Mountainbikes im Test: Acht All-Mountains von 4.500 bis 6.560 Euro

Acht US-Trailbikes im Test


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US-Trailbikes im Test
Foto: Daniel Geiger

 

MountainBIKE Cannondale Jekyll Carbon 2
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Cannondale Jekyll Carbon 2
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MountainBIKE GT Force Carbon Expert
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MountainBIKE GT Force Carbon Expert
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Edel, innovativ und mit fettem Kultfaktor: MountainBIKE lud acht Allround-­­Fullys aus dem Mutterland des Bikens zum Test.
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Die Vorgabe für die Mountainbikes in diesem Testfeld: Typische US-Trailfullys (hierzulande meist als All-Mountain bezeichnet) sollten es sein, mit rund 150 mm Federweg, gerne mit Carbon-Rahmen sowie hochwertiger Ausstattung, Preislimit um 5000 Euro.

Acht Hersteller folgten dem Aufruf, darunter die schon lange in Europa etablierten „Big Player“ wie Cannondale, Specialized oder Trek, aber auch Marken, die zwar in den USA für Furore sorgen, hierzulande (noch?) exotisch anmuten: etwa Intense oder Pivot. Mit Ibis, Santa Cruz und Ellsworth sagten drei Kultmarken ab – schade!

Der Einsatzbereich der Fullys steckt im Namen: Trailbike. Doch was ist ein Trail? Denn da bestehen zwischen neuer und alter Welt fundamentale Unterschiede! So sind die Pfade, die das Biker-Glück bedeuten, in den USA meist extra für Mountainbikes gebaut. Mäßig steil winden sich diese mit perfekten Kurvenradien über sanfte Hügel, verführen mit kleinen Sprüngen und Wellen zu verspielten Manövern.

Fahrtechnische Herausforderungen lauern durchaus in Form etwa von Steinfeldern oder einfachen Drops, sind aber stets berechenbar. Ganz anders in der Mitte Europas, speziell in den Alpen: knorrige Wege, nur für Wanderer angelegt, kreuz und quer wuchernde Wurzeln, Spitzkehren, unvermittelt auftauchende Absätze. Und: Herrscht in Kalifornien oder Utah fast immer trockenes Ideal-Wetter, sind Matsch und Modder unser steter Begleiter.

Um zu sehen, ob die Dreambikes auch unter widrigen Bedingungen nicht zum Alptraum ihres Besitzers werden, testete MountainBIKE mehrgleisig: Zum einen (und zum Foto-Shooting) im sonnigen Südfrankreich auf fast so feurigen Trails wie in Moab – zum anderen in, wie so häufig, komplett zugeschlammten schwäbischen Wäldern.

Zudem mussten die Testbikes den obligatorischen Gang durch die „MountainBIKE-Instanzen“ antreten, wurden mittels Laser vermessen, auf geeichter Kern-Waage für leicht oder schwer befunden und auf EFBe-Prüfständen hinsichtlich ihrer Rahmensteifigkeit getestet.

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Hohes Niveau bei den MountainBIKE-Labormessungen

Top: Lediglich zwei Ergebnisse fallen buchstäblich aus dem Rahmen. So besitzt der Carbon-Frame des Yeti SB66 eine zu geringe Lenkkopfsteifigkeit (die in der Praxis aber nur schwere Biker spüren), der zwar steife Rahmen des Intense trägt dafür zu viel Speck auf den Alu-Rippen – wirkt aber wie für die Ewigkeit gemacht.

Den besten Kompromiss aus diätischem Gewicht und geringer Verwindung erzielen die ausgereiften Kohlefaser-Konstrukte von Specialized und Trek. Kein Wunder, dass Stumpjumper und Remedy auch das Ranking der Gesamtgewichte anführen: Je 12,4 Kilo sind für die Preisklasse prima, unterstreichen bereits auf dem Datenblatt den Allrounder-Anspruch.

Bei All-Mountain-Fullys halten sich Up- und Downhill-Eignung meist die Waage, eine ausbalancierte Geometrie ist Garant dafür: etwa mit moderat langem Oberrohr (590–595 mm bei Größe M), Laufruhe versprechendem Lenkwinkel von 67–67,5° und eher steilem Sitzwinkel um 74°. Auch der Teil der „europäisierten“ Testbikes, im Speziellen Specialized und Trek, entspricht diesem Ideal. Anders Pivot und Yeti, die mit „gestreckter“ Geo und flachen Winkeln eher dem US-Leitbild folgen.

Bergab lässt das den versierten Rider – insbesondere bei Highspeed – im Quadrat grinsen. Bei langen, steilen (Alpen-)Anstiegen jedoch zerrt ein flacher Sitzwinkel um 72° den Fahrer gen Hinterrad: Der Tritt erfolgt unergonomisch „von hinten“ ins Pedal, es bedarf viel Körpereinsatz, um die Front am Boden zu halten. Noch ungünstiger, wenn sich dann wie am Yeti die Gabel nicht absenken lässt.

So verschieden die Geometrien, so variantenreich präsentieren sich auch die Hinterradfederungen. Da Specialized in den USA das Patent am „Horst Link“ hält, federt und dämpft nur das Stumpjumper mit der bei europäischen Marken dominierenden Viergelenk-Kinematik. Die anderen Testbikes kommen etwa als abgestützter Eingelenker mit Spezial-Dämpfer (Cannondale, Trek), mit patentiertem VPP-Hinterbau (Intense) oder einer teils hoch komplexen Spielart (Yeti) dieser Technik mit virtuellem Drehpunkt.

In der Praxis agieren alle Fahrwerke auf sehr gutem Niveau, saugen feinfühlig über den Trail, zeigen im Gipfelsturm mit Ausnahme des hyperaktiven Marin-Hinterbaus hohe bis sehr hohe Antriebsneutralität. Fast zu „fluffig“ sind die typischen Flow-Country-Vertreter abgestimmt: Bei Pivot, Intense und Yeti rauscht das Federbein bei starken Stößen quasi ungebremst durch den Hub. Besser, weil „strammer“ stehen Cannondale und Specialized im Federweg, beide Dampfhämmer bieten Reserven noch und nöcher – fast auf Enduro-Niveau.

Von Tour bis Enduro: Trailbikes können alles

Apropos: Mit allen acht US-Fullys lässt es sich über den Trail hämmern, dass es nur so kracht! Und dabei sind die Dreambikes starke Charaktere: Das „giftige“ GT, das drehfreudige Pivot und das verspielte Marin umgarnen mit ihrem agil-flinken Handling und hohem Vortriebswillen den Touren-Fan. So auch das enorm vielseitige Trek Remedy, das mit Modifikationen (potentere Gabel, Zweifach-Kurbel mit Kettenführung) aber selbst im Enduro-Segment rocken würden.

Noch bergabfreudiger gehen die Wuchtbrumme von Cannondale, das ultra robuste Intense und das Highspeed-verliebte Yeti auf die Suche nach möglichst fordernden Wegen. König unter den Trail-Tänzern ist und bleibt jedoch das Specialized Stumpjumper Evo: Eine Rakete im Downhill, versiert im Uphill, mit Sahne-Handling und bis ins Detail perfekt durchdacht – auch und gerade für europäische Böden mit einem Wort: traumhaft!


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Die Mountainbikes im Test:

15.08.2013
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 07/2013