, wurden die beiden Mountainbikes gewogen, vermessen, auf ihre Steifigkeit geprüft. Ergebnis: unentschieden!

Das Specialized Stumpjumper FSR Comp Carbon 29 ist zwar gesamt ein halbes Kilo leichter als das Scott Genius 920, auch der Kohlefaserrahmen belastet die Waage etwas weniger. Jedoch schafft die Lenkkopfsteifigkeit des Stumpjumper mit 62 Nm/° nur knapp den von MountainBIKE definierten grünen Bereich (ab 60 Nm/°) – das Scott Genius ist mit 77 Nm/° klar voraus.

Was die Ausstattung angeht, nehmen sich die beiden Duellanten erneut nicht viel. Der Parts-Mix am 200 Euro günstigeren Stumpjumper scheint kruder, „billiger“ als der lupenreine Shimano-Antrieb des Genius. Dafür wartet das Specialized mit vielen pfiffigen Detail-Lösungen auf (Autosag-Ventil am Federbein, Kettenführung, top Kettenstrebenschutz), das Scott wirkt da einfallsloser.

Beiden gemein ist eine an die größere Radentfaltung von 29" angepasste Übersetzung mit kleinem 22er-Kettenblatt. Scott kombiniert dieses mit zwei weiteren Blättern zu 30 Gängen, Specialized wählt einen US-typischen 2 x 10-Antrieb – Geschmackssache, die MountainBIKE-Tester würden die 2-fach-Variante bevorzugen.

Andererseits überzeugt die traumhaft souveräne, ideal dosierbare Shimano-SLX-Bremse des Genius mehr als die (dennoch zuverlässige) Formula-Bremse des US-Klassikers – zumal Specialized unverständlicherweise bei den Radgrößen S und M eine kleine 160-mm-Disc im Hinterrad rotieren lässt.

Erstaunlich: Der Blick auf das Geometrie-Chart zeigt nur minimale Unterschiede zwischen den beiden Kampfhähnen. In der zu empfehlenden „Low“-Geometrie-Einstellung ist das Scott Genius einen Tick flacher und länger – das war’s schon. Erstaunlich ist dies deshalb, da diese paar Millimeter in der Praxis einiges ausmachen.

Ohne Frage, auf beiden Mountainbikes sitzt es sich wunderbar, ausgewogen zwischen Sport und Spaß – aber beim Stumpjumper minimal stärker integriert im Bike, einen Hauch zentraler, schlicht (noch!) besser. Kein Wunder, dass das Specialized Stumpjumper auf dem Trail zur Wildsau mutiert: Sagenhaft dynamisch, dabei für ein Twentyniner ungemein quirlig, angriffslustig und geradezu verspielt, ritzt und schnitzt es durchs Gelände.

Aber keine Sorge, wem das zu scharf klingt, der kann mit dem Stumpjumper auch lässig über den Flowtrail surfen, entspannt dahingleiten. Spürbar unaufgeregter, nicht so übersprudelnd wirft sich das Scott Genius ins Getümmel, gefällt dabei dennoch mit wohltemperiertem Mix aus Wendigkeit und Geradeauslauf, gibt sich stets verlässlich und beherrschbar.

Mehr noch: Dank des um 0,5° flacheren Lenkwinkels und des längeren Radstands hat es in Sachen „Geradeausballern“ sogar die Stollenspitze vor dem US-Wirbelwind.

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Auch bergauf schenken sie sich nichts

All-Mountain – diese Kategorie verlangt neben Potenz bergab genauso viel Schlagkraft bergauf. Und erneut glückt keinem der Gegner der alles entscheidende Treffer. Beide kraxeln dank überbordender Traktion auf allerallerhöchstem Niveau, wobei das Specialized Stumpjumper noch agiler, giftiger emporstrebt. Jedoch rollt das Scott Genius in der Ebene flotter, profitiert von den flinkeren Reifen.

Pflicht ist jedoch ein Klick am Twinloc-Hebel, um den Heck-Federweg auf 90 mm zu verknappen – sonst schaukelt sich das Fahrwerk spürbar auf. Dafür saugt die Scott-Kinematik bergab quasi jeden Krümel mit feinfühligem Ansprechverhalten weg, zeigt enorme Schluckfreude. Der Specialized-Viergelenker werkelt in Summe gedämpfter, spricht nicht ganz so hauchzart an – wippt aber auch weniger, steht strammer im Federweg und dürfte dem aggressiven All-Mountaineer so mehr zupasskommen.

Test-Fazit:

Wumms! Die 29er-Modelle von Genius und Stumpjumper hauen rein, setzen in puncto Nehmerqualitäten All-Mountain-Maßstäbe. Während das Scott das seriösere, gradlinigere Bike ist, brilliert das frechere Specialized mit feinster Agilität – und lag so in der Gunst der MountainBIKE-Tester hauchdünn in Front.


Die Mountainbikes im Test

30.07.2014
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 07/2014