Mountainbikes im Test: 9 Enduros von 3.000 bis 4.000 Euro (Modelljahr 2015)

Neun Enduro-Bikes im Test


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Enduro-Test Teaserbild
Foto: Dennis Stratmann

 

MountainBIKE Enduro Cube Stereo 160 Super HPC Race 27.5
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Enduro Felt Compulsion 10
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Enduro Ghost Cagua 5
Foto: Benjamin Hahn

 

MountainBIKE Enduro Giant Reign Advanced 1
Foto: Benjamin Hahn
Parallel zum MountainBIKE-Testival in Brixen nahm die Testredaktion neun 2015er Enduros unter die Lupe – und das erstmals zusammen mit vier im Vorfeld auserkorenen MountainBIKE-Lesern. Ein Test, der spannende Ergebnisse garantiert!
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Vier MountainBIKE-Leser nahmen an diesem Enduro-Test teil, fuhren gemeinsam mit den Profitestern die 160-mm-Enduros im Direktvergleich – Leser testen für Leser, eine Premiere! Ort des Geschehens war das große MountainBIKE-Testival in Brixen. Die neun 2015er Testbikes in attraktiver Preisklasse um 3500 Euro wurden direkt von den Ständen der Hersteller entführt, getestet wurde auf Hammer-Trails rund um den Berg Plose.

Rückblende, Redaktionskonferenz: „Wenn Enduros jetzt endlich bei der breiten Masse angekommen sind, warum fragen wir sie dann nicht direkt, unsere 290 000 Leser (Reichweite laut AWA 2014)?“ Gesagt, getan, via Facebook & Co. rief die Redaktion die MountainBIKE-Leser auf, sich als Testfahrer zu bewerben. Rund einhundert machten mit, nach Auswahl- und Losverfahren standen schließlich vier „Delinquenten“ fest.

Ein buntes Team aus Österreich, Italien und Deutschland, aus jung und etwas älter, drei Männer und eine Frau. Dabei: Enduro-Fans wie -Novizen, vom fortgeschrittenen Biker bis zum Nachwuchsprofi – ein perfekter Querschnitt der Zielgruppe dieser boomenden 160-mm-Fully-Kategorie.

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Fotostrecke: Neun Enduros zwischen 3.000 und 4.000 Euro im Test

9 Bilder
MountainBIKE Enduro Cube Stereo 160 Super HPC Race 27.5 Foto: Benjamin Hahn
MountainBIKE Enduro Felt Compulsion 10 Foto: Benjamin Hahn
MountainBIKE Enduro Ghost Cagua 5 Foto: Benjamin Hahn

Enduros sind die neuen Stars der Szene

Denn diese Zielgruppe wächst und wächst, Enduros sind in! Wurden die federwegsschwangeren High-Tech-Prachtexemplare in der Vergangenheit von vielen Herstellern – wenn überhaupt – oft naserümpfend (hoher Entwicklungsaufwand, geringe Abverkäufe) auf die groben Stollen gestellt, so gilt nun schon das Wörtchen Enduro der ganzen Szene als Allheilmittel.

Neue Bikes gibt’s noch und nöcher, Rennen und ganze Rennserien schießen wie Pilse aus dem Bierfass, die Zubehörindustrie überschlägt sich selber: ob Enduro-Helm oder Enduro-Socke, nix, was es nicht gibt. Und da jeder Biker und jeder „Marketing-Mensch“ den Begriff Enduro für sich ein wenig oder ganz anders definiert, ist bei vielen potenziellen Käufern die Unsicherheit groß. Umso wichtiger, dem Kern der Kategorie – den Bikes – auf den Zahnkranz zu fühlen.

27,5" statt 26": Enduros im Wandel der Zeit

Dabei sind die heutigen Enduros mit ihren Vorfahren fast nicht mehr vergleichbar. Und das nicht nur, weil quasi über Nacht eine neue Laufradgröße – 27,5"/650B statt 26" – für ein kleines „Revolutiönchen“ gesorgt hat. Gerade die Anforderungen der (Profi-)Rennfahrer ließen speziell optimierte Parts wie die 1 x 11-Antriebe, aber vor allem komplett renovierte Geometrien entstehen. So stehen die Lenkwinkel meist um zwei Grad flacher als noch vor zwei Jahren – das sind Welten!

Unverändert oder teilweise sogar „gesund geschrumpft“ dagegen die Federwege: 160 mm an Nase und Bürzel sind nach Ansicht fast aller Hersteller dank der etwas größeren Laufräder genug. Und der eigentliche Charakter ist diesen Dampfhämmern ebenfalls geblieben. Auch für die MountainBIKE-Leser: „Ein Enduro war für mich schon früher – als es noch nicht hip war – immer ein Bike für alles. Selbst raufstrampeln und dann den Downhill so richtig genießen. Die Gondel mit zu nutzen ist erlaubt, aber nicht vorrangig“, so Jonny Weyrer.

Und Enduro-Fan Susi Hinderer ergänzt: „Für mich muss ein 160-mm-Fully ein breites Einsatzspektrum von Tour bis Bikepark bieten. Dazu darf es nicht zu schwer sein, sollte agil und spielerisch sein, aber dennoch Laufruhe und Fahr-sicherheit zeigen.“ Bleibt noch die Stimme der MountainBIKE-Testcrew: „Als Rad für jeden Tag ist ein Enduro oft überdimensioniert, aber kein anderes Bike erlaubt es, bergab so die Grenzen auszuloten und dennoch aus eigener Kraft berghoch zu kommen“, so Testleiter André Schmidt: „Enduro, das ist legales Doping für die eigene Fahrtechnik!“

Wie sieht das optimale 160-mm-Fully aus?

Leichtfüßig berghoch wie ein All-Mountain, im Talschuss mit Vollspaßgarantie und unerschütterlich wie ein Downhiller – Enduros müssen einen gewaltigen Spagat vollführen. Voraussetzung für ein Gelingen ist dabei eine bergablastige, dennoch ausbalancierte Geometrie: Vorne flach und lang, hinten steil und kurz lauten die aktuellen Trends in Stichworten.

Fast alle Hersteller versuchen, mit sehr flachen Lenkwinkeln um/unter 66° sowie längerem Reach/Radstand maximale Laufruhe und „Fahrerintegration“ zu schaffen. Heckwärts sorgen dagegen kurze Kettenstreben unter 440 mm für Agilität, im Vergleich zu früher außergewöhnlich steile Sitzwinkel garantieren eine zentrale, fast vorgeschobene Tretposition – was die schwere, defektanfällige Absenkfunktion der Gabel (oft) unnötig macht.

Den meisten Herstellern gelingt dies alles sehr gut, mit zwei Ausreißern nach oben: „Auffallend war für mich, dass Bikes mit Wohlfühlgeometrie wie Radon und Felt fast allen Testern generell mehr Spaß gemacht haben“, so Leser Jonny Weyrer. Nicht so glücklich zeigten sich speziell die MountainBIKE-Leser mit dem Ghost Cagua und dem Haibike Heet. Beiden gemein ist eine weniger modern wirkende, eher kurze, steile und/oder hohe Geometrie, die Fahrsicherheit vermissen lässt. Das andere, jedoch von fast allen hochgelobte Extrem stellt das Giant Reign dar: ultralang, tiefster Schwerpunkt, flache Winkel. Brachial bergab – ohne dabei arg zu überfordern.

„Maximal 13,5 Kilo, mehr darf ein Enduro dieser Preisklasse für mich nicht wiegen.“ Wie für Susi Hinderer war das Thema Bike-Gewicht für alle Leser-Tester elementar. Frappierend: Zwischen den leichtesten Bikes (Radon, Cube) und dem gewichtigsten liegen über 2,5 Kilo. Logo, dass Ghost und Stevens unisono als „schwerfällig“ oder „zäh bergauf und auf dem Trail“ beschrieben wurden. Zur Ehrenrettung des Ghost: Es ist mit 2999 Euro das günstigste Testbike, bollert auf massiven Downhill-Schlappen – typische Enduro-Reifen (8 Kombis im Test) würden gut ein halbes Kilo einsparen.

Auch in Sachen Rahmengewicht sind die Unterschiede groß. Die kreuzstabilen Alu-Konstrukte von Merida und Stevens wiegen mit Federbein fast 4 Kilo, sind dafür aber auch hochsteif. Fast zärtlich belasten hingegen die Carbon-Rahmen von Cube, Haibike und Radon die Waage – was beim Hai aber extrem zulasten der Steifigkeit geht. Einen exzellenten Kompromiss bietet das Giant: Das Gewicht bleibt knapp unter der 3-Kilo-Marke, der Rahmen ist sehr steif und nutzt die Werkstoffe Carbon und Alu (hinteres Rahmendreieck) clever aus.

Ein weiteres, gern diskutiertes Thema unter der Testcrew: Was ist die perfekte Ausstattung eines Enduros dieser Preisklasse? Und erstaunlich, wie einig sich alle waren: Das Traum-Enduro der MountainBIKE-Leser würde von der feinfühlig-schluckfreudigen Pike-Federgabel von Rock Shox angeführt, die Wadenkraft mittels „simplem“, wartungsarmem, leichtem 1 x 11-Antrieb von Sram (X01) übertragen – abgesichert durch eine kleine Kettenführung à la MRP.

Als Bereifung wünschten sich die MountainBIKE-Leser Schwalbes mächtige Magic Mary vorne und den Allrounder Hans Dampf am Hinterrad – je in 2,35" Breite und (trotz vieler Platten) mit relativ leichter Snakeskin-Karkasse. Eindeutig auch die Bremsenwahl, denn für die perfekt dosierbaren Shimano-XT-Stopper gab’s stets die Bestnote. In puncto Cockpit galt dies nur für ein Bike: Unisono wurde die steife, moderat breite Race-Face-Kombi am Radon gepriesen.

Apropos Radon: Das Slide kommt dieser Wunschausstattung klar am nächsten, kostet mit 3399 Euro nicht mal so viel. Diesen Preis-Leistungs-Vorteil schöpfen die Bonner allerdings aus dem Direktvertrieb. Eine Probefahrt ist so meist nur in Ausnahmefällen, wie etwa beim MountainBIKE-Testival in Brixen, möglich. Setup und Reparaturen muss der Kunde in der Regel selbst durchführen, auch eventuelle Reklamationen sind erfahrungsgemäß komplizierter abzuwickeln als beim Fachhändler vor Ort.

Wer den Online-Kauf nicht scheut, der bekommt jedoch ein Paket mit feinster Ware. Das Slide war nicht nur das Lieblingsrad der Leser, es ist auch das einzige überragende Bike im Test. Ein top Rahmen, das geringste Gewicht, bedacht gewählte und edle Parts – schon auf dem Papier stimmt alles. In der Praxis fährt es bergauf gar vielen All-Mountains davon, ist famos drehfreudig und verspielt, kommt bergab trotz der kürzeren Geometrie dennoch nie in Not – dem top Fahrwerk sei Dank. Aber auch das im Charakter ähnlich „gestrickte“ Cube, das mit frechem Handling bezirzende Felt und das bergab omnipotente Giant sind bärenstarke Enduros!


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Die Mountainbikes im Test

08.01.2015
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2014