Mountainbikes im Test: 9 MTB-Fullys für Marathon/Tour um 3.000 Euro

9 Marathon-Fullys um 3.000 Euro im Test


Zur Fotostrecke (17 Bilder)

Marathon-MTBs
Foto: David Schultheiß

 

Bergamont Fastlane 9.4 im Test
Foto: Benjamin Hahn

 

Foto: André Schmidt

 

Cannondale Scalpel 29 3 im Test
Foto: Benjamin Hahn

 

Foto: André Schmidt
Scott Spark, Cannondale Scalpel oder Trek Superfly – das sind MTB-Modelle, die nach Vollgas-Orgien klingen, die pure Effizienz versprechen. Doch gilt das noch im "schweren" 29er-Zeitalter? Dieser MountainBIKE-Test klärt’s!
Zu den getesteten Produkten

Lesen Sie in diesem Artikel:


Rattenscharf, pfeilschnell, superleicht, mit kultiger Ahnengalerie – Racefullys mit bis zu 100 Millimeter Federweg waren jahrelang Traum oder Statussymbol unzähliger Mountainbiker.

Asketische Boliden wie Cannondale Scalpel, Scott Spark, Specialized Epic oder Rocky Mountain Element feierten Rennerfolge noch und nöcher, wurden so zu Legenden und befeuerten dank ihrer zumeist zeitlos-sportlichen Optik den Siegeszug des Fullys vermutlich mehr als alle "federwegsschwangeren" All-Mountain- oder Enduro-Bikes zusammen.

Und just in dem Moment, als die Fullys den Hardtails im Rennsegment den Rang ablaufen wollten, kam die nächste Revolution: 29 Zoll (MountainBIKE Laufradgrößen-Finder: In wenigen Schritten zur passenden Größe). Inzwischen fährt im Cross-Country-Profizirkus kaum ein Fahrer noch auf kleinen Rädern, bei Etappenrennen wie dem Cape Epic radelt man mit 26" gar bar jeder Chance. Zu groß ist der Traktionsvorteil der 29er, zu lässig rollen die "Riesenräder" über Stock und Stein hinweg – das Hardtail-MTB feierte dank 29" eine Wiederauferstehung im Race-Segment.

Was für das eine gilt, gilt dies dann auch für das andere? Müsste nicht eigentlich die Addition "Fully plus 29 Zoll" das ultimative Cross-Country- oder Marathonfully hervorbringen? Nein, wie dieser Test von neun 29"-Fullys zu Preisen von 2.999 bis 3.199 Euro beweist!

Auf den Punkt gebracht: Zumindest in dieser Preisklasse haben die einstigen Renn-MTBs viel ihrer Schärfe eingebüßt, sind schwerer geworden, nicht mehr mit ihren 26"-Ahnen zu vergleichen! Und das, obwohl die Rahmen oft aus sündteurem Carbon bestehen, die Federwege weiterhin bei zarten 100 Millimeter verharren und die Werbeprosa der Hersteller Vollgas­orgien verspricht.

Aber das Ganze hat ein Gutes. Diese "Rennräder a. D." sind die vielseitigsten 100-Millimeter-Fullys aller Zeiten! Denn die großen Laufräder sorgen zusammen mit den relaxter gewordenen Geometrien für hohen Fahrkomfort sowie geradezu erstaunliche Bergabpotenz.

Und: Waren die 26"-Racefullys ehedem bei Vollgas nur von MTB-Profis zu beherrschen, erfreuen sich auch Novizen, Hardtail-Umsteiger oder Tourenbiker am jetzt fehlerverzeihenden Handling.

Loading  

So viel Bike bekommt man für 3.000 Euro

Was also kann der Käufer nun von einem rund 3.000 Euro teuren 100-Millimeter-Fully im angesagten Twentyniner-Trimm erwarten?

  • Erstens: Das Gewicht sollte höchstens hauchdünn über 12 Kilo liegen. Das ist für diese Preisklasse fair und bewahrt mit ein wenig Tuning die Möglichkeit, in einem Rennen nicht nur hinterherzuzockeln.
  • Zweitens: eine Geometrie, die scharf genug für direkte Manöver im Cross-Country-Stil ist, dennoch bei Highspeed-­Abfahrten (fast) die Laufruhe eines Tourenfullys ­generiert.
  • Drittens: Die Ausstattung sollte grob auf Shimano-XT-Niveau liegen, mit hochwertigen ­Federelementen und nicht zu schweren Laufrädern.

Kurzum: Gefragt ist ein Fully, das vor allem auf der Langstrecke – sei es im Marathon, sei es auf der ­Tagestour, sei es beim Alpencross – mit Leichtfüßigkeit und Effizienz bergauf sowie Komfort bergab brilliert. Ein Dauerbrenner eben, und von daher passt der Name Marathonfully durchaus immer noch.

Hart und unbestechlich: Test in Labor und Praxis

Um zu prüfen, ob die neun Kandidaten diesen Anforderungen gerecht werden, fuhren vier erfahrene MountainBIKE-Tester – vom Marathonprofi bis zum Touren-Fan – die Test-MTBs über eine definierte Teststrecke mit langen Schotter- und Asphalt-Uphills, kniffligen Steilpassagen auf grobem Untergrund sowie bergab auf flowigen sowie verblockt-schnellen Trails. Im Anschluss wurden alle Fullys im MountainBIKE-Labor gewogen, vermessen, gestrippt, in Einzelteilen erneut auf die Waage gelegt und in puncto Steifigkeiten geprüft.

Cannondale und Felt scheitern mit 12,6 bzw. 12,5 Kilo recht deutlich an der Gewichtsvorgabe, auch Scott und Trek liegen mit 12,3 Kilo (auf dem Trail) spürbar darüber. Ganz anders die Fullys von Canyon und Cube, die mit rund 11,5 Kilo auch im Serientrimm bereits "ready to race" wären, aber auch den Tourenbiker mit Leichtfüßigkeit beglücken.

Beide Mountainbikes profitieren dabei von ihren mit 2.200–2.300 Gramm genial leichten Carbon-Rahmen – echte High-End-Werte! Naturgemäß schmeißen die drei Alu-Rahmen von Cannondale, Rose und Trek am meisten auf die Waage, speziell das Superfly ist mit 2.800 Gramm aber gar nicht mal so weit von den Carbonis entfernt.

In Sachen Steifigkeit erzielen alle Bikes ordentliche, aber nicht herausragende Ergebnisse. Den besten Kompromiss aus Leichtgewicht und guter Steifigkeit schafft der Cube-Frame, der Scott-Rahmen erreicht den grünen Bereich indes nur hauchdünn.

Unterschiedliche Geometrien und Ausstattungen

Dass sich die Hersteller selbst nicht so sicher sind, wohin die Reise mit den Langstreckenkünstlern geht, zeigen die Geometrien. So überrascht ­etwa das Felt mit arg steilem Lenkwinkel, der auf dem Trail ein Race-Handling alter Schule bewirkt: hinreißend direkt, giftig, aber ohne die gewünschte 29er-Laufruhe.

Auch scheinen einige Bikes in sich "unrund". So nimmt dem Cannondale die hohe Front die eigentlich vorhandene Spritzigkeit, Cube und Haibike wirken zu gestreckt und damit manchmal ungelenk in engen Passagen, das Rose irritiert mit zu langem Heck, zu hoher Front und zu tiefem Tretlager.

Am besten benoteten die Tester die Schnitte von Canyon, Scott und Trek: Alle drei fallen nicht mit überbordender Wendigkeit oder gar Verspieltheit auf, sie vermengen aber Agilität und Spurtreue auf angenehme Weise. Vor allem sind sie im Handling berechenbar und fehlerverzeihend, ohne gar stumpf oder träge zu wirken – toll!

In puncto Ausstattung ist es mit dem Rose wieder ein Versender-Bike, das herausragt: Fox-Factory-Parts sowie Sram-X0-Schaltung gibt‘s sonst nirgends! Allerdings wollen die rennmäßigen Parts – speziell Reifen und Bremse – nicht zur eher gemütlichen Geometrie des Dr. Z passen.

Unterdurchschnittlich sind vor allem Cannondale und Scott ausgestattet, auch bei Haibike und Felt zahlt der Käufer den Preis für die hochwertigen Carbon-Rahmen mit schwächeren Parts – leider sind speziell am Felt die für die Beschleunigung so wichtigen Laufräder betroffen. Besser machen’s da Cube und Trek, denen dank kompletter XT-Ausstattung inklusive famoser Bremse der MountainBIKE-Kauftipp gebührt.

Kurz und Knapp:

Die 29"-Revolution hat die 100-Millimeter-Fullys verändert. Giftige Rennboliden sind nun Zwitter aus Race- und Tourenfully, die erfreulicherweise an Breitbandigkeit enorm zugelegt haben. Am besten gelingt dem neuen Canyon dieser Spagat.


Inhaltsverzeichnis


Die Mountainbikes im Test:

04.07.2014
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 06/2014