Mountainbikes im Test: 8 edle Racefullys (2017)

MTB-Test: 8 edle Racefullys


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Test Racefullys
Foto: Dennis Stratmann

 

MOUNTAINBIKE Cannondale Scalpel-Si Team 29
Foto: Benjamin Hahn

 

MOUNTAINBIKE Cannondale Scalpel-Si Team 29 Einarmgabel Lefty in einem 1,5"-Steuerrohr
Foto: André Schmidt

 

MOUNTAINBIKE Cannondale Scalpel-Si Team 29 Wippe
Foto: André Schmidt

 

MOUNTAINBIKE Centurion Numinis Carbon XC Team.29
Foto: Benjamin Hahn
„Ich will Spaß, ich geb Gas!“ Nie passte der olle Markus-Schlager so gut zu einem Mountainbike-Test: Die neuen Racefullys für 2017 sind so schnell wie eh und je – sie sind aber auch wahre Könner im anspruchsvollen Gelände. Wir haben 8 Modelle getestet.
Zu den getesteten Produkten

Auch die olympischen Cross-Country-Rennen in diesem Jahr geschaut? Oder mal einen Live-Stream eines Weltcup-Rennens? Selbst wenn es vor TV oder Laptop harmloser aussieht, als es ist: Die neuen Strecken sind der Hammer, oder? Das grobe Steinfeld hier, die Steilpassage dort, der ein oder andere Drop – das wären wir Otto Normalbiker früher nur mit einem federwegsreichen Enduro gefahren. Oder gar nicht.

Vorbei die Zeiten, in denen Racer für ihre Waden bewundert, fürs fahrtechnische Können belächelt wurden. Wer heute ein CC-Rennen gewinnen will, muss ein brillanter Biker sein! Und er muss dafür ein brillantes Rad unter dem Hintern haben. Am besten ein 100-mm-Fully. So wie bei Olympia. So wie in diesem Test.

Auch wenn viele Profis nach wie vor auf das leichtere, direktere, steifere, weniger defektanfällige Hardtail schwören: Besagte immer anspruchsvollere Kurse zwingen selbst einen famosen Fahrvirtuosen wie den Schweizer Olympiasieger Nino Schurter oft auf das vollgefederte „Rennrad“. Pünktlich zu den Spielen von Rio haben viele Hersteller ihr Racefully überarbeitet oder gleich ganz neu herausgebracht. Klar, dass in diesem Test daher so legendäre Bike-Namen wie Scalpel, Spark oder Epic auftauchen.

Eines gleich vorweg: Die neuen Racefullys sind die besten aller Zeiten! Nicht, weil sie wieder mal etwas leichter oder steifer geworden sind (beides sind sie, wenn, dann nur marginal), sondern, weil sie zu unglaublich potenten Trail-Artisten mutiert sind.

Waren die Racefullys der 26"-Ära meist freudlose, nur auf der Rennstrecke „erträgliche“ Gesellen mit bockelharter Federung und hypernervösem Handling, machen die aktuellen 29"-Fullys auch abseits des Flatterbands fast unverschämt viel Spaß. Sie sind nun kurzhubige Allrounder, die herrlich leichtfüßig voran- und hinaufpreschen, aber auch sicher und verspielt abfahren.

Traum-Bikes für Racer sind sie immer noch – aber auch für die Feierabendrunde, für die Tour, den Alpencross.

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Sündteure High-End-Racefullys im Test

Acht Rennfeilen der Extraklasse treten im Test an. Mit saftigen Preisen von 6800 Euro (Centurion Numinis Carbon XC Team.29) bis hin zu atemberaubenden 9500 Euro (Scott Spark RC 900 SL). Warum wir Bikes testen, die sich wohl kaum einer unserer Leser leisten kann oder mag? Dafür sprechen mehrere Gründe.

Zum einen sind zu so einem frühen Zeitpunkt, wenige Wochen nach der Eurobike, meist nur die Topversionen der jeweiligen Modelle verfügbar. Was oft an den Zulieferern liegt, die ihre Serienproduktion stets im High-End-Segment starten. Dann soll dieser Test die Benchmark für alle weiteren Tests setzen. In keiner Kategorie gibt es 2016/17 so viele neue, so innovative Bikes wie hier – die aktuellen Racefullys stellen die Spitze der Entwicklung dar. Schließlich: Träumen muss erlaubt sein, auch wenn der Geldbeutel alleine beim Anblick dieser Hammer-Bikes erschrickt.

In welcher Sportart ist schon Profitechnik für jeden käuflich überhaupt erwerbbar? Einige CC-Stars wie Manuel Fumic (Cannondale) betonen sogar stolz, dass ihr eigenes Bike bis auf wenige Tuning-Parts dem Serienmodell entspricht. Kurzum: Das ist Technik, die einfach jeden fasziniert!

Die edlen Racefullys im Detail

Diese Faszination beginnt bei den gut steifen, im Schnitt 2100 g leichten Rahmen inkl. Federbein und Hardware. Wobei das Scott Spark RC 900 SL einen neuen Bestwert von unter 1950 g setzt. In Sachen Federelemente verbauen alle Hersteller natürlich nur das Beste vom Besten. Vor allem die neue Fox-Stepcast-Federgabel hat uns begeistert: ultraleicht, dennoch steif, mit sahnigem Ansprechverhalten.

Viel Ingenieurs-Hirnschmalz steckt traditionell in den Hinterbaukinematiken. Logo, wippen darf da gerade im harten Antritt nix, dennoch müssen die Heckfederungen Traktion im Uphill generieren, bergab mehr als nur Lastspitzen herausfedern. Beim Scott Spark RC 900 SL, dem Specialized S-Works Epic FSR World Cup und dem Trek Top Fuel 9.9 Race Shop Limited kommen exklusive (Fox-)Federbeine zum Einsatz, doch auch die Hinterbauten mit Standardstoßdämpfern arbeiten auf mindestens sehr gutem Niveau.

Und: Mit Ausnahme des Specialized S-Works Epic FSR World Cup bieten alle Bikes einen nicht nur bei Rennfahrern beliebten Doppel-Remote, mit dem sich Federgabel und Federbein synchron straffen oder teils auch blockieren lassen. Dass dieser Hebel fast immer gut erreichbar unter dem Lenker sitzt, hat einen Grund: Alle Testbikes kommen mit exakt gleicher Schaltung, der neuen Sram XX1 Eagle mit 1 x 12 Gängen. Die funktioniert nicht nur super, sie zeigt zudem, dass Rennsporttechnik auch für „Normalos“ passt: Mit einem 32er-Kettenblatt vorne ist dieser Einfach-Antrieb in unseren Augen sogar voll Alpencross-tauglich.

Eigentlich lösen alle Bikes das neue Versprechen, mehr Spaß am Gas, ein. Drei Renner haben uns besonders gefallen: das mit brillantem Handling gesegnete Cannondale Scalpel-Si Team 29, das herrlich wuselig-spritzige Specialized S-Works Epic FSR World Cup und der in allen Belangen bockstarke, bergab unschlagbare Testsieger Scott Spark RC 900 SL.

Steifigkeiten und Gewichte der getesteten Racefullys

Lenkkopfsteifigkeiten: Eine hohe Lenkkopfsteifigkeit sorgt für ein präzises und direktes Handling – das Bike tanzt quasi nicht aus der Reihe. Werte über 60 Nm/° definiert MOUNTAINBIKE selbst für schwere Fahrer als ausreichend. Auch in der Praxis kam uns keines der Racefullys zu weich vor. Sogar spürbar am steifsten ist das Cannondale Scalpel-Si Team 29.

 

MOUNTAINBIKE 1216 Racefullys Lenkkopfsteifigkeit Tabelle
Foto: MOUNTAINBIKE

Gewichte: Die mit Präzisionswaagen ermittelten Einzelgewichte zeigen, wo die Pfunde stecken. Den bei sieben Bikes (Ausnahme: Specialized S-Works Epic FSR World Cup) vorhandenen Doppel-Remote haben wir zusammen mit den Gabeln gewogen. Das KTM Scarp 29 Sonic 12S XX1 weist das mit Abstand geringste Gesamtgewicht auf, besitzt aber nicht alltagstaugliche Reifen.

 

MOUNTAINBIKE 1216 Racefullys Gewichte
Foto: MOUNTAINBIKE

Punktevergabe und Bewertung

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punkteberechnung zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Punktetabelle bereits seit der letzten Saison zum Nachlesen. Zusätzlich haben wir auch dieses Jahr die Bewertungskategorien zur neuen 2017er Saison angepasst, die Punktevergabe leicht verschärft – um der aktuellen MTB-Generation gerecht zu werden und diese differenzierter zu beurteilen.

Das bedeutet auch: Es gibt jetzt weniger „überragende“ Bikes, und ein „gutes“ Bike ist wirklich „gut“. Es bedeutet aber auch: Ein „sehr gutes“ Bike mit beispielsweise 220 Punkten ist spürbar besser als ein ebenfalls „sehr gutes“ Rad mit 200 Punkten. In Summe maximal 250 Punkte vergeben wir, aufgeteilt in zwölf Bereiche.

Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, ändern wir von Test zu Test. Nur so lassen sich Bikes innerhalb der völlig unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen. So ist bei einem Marathon-Bike das Gewicht ungleich wichtiger als bei einem Enduro-Fully. Letzteres muss dafür etwa im Downhill stärker glänzen. Der Fokus bei den Racefullys in diesem Test liegt naturgemäß auf den Punkten Gewicht, Vortrieb und Uphill – dem aktuellen Trend entsprechend müssen die Bikes aber auch bergab und in Sachen Fahrspaß kräftig punkten.

Rund die Hälfte der Punkte (Gewicht Bike, Gewicht Rahmen, Rahmensteifigkeit, Ausstattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultiert aus Laborergebnissen oder aus der Analyse unserer Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den (hier nicht abgebildeten) Einzelnoten der vier erfahrenen Testfahrer aus dem Praxistest. Logo, das punktbeste Bike erhält den Testsieg. Zudem vergeben wir einen zusätzlichen Tipp für das oder die Bike(s) mit einem herausragenden Preis-Leistungs-Verhältnis.

 

MOUNTAINBIKE 1216 Racefullys Punktevergabe und Benotung Tabelle
Foto: MOUNTAINBIKE Punktevergabe und Bewertung (für Großansicht auf die Tabelle klicken)

So haben wir die Racefullys getestet

Auswahl: Vor jedem Test suchen wir in langen Diskussionen die Testbikes aus. Kriterien sind neben dem Neuheitsgrad etwa der Preis oder der Einsatzbereich – Ziel ist ein homogenes, faires Testfeld. Die Bikes werden bei den Herstellern angefordert, müssen zwei Monate bei uns bleiben, ehe sie retourniert werden.

Für diesen Test fragten wir elf Hersteller an. BH musste uns absagen, da das neue Lynx noch keine Serienreife besaß. Die neuen Racefullys von Simplon (Cirex) und Rocky Mountain (Element) standen in der passenden Größe oder im passenden Modell nicht zur Verfügung. Beide hätten mit ihrer noch abfahrtslastigeren Ausrichtung (beide mit 120-mm-Gabeln) zudem wohl auch nicht optimal ins Testfeld gepasst.

Praxistest: Jeder Biketest wird von einem Testleiter sowie drei erfahrenen Testern/Redakteuren durchgeführt. Auf einem zur Kategorie passenden, selektiven Rundkurs wird jedes Rad von jedem Tester mindestens einmal gefahren. Danach notieren die Fahrer ihre Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortriebseffizienz, Downhill oder Handling. Nach Ende des Praxistests werden alle Bikes gemeinsam besprochen und die Noten auf ungewöhnliche Abweichungen hin überprüft.

Diesen Test führten wir zunächst im Rahmen unseres Testivals in Brixen, Südtirol sowie auf unserer bewährten CC-Teststrecke bei Stuttgart durch.

Labortest: Alle Bikes werden gewogen und in ihre Einzelteile zerlegt. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufräder) einzeln gewogen, danach vermessen. Alle Gewichte sowie die Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern von uns ermittelt. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermisst unser Laborchef Haider Knall auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten. Diese Werte fließen wie Gewichte und Ausstattung in die Bewertung ein.

Der Biketest im Detail

Das Spinnennetz weiter unten auf dieser Seite zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug. Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf. Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist. Die Grafik unten zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter.

Und das versteckt sich hinter den Begriffen:

  • Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.
  • Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.
  • Ausstattung: ... umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile à la Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.
  • Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und perfektem Fahrwerk bildet die Basis für das perfekte Bike.
  • Laufruhe: Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.
  • Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.
  • Robustheit: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.
  • Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.

 

MOUNTAINBIKE 1216 Racefullys Profiler
Foto: MOUNTAINBIKE

Die 8 Racefullys in diesem Test

09.12.2016
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2016