Mountainbikes im Test: Elf 29er-Hardtails um 1.500 Euro (2014)

Elf Hardtails um 1.500 Euro im Test


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MTB-Hardtail-Test
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MountainBIKE Bergamont Revox 8.4
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MountainBIKE Bergamont Revox 8.4
Foto: André Schmidt

 

MountainBIKE BMC Teamelite TE03 29 SLX-Deore
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MountainBIKE Bulls Copperhead 29 Plus
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Das Mountainbike-Leben kann so einfach sein: intakte Natur, eine schöne MTB-Tour, ein funktionierendes Bike. Hardtails erfüllen diesen Sorglos-Anspruch am besten. MountainBIKE hat elf Modelle um 1.500 Euro getestet.
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Darf’s ein bisschen weniger sein? Welch unsinnige Frage bei den meisten Kaufentscheidungen, oder? Beim Mountainbike-Kauf ist sie jedoch aktueller denn je. Denn den hochgezüchteten, teils immer komplexer werdenden vollgefederten MTB-Modelle („Fullys“) stehen weiterhin die wahren Klassiker des Bergradfahrens gegenüber: die Hardtails. Schlicht, im besten Sinne simpel und nie aus der Mode gekommen.

Die Vorteile der „nur“ mit einer Federgabel an der Front dämpfenden Hardtail-MTBs sind ersichtlich: Was nicht dran ist, wiegt nichts, kostet nichts, geht nicht kaputt, muss nicht eingestellt werden und flext nicht. Anders gesagt: Hardtail-Mountainbikes sind stets leichter, preiswerter, wartungsfreier, unkomplizierter und steifer als Fullsuspension-Bikes.

Dennoch: Die Anforderungen an ein Hardtail sind gestiegen. Heute erwarten die MTB-Käufer auch vom ungefederten Heck ein Mindestmaß an Komfort, sie wünschen sich eine sportliche, aber nicht so grotesk überstreckte Sitzposition wie in den 90er Jahren, sie verlangen nach Fahrsicherheit. All dies ist inzwischen Realität – Verdienst der größeren Laufräder der MTB-Neuzeit.

Vor allem Hardtails profitieren enorm von 29"-, teils auch von 27,5"-Laufrädern (MountainBIKE Laufradgrößen-Finder - in wenigen Schritten zur richtigen Größe), die Hindernisse besser überrollen, mehr Laufruhe und Traktion bergauf wie bergab generieren und den Fahrer besser und sicherer ins Rad integrieren. Sogar bei den Tempo- und Gewichtsfanatikern im CC/Marathon-Profizirkus ist das 26"-Hardtail quasi ausgestorben.

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Gut und günstig? Was es für 1500 Euro gibt

Aber die „Big Bikes“ bringen auch Nachteile mit sich: Sie wiegen mehr, lassen sich schlechter beschleunigen, sind weniger steif. Bei einem Carbon-MTB der 6000-Euro-Klasse mögen diese Defizite buchstäblich kaum ins Gewicht fallen, doch gilt dies auch für die breite Masse? Für 1500 Euro teure Hardtails? Zumal für Mountainbikes aus dem stationären Handel, die auch dem beratenden Fachmann eine Marge lassen müssen? Fragen, die MountainBIKE mit diesem Test beantwortet.

Die Rahmenbedingung steckte die Redaktion eng: Zwischen 1499 und 1599 Euro dürfen die getesteten MTB-Modelle kosten, Versenderräder wurden nicht eingeladen, der Einsatzbereich soll vom Hobby-Marathon bis zur anspruchsvollen Bergtour reichen. Aufgrund der aktuell noch zu wenigen 27,5"-Hardtails auf dem Markt (27,5" - alle wichtigen Infos zur neuen Laufradgröße) waren zudem nur Twentyniner eingeladen. Elf Hersteller folgten dem Ruf, darunter große deutsche Marken wie Bulls, Cube, Ghost oder Stevens – aber auch US-Vertreter wie GT mit der Hardtail-Legende Zaskar.

Zehn der elf getesteten Mountainbikes besitzen einen Aluminium-Rahmen – standesgemäß in dieser Preisklasse. Umso mehr erstaunt, dass Cube einen teuren Carbon-Frame zur Basis des Reaction GTC macht. Und das ohne große Abstriche bei der Ausstattung. Logo, dass das Cube das MountainBIKE-Prüflabor als Sieger verließ: Nur 1300 Gramm wiegt der Rahmen – bei top Steifigkeiten.

Aber auch die Alu-Frames weisen allesamt sehr gute, teils exorbitante Steifigkeiten auf. Hier gibt’s also grünes Licht für die günstigen 29er, auch für Fahrer mit über 100 Kilo Gewicht. Diese dürft en sich zudem über die generell kreuzstabilen Konstruktionen freuen. Im Mittel werfen die Alu-Rahmen 1867 Gramm in die Waagschale. Das verspricht Langlebigkeit, wird Leichtbaufans aber ernüchtern. Lediglich Cannondale und Lapierre liegen deutlich unter diesem Schnitt.

Nicht alle getesteten Mountainbikes sind leicht genug für die Tour

Und in Summe? Mehr als 12 Kilo sollte ein 1500-Euro-Hardtail nicht wiegen. Enttäuschend: Über die Hälfte der Mountainbikes verfehlt das Ziel. Bei Cannondale, GT und Lapierre ist’s mehr oder weniger knapp, bei BMC, Ghost und Kreidler leider deutlich. Ungleich leichtgewichtiger und damit in der Praxis leichtfüßiger erfreuen speziell Bulls, Cube und Stevens den Langstreckenfan. Auch Bergamont und Merida liegen, wenn auch knapp, unter der magischen 12-Kilo-Marke.

Die Gründe, ob ein MTB-Modell als Leichtgewicht oder Heavy-Weight-Aspirant antritt, sind dabei unterschiedlich. Rahmen, Gabel, Laufräder, Antrieb, Anbauteile – alles hat logischerweise Auswirkungen, der Vergleich fällt nicht einfach. MountainBIKE hat daher die wichtigsten Einflussgrößen einzeln gewogen, die Ergebnisse finden Sie auf dieser Seite.

Mindestens so wichtig wie ein geringes Gewicht ist die tadellose Funktion aller Parts. Eine bewährte Basis in puncto Schaltung und Antrieb bildet für diese Klasse die Shimano-SLX-Gruppe, die aber kein Hersteller „sortenrein“ verbaut. Oft mischen sich XT-Komponenten (je mehr, desto besser) oder preiswertere, schwerere Deore-Teile darunter.

Fast noch wichtiger als der Gütegrad sind die jeweiligen Features: So unterbindet die „Shadow-Plus“-Technik (Sram: „Type2“) am Schaltwerk wirksam Kettenschlagen und ist leider nur bei Bergamont, Cannondale, GT und Merida zu finden. Und: Egal ob 2 x 10- oder 3 x 10-Schaltung, ein niedrig übersetzter Berggang ist für steile Alpenauffahrten wichtig. Hier punkten nur Bulls, Cube, Ghost, Merida und Stevens mit einem kleinen 22er-Kettenblatt.

In puncto Federgabel setzt die softe, komfortable, leicht abzustimmende Reba RL von Rock Shox den Maßstab im Testfeld – da, wo sie verbaut ist, mit Lenkerfernbedienung, um Wippen im Wiegetritt zu unterbinden. Auf genauso hohem Niveau agiert die noble Fox-Forke im BMC, auch die Magura-Gabeln (Cannondale, Kreidler) gefallen. Feinfühlig, aber mit zu hoher Endprogression beackern die Manitou-Forken im Cube und Merida den Trail – mehr als 85–90 mm Federweg ließen sich selbst bei Sprüngen und Drops nicht herausquetschen.

Als wahrer Preis-Leistungs-Hammer erwies sich im Test einmal mehr die Shimano-Deore-Scheibenbremse, die fast auf dem fantastischen Niveau der XT-Stopper (die gibt’s im Merida!) performt. Weniger standfest und/oder undefi niert dosierbar verzögern die einfache Avid-Bremse am Lapierre, die Formula-Stopper am GT sowie die beiden Billig-Shimanos an BMC und Cannondale.

Achten Sie zudem auf die Details der Ausstattung! Fehlender Kettenstrebenschutz, fehlender Schnellspanner für die Sattelstütze, verrutschende Griffe ohne Schraubklemmung, off ene Schaltzüge unter dem Unterrohr – all dies vermiest Ihnen den Spaß auf der Tour mehr, als man zunächst glauben mag.

Praxis-Test: So fahren sich die getesteten Hardtails

Wie fahren Sie sich denn nun, die preisattraktiven Hardtail-MTBs? Kurzum: durchwegs sehr gut. Lediglich das Kreidler fand mit seiner zugleich zu stelzigen wie zu flachen Geometrie kaum Freunde. Der Rest erwies sich überdies als überraschend vielschichtig. So dürften etwa die leichten, pfeilschnellen Bikes von Cube und Stevens vor allem den Marathonbiker und Forstwegflitzer begeistern, bei Testsieger Bergamont und dem espritvollen Lapierre steht eher der Fahrspaß im Gelände im Fokus.

Als breitbandige Allrounder überzeugen Ghost, Bulls und Merida – den beiden letztgenannten gebührt ob ihrer Shimano-XT-Ausstattung auch der MountainBIKE-Kauftipp. „Kultig“ sitzt der Hardtail-Fan auf dem Cannondale F29 und dem GT Zaskar – zwei eigenständige Charakterbikes, die wie das Hardtail an sich einfach zeitlos schön sind.


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Die Mountainbikes im Test

15.05.2014
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 05/2014