Mountainbikes im Test: Acht Enduros um 3.500 Euro

8 Enduro-Bikes um 3.500 Euro im Test


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Enduro-MTBs im Test
Foto: Dennis Stratmann

 

MountainBIKE Cube Fritzz 160 HPA TM 27.5
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Cube Fritzz 160 HPA TM 27.5
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Cube Fritzz 160 HPA TM 27.5
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Focus Sam 2.0
Foto: Benjamin Hahn
Enduros setzen aktuell zum Höhenflug an. Dank neuem Laufradmaß, geringerer Gewichte und verbesserter Uphill-Performance versprechen sie mehr Vielseitigkeit denn je. MountainBIKE hat acht Bikes getestet.
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Enduro hebt ab – und diesmal richtig! Zwar gilt die Kategorie der „bergauf fahrbaren Bergabräder“ seit ihrer Geburt vor zehn Jahren als hipper Wachstumsmarkt, aktuell aber geht so richtig der Punk ab.

Die Mountainbike-Industrie wirbt mit Hochglanz-Anzeigen, in der Szene herrscht echte Euphorie: Ganz klar, die Enduro-MTBs mit 160 bis 170 mm Federweg sind der Trend 2014. Viele Mountainbiker träumen jetzt von so einer Potenzspritze für den Fahrspaß und die eigene Fahrtechnik.

Ein Grund für den Höhenflug sind die boomenden Enduro-Rennen. Bei diesen tagesfüllenden Veranstaltungen werden meist nur die Downhill-Passagen gewertet, bergauf müssen die Teilnehmer dennoch stramm pedalieren – die perfekte Spielwiese für ein Enduro-MTB. Viele Hersteller führen ein eigenes Rennteam, fast alle brachten 2013 oder 2014 ein neues Enduro-Mountainbike auf den Markt.

Doch nicht nur die (noch) kleine Schar der Rennfahrer, auch „Normal-Mountainbiker“ sollen auf die Novitäten abfahren. Dank Gewichten von unter 14 Kilo, austarierter Geometrien sowie effizienter Fahrwerke rücken Enduro-MTBs dichter an die All-Mountain-Kategorie heran – ohne ihre hauseigenen Stärken, das kompromisslose Bergabbrettern oder das lässige Wegstecken von hohen Drops und Sprüngen, zu verlieren.

Das versprechen zumindest die Hersteller und propagieren das Enduro als neuen Alleskönner. Doch stimmt das wirklich, oder bleiben diese zweirädrigen Lustmolche für die meisten maximal ein Zweitrad? Und wie groß ist das Loch im Portmonnaie, das ein wirklich breitbandiges Enduro reißt? Fragen, die dieser MountainBIKE-Test klärt.

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Acht Enduros im Test: Sieben in 27,5" und eines in 26"

Eingeladen waren dazu acht Enduro-MTBs mit rund 160 mm Federweg und um 3500 Euro – keine Schnäppchen, aber der Erfahrung nach geht hier der Spaß erst los. Billigere Enduros sind meist so schwer, dass der Uphill zur Plage wird.

Im Test vertreten sind vier bekannte Fachhandelsmarken (Cube, Ghost, Merida, Focus) sowie vier deutsche Direktversender: Radon, Rose, Votec und Newcomer YT. Sieben der acht Hersteller vertrauen dabei dem „neuen“ Laufradmaß 27,5", einzig das Merida rollt auf herkömmlichen 26"-Rädern. Übliches Rahmenmaterial in dieser Preisklasse ist Aluminium, am Radon und am YT kommt sogar Carbon als Werkstoff ins Spiel.

Radon nutzt die Technologie voll aus und kitzelt das Maximum an Gewichtsreduktion aus dem neuen Slide. Sensationelle 2470 g wiegt der Rahmen, das YT liegt mit 3200 g ungleich näher an den Alu-Boliden, ist dennoch nicht besonders steif.

Den schwersten Rahmen trägt das Ghost über den Trail: Mit fast vier Kilo liegt der auf Niveau eines Freeride-Bikes. Auch beim Gesamtgewicht ist das Ghost mit 15,3 Kilo Schlusslicht – grenzwertig, um bergauf noch als pedalierbar zu gelten.

Überhaupt zeigt sich in der Gewichtstabelle ein zweigeteiltes Bild: Die Versender-Mountainbikes wiegen im Schnitt über ein Kilo weniger als die Enduro-MTBs aus dem Fachhandel – eine Menge Holz (Alu ...) in ein und derselben Preisklasse!

Dabei profitieren Radon & Co. von der eingesparten Händler-Marge, investieren diese in hochwertigere und in Summe leichtere Parts – spürbar vor allem an den Laufrädern. Aber: Auch die Fachhandelsmarken bieten eine solide, zumeist durchdachte Ausstattung, die zumindest den in dieser Kategorie alles dominierenden Bergabspaß nicht hemmt, sondern eher noch beflügelt.

So machen alle Hersteller in puncto Federgabeln keine Kompromisse: Die formidable Pike von Rock Shox kommt bei Merida, Rose, Votec und YT zum Einsatz. Cube, Focus, Ghost und Radon setzen auf die nicht minder schlechte Fox 34.

Auch für die Reifenwahl gibt’s zumeist Lob: Das Gros verbeißt sich mit den soliden Hans-Dampf-Pneus von Schwalbe in den Trail, lediglich Ghost und Votec kommen mit rollfreudigen, weniger griffigen Nobby-Nic-Reifen – zu „tourig“ für ein Enduro-MTB.

Extrem flache Lenkwinkel an den getesteten Enduros

Die Lenkwinkel fallen derzeit an Enduro-Mountainbikes so flach aus wie vor Jahren nur an Downhillern. So stehen sie am Cube und YT bei 65,5° – das bringt unerschütterliche Laufruhe bergab, macht das Fritzz und das Capra zu brachialen Bergabmaschinen. Nebenprodukt der flachen Lenkwinkel und der häufig längeren Oberrohre ist der oft sehr lange Radstand der Test-Bikes – mit dem Focus (über 1200 mm) an der Spitze. Auch der Reach fällt bei modernen Enduro-MTBs lang aus.

Der Vorteil ist, dass der Fahrer nicht so gedrungen „über“ dem Bike steht. Bergab bringt das mehr Sicherheit und Kontrolle. Generell gilt: Könner und Rennprofis lieben diese ultraflachen, langen Bomber. Enduro-Neulinge, die von ihrem aktuellen Mountainbike moderatere Geometrien gewöhnt sind, müssen ihre Fahrweise „aktivieren“ – sonst droht Gefahr, mehr Passagier als Pilot des eigenen Bikes zu sein.

Nicht ganz so kompromissbefreit auf Rabatz gepolt sind die Geometrien von Ghost, Radon, Rose und Votec: Deren kürzere Radstände und steilere Lenkwinkel machen das Handling agiler, spielerischer. Sie sprechen so auch den All-Mountain-Biker an.

In Sachen Sitzwinkel herrscht indes Einigkeit: Je steiler (74°– 75° sind üblich), desto mehr Druck bringt der Mountainbiker auf Pedale und Front. In Folge klettern die 2014er Enduros, selbst die schweren Kandidaten, erstaunlich geschickt, können oft sogar trotz 160 mm Frontfederweg auf absenkbare Vario-Gabeln à la Talas verzichten – noch vor zwei, drei Jahren an einem Enduro-MTB undenkbar.

Die Laufradgröße 27,5" trägt ebenfalls ihr (kleines) Scherflein bei: Die Räder rollen einen Tick besser über Hindernisse, der Fahrer sitzt minimal tiefer im Bike, das Vorderrad steigt einen Hauch später als von 26" bekannt.

Moderne Enduros müssen bergab UND bergauf Spaß machen

Auch die Anforderungen an ein Enduro-Fahrwerk sind gestiegen. Galt früher einzig die Bergabperformance als seligmachend, sind jetzt auch wegen der Renntauglichkeit Effizienz und Traktion gefragt – natürlich ohne dass Sensibilität und Fahrkomfort leiden. Und? Fast allen Enduro-MTBs glückt der eigentliche Widerspruch gut bis sehr gut.

Speziell Focus, Merida und Radon glänzen mit Schluckfreude bergab und Antriebsneutralität bergauf. Auch das „spannende“, elektronische Fahrwerk am Ghost kann punkten – wird aber wohl bei vielen Bikern (zu Unrecht) auf Skepsis stoßen.

Unterm Strich teilt sich das Testfeld in zwei Gruppen. Auf der einen Seite stehen die leichten und leichtfüßigen Allrounder: Radon, Rose und Votec dehnen den Einsatzbereich weit in Richtung All-Mountain aus – Rose und Votec schwächeln jedoch im harten(!) Enduroeinsatz. Ungleich mehr Downhill-Potenz bieten die „Tiefflieger“ von Cube, Focus und Merida – sowie das zudem leichte YT. Den besten Kompromiss aus Rock bergab und Roll bergauf schafft das superleichte Radon: Testsieger!



Die Mountainbikes im Test

21.05.2014
Autor: Chris Pauls, André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 05/2014